Rockenhausen
Letzte-Generation-Aktivist Micha Frey: „Wir müssen nicht beliebt sein“
Micha Frey kennt die Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim von innen. Der 24-Jährige aus Rehweiler (Kreis Kusel) hat sein Studium im bayerischen Passau unterbrochen, um sich mit der Letzten Generation dem Kampf um den Klimaschutz zu stellen. Er lässt sich auch nicht davon aufhalten, wenn er bei Sitzblockaden von der Polizei in Gewahrsam genommen wird. Bei der von den Jusos Donnersbergkreis organisierten Podiumsdiskussion am Freitagabend trifft er auf die frühere rheinland-pfälzische Umweltministerin Margit Conrad, auf Marcel Divivier-Schulz vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Pfalz und auf Buchautor Maurice Conrad, der bei der nicht weniger bekannten Klimaschutzbewegung Fridays for Future aktiv ist.
Sie haben im November eine Woche im Gefängnis verbracht, nachdem Sie bei einer Blockade festgenommen worden waren. Haben Sie sich seither zurückgehalten?
Nein, ich habe weiter an Protesten teilgenommen, die haben wir ja auf die gesamte Republik ausgeweitet. Im Februar bin ich in Passau bei einer Straßenblockade erneut festgenommen worden und habe dann eine Woche in der JVA Stadelheim verbracht. Es gibt nach dem bayerischen Polizeiaufgabengesetz eine sogenannte Präventivhaft, die bis zu 30 Tage dauern kann. Bei mir waren 17 Tage angeordnet, das wurde dann aber verkürzt. Mittlerweile kümmere ich mich in Bayern vermehrt um die Pressearbeit der Letzten Generation, beteilige mich aber auch weiter an Protesten, solange die Regierung nicht auf unsere Forderungen eingeht und zurück auf den Boden der Verfassung kommt.
Sie treten am Freitagabend in Rockenhausen auf. Provokativ gefragt: ländliche Gegend, überwiegend mit bodenständigen Menschen – steht denen der Sinn nach Kartoffelbreiwerfen und Festkleben? Oder sind das nicht eher Großstadtthemen?
Es ist etwas schwieriger, auf dem Land Fuß zu fassen. Aber die richtigen Ansprechpartner sind wir alle. Denn es geht um unsere Lebensgrundlage, um die unserer Kinder und Enkel.
Beim Thema Klimaschutz ist das sicherlich so. Aber ich meine explizit die Herangehensweise der Letzten Generation.
Sie haben Recht, aber genau deshalb ist es so wichtig für uns, bei solchen Veranstaltungen wie in Rockenhausen Verständnis zu schaffen, worum es eigentlich geht und wie wir die Ziele erreichen wollen. Wir haben ja die Straßenblockaden nicht erfunden. Da gibt es genügend historische Vorbilder, die zeigen, was man tun muss, um Regierungen unter Druck zu setzen in Zeiten dringlicher und essenzieller Krisen.
Auf welches dieser Vorbilder beziehen Sie sich dabei besonders gerne?
Wir berufen uns vor allem auf die Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er Jahre, die in einer Demokratie eingetreten ist für mehr Bürgerrechte. Da wurden Einkaufsmalls blockiert, und es wurden bewusst ungerechte Gesetze übertreten wie etwa die nach Hautfarben getrennte Sitzordnung in Bussen. Aber auch die Frauenrechtsbewegung und Gandhis Kampf für die Unabhängigkeit Indiens haben gezeigt, dass durch friedlichen zivilen Widerstand viele Errungenschaften erkämpft wurden.
Wie war denn die Resonanz bei Ihren bisherigen Auftritten in Kleinstädten und auf dem Land?
Das ist für mich am Freitag tatsächlich die erste Podiumsdiskussion als Vertreter der Letzten Generation.
Was erwarten Sie sich? Was können die Besucher erwarten?
Das Wichtigste: Es wird über Klimaschutz gesprochen. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass es nicht stimmt, wenn behauptet wird, es würde nur über die Protestform gesprochen. Und ein Beweis, dass unser Protest es schafft, Klimaschutz in diesem Land nach oben auf der Agenda zu bringen.
Wenden Sie sich an die Besucher oder ans Podium, auf dem ja noch andere Platz nehmen?
Ich möchte sowohl die Besucher erreichen als auch beispielsweise Frau Conrad. Mir ist es vor allem wichtig, an die besondere Verantwortung von Politikern zu appellieren und auf deren aktuelles Versagen hinzuweisen.
Im November hatten Sie davon gesprochen, eine Ortsgruppe Westpfalz der Letzten Generation zu gründen. Was ist daraus geworden?
Das haben wir getan. Sie steht in enger Kooperation mit der Ortsgruppe Saarbrücken, und in Saarbrücken und Kaiserslautern hat es im Februar bereits eine erste Straßenblockade gegeben.
Wie viele Mitglieder haben sich in der Westpfalz gefunden?
Genaue Zahlen sind immer schwierig. Es gibt Leute, die sich rein aus Interesse anmelden, dann gibt es sehr aktive. Das lässt sich nicht so einfach greifen.
Aber reden wir eher über fünf oder über 50?
Ich denke, es sind zehn bis 20.
Wie viel Zeit investieren Sie in Klimaschutz, und wie finanzieren Sie sich in dieser Zeit?
Ich bin noch an der Uni eingeschrieben, aber seit Oktober bin ich de facto nur noch für den Widerstand der Letzten Generation da. Ich fragte mich: Wofür soll ich studieren, wenn wir keine lebenswerte Zukunft haben? Ich investiere meine Energie, um die Regierung zum Handeln zu bringen, nicht ins Studium. Zur Finanzierung: Ich bin sozusagen spendenfinanziert. Die Pressearbeit für die Letzte Generation in Bayern mache ich als Angestellter des Wandelbündnisses, einem Verein mit Fonds, der den sozialen und ökologischen Wandel fördert. So wie Greenpeace hauptamtliche Mitarbeiter hat, braucht dies auch die Letzte Generation. Es gibt Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, auf die Straße zu gehen, und die uns mit Geld unterstützen. Und wir, die wir uns täglich einbringen, brauchen Geld für den Lebensunterhalt.
Sie waren früh kommunalpolitisch bei den Grünen engagiert. Spätestens die Aktion, als sich Mitglieder der Letzten Generation auf an Flughäfen aufs Rollfeld geklebt haben, wurde quer durch alle Parteien verurteilt. Wo finden Sie sich im politischen Spektrum wieder?
Ich bin noch immer Mitglied bei den Grünen, ich habe da noch Hoffnung. Sie waren die Partei, die mit dem Anspruch gegründet wurde, das Klima und somit die Zukunft unserer Nachfahren zu retten. Leider sind sie zu viele Kompromisse eingegangen. Aber es ist auch nicht relevant, wo wir uns sehen. Es liegt im Interesse aller zu überleben. Dafür müssen auch die Parteien erreicht werden, aber für unsere Dinge ist die Positionierung im politischen Spektrum nicht wesentlich.
Sie würden also auch mit Alexander Dobrindt reden, dem Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag, der die Letzte Generation gerne mit der Terrorgruppe RAF vergleicht?
Es wäre super, wenn Herr Dobrindt auf uns zukommt und etwas für den Klimaschutz tun will. In den Städten, in denen wir protestieren, schreiben wir ja auch Briefe an die Stadt, und drei Oberbürgermeister haben sich schon hinter uns gestellt, wollen uns unterstützen. Uns ist es da egal, von welcher Partei sie sind.
Aber was sagen Sie zu solchen Vergleichen?
Das ist eine reine Ablenkungsdebatte, weil die Politik versagt hat.
Können Sie Ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass es nicht irgendwann radikaler, extremistischer, gar terroristisch werden könnte?
Etwas auszuschließen, ist natürlich ein kaum machbarer Beweis. Aber wir sind ganz klar eine friedliche Bewegung. Das ist jedem klar, der mit uns auf die Straße geht. Selbst der Präsident des Verfassungsschutzes verteidigt uns ja. Sicherlich gibt es auch im friedlichen Widerstand verschiedene Stufen der Eskalation, aber es ist jedem klar bei uns, dass es für uns sowohl aus moralischer wie aus strategischer Sicht eine klare Grenze geben muss. Und die ist dort, wo man die Friedlichkeit verlassen würde.
Und mit dem, was Sie bereits tun, bringen Sie nicht Menschen gegen sich und damit das Thema Klimaschutz auf?
Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube, der auch von der Politik geschürt wird. Es ergibt doch gar keinen Sinn, dass jemand, der verstanden hat, worum es geht, weniger mit Klimaschutz verbindet, nur weil er unsere Methoden doof findet. Man muss erstmal polarisieren, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Uns ist bewusst, dass wir stören und wie die meisten Bewegungen am Anfang nicht beliebt sind – das müssen wir auch nicht sein. Ein Feueralarm stört auch, ist aber notwendig.