Donnersbergkreis
Kleine Kinder, große Sorgen: Wie geht’s weiter mit der Kita-Betreuung im Kreis?
Mitte April haben es Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Bildungsministerin Stefanie Hubig in einer Pressekonferenz angekündigt, zwei Tage später hat das Landesjugendamt in einem Schreiben an die Träger von Kindertagesstätten nachgelegt: Das „von Anfang an sehr weite Verständnis der Notbetreuung“ in Rheinland-Pfalz solle nochmals ausgedehnt werden, „damit allen Kindern, deren Eltern und Sorgeberechtigten die Organisation einer privaten Betreuung nicht möglich ist“, geholfen werden könne. Es sei „damit zu rechnen und auch gewollt, dass auch die Nachfrage an Notbetreuungsplätzen steigt“.
Dass die Eltern dringend Unterstützung brauchen, dass den Kindern – vor allem jenen mit erhöhtem Förderbedarf – der dauerhafte Kita-Entzug schadet, steht außer Frage. Wie jedoch die Erzieherinnen und Erzieher bei einem wieder zunehmenden Betrieb das Infektionsrisiko möglichst gering halten sollen, dazu gibt das Land recht wenig preis. Zumal es bislang keine seriöse Studie gibt, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus spielen. Nachfolgend einige Fragen, die wir Kita-Trägern im Kreis gestellt haben – und deren Antworten.
Halten es die Träger für richtig, dass Rheinland-Pfalz in Sachen Notbetreuung großzügiger agiert als andere?
Am ehesten zu beantworten mit einem „Ja, aber“. Grundsätzlich haben die Träger großes Verständnis für die Nöte der Eltern, weil „wichtige Betreuungszeiten wegfallen“, so der für sechs Kitas in der VG Nordpfälzer Land verantwortliche Bürgermeister Michael Cullmann. Für viele sei es derzeit „eine große Herausforderung, Familie und Beruf zu vereinen“. Da die „soziale Komponente und die Qualität eines Kita-Besuchs“ nicht zu ersetzen seien, hält er es auch für richtig, „die Härtefallregeln für die Notbetreuung in den Blick zu nehmen“. Offene Fragen sieht er aber beim Gesundheits- und Hygieneschutz: „Ich halte die Vorschläge für Abstandsregeln oder Mundschutz nur schwer umsetzbar.“ Das spräche wieder für kleinere Gruppen und Begrenzungen. Dennoch hält er die Ausweitung „für einen machbaren Schritt, der Perspektiven für den weiteren Weg aufzeigen kann“.
Der Winnweilerer Verbandsbürgermeister Rudolf Jacob hätte sich klarere Vorgaben vom Land gewünscht. „Durch die ’Generalklausel’, jedes Kind aufzunehmen, dessen Eltern keine andere Betreuungsmöglichkeit haben, hatten wir von Anfang an die Situation, dass theoretisch alle Kinder einen Anspruch auf Notbetreuung gehabt hätten, sofern sich die Eltern darauf berufen hätten“, teilt Jacob für „seine“ sieben Kindergärten mit. Glücklicherweise seien die Eltern aber „so vernünftig und verantwortungsbewusst, dass in 99 Prozent der Fälle in unseren Kitas wirklich nur ’echter’ Notfallbetreuungsbedarf geltend gemacht worden ist“. Die Schließung der Kitas diene ja auch dem Schutz der Kinder, das hätten die meisten Familien verstanden.
Die lobenswerte Haltung der Eltern betont auch Anja Höhn vom evangelischen Kindergarten „Regenbogen“ in Obermoschel. Sie hält es generell schon für erforderlich, „die Notbetreuung auszuweiten, damit Familien wieder entlastet werden“. Jedoch seien Hygienemaßnahmen wie Mundschutz tragen und Abstand halten in einer Kita sehr schwer umzusetzen. „Diese Ausweitung bedeutet eine größere Gefährdung für uns und unsere Familien.“ Ein eher „restriktives Vorgehen“ befürwortet der Kirchheimbolander Stadtbeigeordnete Michael Ruther, in dessen Geschäftsbereich die drei städtischen Kitas fallen. Allerdings will er das Vorgehen des Landes nicht beurteilen und gibt zu bedenken, „dass auf die Politik immer wieder neue Fragen zukommen“.
Gibt es nach der angekündigten Ausweitung der Notbetreuung einen zunehmenden Bedarf an Plätzen?
Ja. Von 15 neuen Anmeldungen – teils ab heute – berichtet Cullmann. An allen sechs Standorten der VG Kita ROK stehen Notgruppen bereit. In der VG Winnweiler seien vier Kinder mehr als zuvor angemeldet worden, teilt Jacob mit. Von drei auf zirka sechs bis acht Kinder habe sich die Anzahl in der Kita Obermoschel erhöht, so Höhn. Auch in Kibo wächst der Bedarf, „da jetzt viele Eltern an ihre Arbeitsplätze zurückkehren“, so Ruther.
Jacob will daher das Angebot weiter möglichst „restriktiv“ handhaben: „Eltern, die eine Notfallbetreuung geltend machen, müssen entsprechende Nachweise vorlegen, die teilweise auch stichprobenartig bei den Arbeitgebern verifiziert werden.“ Ruther setzt auf „individuelle Lösungen“: „Wir fragen die Eltern, von wann bis wann sie arbeiten und betreuen das Kind dann zu genau diesen Zeiten.“
Spüren die Träger bei ihrem Kita-Personal Ängste im Zusammenhang mit der Ausweitung? Oder überwiegt die Freude der Erzieher(innen), zumindest einige Kinder wiederzusehen?
Dass sich die Teams auf „ihre“ Kinder freuen, betonen alle. „Unsere Erzieher(innen) vermissen die Kinder und Eltern sowie die Lebendigkeit in ihren Kitas sehr“, sagt Cullmann. Zu den Eltern werde auf mehreren Wegen Kontakt gehalten. Dennoch gebe es bei den Mitarbeitern aus den genannten Gründen „berechtigte Ängste“, weshalb es „spezieller Regelungen“ bedürfe. Hier habe das Träger-Tandem Sabine Bold und Claudia Manz-Knoll ein „sehr gut funktionierendes Krisenmanagement etabliert“, man halte täglich Kontakt zum Personal vor Ort und zudem Treffen in „virtuellen Räumen“ ab, so Cullmann.
Höhn verweist für die Obermoscheler Kita auf ihre vorherige Äußerung, dass sie schon eine erhöhte Gefährdung für ihr Personal sieht. Auch Ruther erwartet mit steigenden Kinderzahlen „immer neue Herausforderungen, wie zum Beispiel Mittagessen oder Mittagsschlaf“. Daher spüre er schon eine Verunsicherung bei den Mitarbeitern. „Wir wissen, dass die Eltern unter Druck sind. Aber die Gefahr, mit dem Virus in Kontakt zu kommen, steigt dadurch wieder.“ Jacob teilt dagegen mit, die Kita-Mitarbeiter zeigten „diesbezüglich keine erkennbaren Ängste“. Wer den Risikogruppen angehöre, werde in der Notfallbetreuung nicht eingesetzt.
Sehen die Träger ihre Kita-Teams ausreichend geschützt?
Jein. Jacob informiert, die VG habe „alle notwendigen Maßnahmen des Arbeitsschutzes ergriffen und umgesetzt“. Cullmann ergänzt für die VG Kita ROK, man habe sich an „alle rechtlich vorgeschriebenen Handlungsanweisungen gehalten“, zudem eigene Hygieneschutzpläne sowie Gefährdungsbeurteilungen erstellt. Allerdings sei eine Prognose schwierig, ob dies ausreichend ist: „Das ist erst nach zehn bis 14 Tagen festzustellen.“
Für die kirchliche Einrichtung in Obermoschel teilt Höhn dagegen mit, diese habe sich „selbst um einen Schutz gekümmert“. So habe das Team Desinfektionsmittel bestellt und Masken genäht, von anderen Stellen „wurden uns keine Schutzmaßnahmen zu Verfügung gestellt“. Ruther wiederum vertritt die Ansicht, „wir können das Team nicht ausreichend schützen, wenn die Kontakte steigen“. Zwar habe er selbst in allen Kitas Schutzmasken verteilt. Aber erstens sei das Tragen nur eine Empfehlung, zweitens fürchtet er, dass diese eine nur scheinbare Sicherheit suggerierten und dadurch die Hemmschwelle im Umgang miteinander sinke: „Manche denken dann vielleicht unterbewusst, man sei ja geschützt.“
Was passiert, wenn es in der Kita einen bestätigten Corona-Fall gibt?
Die wahrscheinlichste Variante: Die Einrichtung kann (vorerst) nicht mehr öffnen. Zwar betont Jacob, diese „Entscheidung obliegt dann dem Gesundheitsamt“. Es wäre jedoch naheliegend, „dass eine Einrichtung, in der ein Infektionsfall auftritt, für mindestens 14 Tage komplett geschlossen werden wird“. Das sieht Höhn genauso: „Da halten wir uns an die Vorgehensweise des Gesundheitsamtes.“ Auf dieses verweist auch Cullmann, gleichwohl eine Schließung „beim Auftreten eines Infektionsfalls zu befürchten sei“. Denkbar sei zunächst aber auch die Anordnung einzelner Quarantänen. Grundsätzlich hätten der VG-Krisenstab und die VG Kita ROK „klare Handlungsmuster und Prozessbeschreibungen“ erarbeitet.
Für Ruther ist hingegen klar: „Sobald Eltern oder Kinder betroffen wären, müsste die Kita schließen.“ Und er betont, besonders leid tut es ihm für die Schulanfänger in spe: Sie werden durch Covid-19 „um ein großes Fest und einen Ausflug in die Jugendherberge gebracht“. Doch der Beigeordnete verbreitet auch Zuversicht: „Letztlich werden wir alles lösen.“
Kommentar: Zähneputzen mit Nutella
Hier verzweifelte Eltern, deren Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung so sei wie „Zähneputzen mit Nutella“, wie es Tagesthemen-Journalistin Kirsten Girschick zugespitzt hat. Da Kommunen, Träger und Erzieher(innen), denen die Nöte vieler Familien vollauf bewusst sind und die trotzdem die Risiken einer weiteren Kita-Öffnung fürchten. Nur vermeintlich stehen sie auf verschiedenen Seiten – tatsächlich sitzen sie im gleichen (Corona-)Boot, das seit Wochen ohne klaren Kurs auf stürmischer See schlingert.
Keine Frage: Gerade die Kleinsten sind (bei aller Liebe!) die größte Herausforderung beim Arbeiten in den eigenen vier Wänden, zugleich aber zwangsläufig die Generation, der die aktuellen Vorschriften am schwersten zu vermitteln ist – ja deren Einhaltung in einer Kita praktisch unmöglich ist. Dass Parlamente und Regierungen in dieser Ausnahmesituation nicht sofort „einen Plan im Sack“ haben – völlig verständlich. Wenn aber gerade Rheinland-Pfalz die Kriterien für Notbetreuung von Beginn an sehr großzügig gestaltet und später sogar eine Ausweitung explizit wünscht, dann braucht es dafür schon genaue Maßgaben, wie mit zunehmender Anzahl von Kindern das Infektionsrisiko möglichst gering gehalten werden kann. Und irgendeine Strategie, wie es mittelfristig weitergehen soll.
Stattdessen werden die Verantwortlichen vor Ort mit dem Erstellen von Hygieneplänen und Abstandsregeln, teils sogar mit dem Besorgen von Schutzmaterial allein gelassen. Da ist der vorige Woche von den Familienministern erarbeitete Vier-Stufen-Plan – ohne genaue Zeit-Perspektive! – nur ein kleiner Anfang. Und doch auch ein weiterer Beleg, dass ein klares Konzept nach wie vor fehlt. Wohl auch deshalb wird das Thema von vielen Bundes- und Landespolitikern entgegen seiner gesellschaftlichen Bedeutung eher stiefmütterlich behandelt.
Dass die Notgruppen in unserer Region bislang gut funktionieren, ist vor allem der gegenseitigen Rücksichtnahme sowie der Zusammenarbeit zwischen Tagesstätten und Eltern, Kreisverwaltung und Trägern zu verdanken. Ist die „große“ Politik – zumindest in der Anfangszeit – für ihr Krisenmanagement im Zusammenhang mit Covid-19 (zurecht) oft gelobt worden, so gab sie bisher bei der Kinderbetreuung kein gutes Bild ab. Fragt sich, wie lange das „Zähneputzen mit Nutella“ noch gut geht ...