LOHNSFELD
Kriegsende 1945: Als die Panzer nach Lohnsfeld kamen
Fehl, Jahrgang 1929, wurde im Herbst 1944 als 15-jähriger Hitlerjunge zum Volkssturm eingezogen und nach Rockenhausen abkommandiert. Hier brach er sich das Schlüsselbein bei der Ausbildung an der Panzerfaust. Zur Genesung wurde er wieder ins heimatliche Lohnsfeld entlassen, der Krieg schien für ihn beendet zu sein. An jenem Montag im März – heute vor 75 Jahren – holte ihn das Grauen jedoch ein. Im Alter von 87 Jahren, nur wenige Monate vor seinem Tod, erzählte der frühere Leiter einer zivilen Dienststelle bei den US-Streitkräften die Geschichte jenes denkwürdigen Tages. Winfried Maier hat Fehls Erinnerungen aufgezeichnet.
Jagdbomber kreisen am Himmel
„Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Einzig amerikanische Jagdbomber vom Typ P-47 Thunderbolt kreisten am Himmel und störten hin und wieder die Ruhe. Häufig hatten es die ’Jabos’ auf die Eisenbahnknotenpunkte Langmeil und Enkenbach-Alsenborn abgesehen. Und meistens schossen sie auf alles, was sich bewegte. Aber an diesem Morgen fielen keine Bomben und ratterten keine Bord-Maschinengewehre.
Auch tagsüber blieb es zunächst weitgehend ruhig. Lediglich ein Lastwagen wurde am frühen Nachmittag von einer P-47-Maschine beschossen. Aber weder die Jabos noch ein kleineres Aufklärungsflugzeug hatten am nördlichen Ortsrand Lohnsfelds zwei 8,8-Zentimeter-Geschütze sowie weitere Flug- und Panzerabwehrwaffen eines deutschen Flak-Bataillons entdeckt. Diese Einheit war erst zwei Tage zuvor hier in Stellung gegangen.
Die ersten fünf Panzer passieren
Um freies Schussfeld für die schweren Waffen zu bekommen, wurden an der Kaiserstraße einige der noch zu Napoleons Zeiten gepflanzten Bäume gefällt. Die Soldaten des Bataillons waren bei Lohnsfelder Familien einquartiert, der Kommandeur, ein Hauptmann Benneke, sogar in meinem Elternhaus.
Gegen 16.30 Uhr setzte sich von Winnweiler her eine größere US-Panzerkolonne auf der Landstraße nach Lohnsfeld in Marsch. Die örtliche Bevölkerung suchte in den Kellern ihrer Häuser Schutz. Die deutschen Verteidiger ließen die ersten fünf leichteren Panzer in Richtung Wartenberg passieren. Schwere Sherman-Tanks rückten nach. Dort, wo die Straße nach Winnweiler von der Kaiserstraße abzweigt, hatte sich ein Wehrmachts-Unteroffizier hinter einem Holzstapel versteckt. Ihm gelang es, vier der Kolosse mit der Panzerfaust abzuschießen.
Die Motoren starben ab, die Tanks blieben stehen. Die Besatzung eines fünften Panzers ergab sich und wurde gefangen genommen. Ein weiterer Landser hatte aus der Scheune gegenüber dem Anwesen Pfeiffer heraus ebenfalls mit der Panzerfaust auf die Shermans gefeuert, worauf sowohl diese Scheune als auch jene auf der anderen Straßenseite in Brand geriet. Inzwischen trafen die Granaten der 8,8-Flak-Geschütze 14 weitere US-Tanks, die teils beschädigt, teils zerstört liegen blieben. Ein Sherman ging in Flammen auf. Mehrere Besatzungen stiegen aus und flüchteten über das Feld, gerieten dabei aber in deutsches MG-Feuer.
Nahkampf im Schützengraben
Einige der Amerikaner versuchten, sich in die entlang der Straße ausgehobenen Schützengräben zu retten, wobei es zu Nahkampfsituationen mit darin verschanzten Wehrmachts-Soldaten kam. Nach dem Gefecht, das nur 30 Minuten dauerte, sammelte eine deutsche Sanitätseinheit Verwundete beider Seiten ein und versorgte sie in den Räumen der Bäckerei Pfeiffer.
Auf deutscher Seite waren an diesem Nachmittag zwei Gefallene zu beklagen. Aus Neugier getrieben und von Heldenmut beseelt, schlich ich in der Dämmerung mit meinen gleichaltrigen Freunden Heinz Hanke und Toni Bernhard zu den abgeschossenen Panzern. Durch die offenen Luken konnten wir die toten Soldaten sehen, die den Eindruck erweckten, als schliefen sie.
Am Abend räumte das deutsche Flak-Bataillon seine Stellungen und rückte in östlicher Richtung ab. An den genagelten Stiefelsohlen waren die harten Marschtritte der Wehrmachtssoldaten deutlich zu erkennen; Amerikaner hingegen hatten geräuschdämpfende Gummisohlen auf ihrem Schuhwerk.
Da die beiden 8,8-Geschütze im Schlamm stecken blieben, ordnete Hauptmann Benneke deren Sprengung an. Die gefangenen Amerikaner und alle Verwundeten wurden in der Obhut der Familie Pfeiffer und eines deutschen Stabsarztes zurückgelassen.
Auf der anderen Seite bargen die Amerikaner im Schutz der Dunkelheit die Panzerwracks und stellten sie auf einem Feld nördlich der Kaiserstraße ab. In der Nacht kamen amerikanische Patrouillen in den Ort und töteten weitere 18 Wehrmachtssoldaten nahezu ohne Gegenwehr. Die gefallenen deutschen Soldaten wurden zunächst auf dem Friedhof in Lohnsfeld begraben, später aber nach Dahn umgebettet. Über die Höhe der amerikanischen Verluste ist nichts bekannt.
Keine zivilen Opfer mehr
Am nächsten Morgen rückten starke US-Kräfte mit Kampfpanzern und Infanterie in Schützenpanzern von Potzbach herkommend in Lohnsfeld ein. Sie durchkämmten den Ort und durchsuchten Haus für Haus nach versteckten deutschen Soldaten. Wer sich ergab, wurde gefangen genommen. An der Gabelung Otterberger Straße/Höringer Straße sicherten 20 Panzer das Vorgehen der Infanterie. Später kamen Lkws mit weiteren Soldaten. Die Amerikaner blieben etwa zwei Wochen. Einige Lohnsfelder Familien mussten für die Einquartierung der Besatzer ihre Häuser räumen. Im Ort wurde es eng, da hier vor der Ankunft der US-Truppen schon viele aus dem Saarland und aus Ludwigshafen evakuierte Familien untergebracht waren. Die amerikanischen Soldaten verhielten sich korrekt, es gab keine Opfer unter der Zivilbevölkerung und auch keine Übergriffe gegen Frauen. Erst im Juli wurde Lohnsfeld erneut besetzt, dieses Mal von Franzosen.
Nach dem Krieg schmiedete Heinrich Blickensdörfer aus Potzbach für mich eine Axt mit den Initialen HF aus dem Stahl einer Rückschlagfeder der geborstenen 8,8-Geschütze, mit der später viel Holz geschlagen wurde.“