Donnersbergkreis
Kinder in der Krise: Tagesstruktur, zuhören, rausgehen!
„Wir sehen Veränderungen in jeder Altersstufe, aber vor allem bei den Jugendlichen ab zehn, zwölf Jahren“, berichtet Kinderärztin Ulrike Gaida aus Rockenhausen. Besonders depressive Verstimmungen seien in den vergangenen Monaten vermehrt aufgetreten, sagt die promovierte Medizinerin. „Es gab lange keine Treffen mit Bezugsgruppen, auch die Schule als Begegnungsort fehlt.“
Gaida sieht eine große Kluft zwischen Familien, in denen die Tage, speziell während des Lockdowns, „irgendwie“ verbracht wurden, und Familien, in denen es eine feste Tagesstruktur gab. „Es ist ein Problem, wenn die intellektuelle Förderung fehlt. Die Sprachentwicklung leidet, auch die Ernährungserziehung. Im Umgang miteinander entstehen unter Umständen Aggressionen. Die psychoemotionale Kontrollinstanz, die die Schule darstellt, hat gefehlt.“
Ausreichend Bewegung ist sehr wichtig
Als problematisch erlebt sie, dass Kinder sich kaum mehr draußen bewegen und reale Begegnungen durch Medienkontakte ersetzt werden. „Unruhe und Konzentrationsprobleme sowie Gewichtszunahme selbst bei den Kleinsten sind wachsende Problemfelder“, erklärt die Ärztin. „Ein pubertärer Jugendlicher wird in der Regel zu Hause nichts erzählen. Jugend wächst an den Gleichaltrigen“, betont sie die Unersetzlichkeit gemeinsamer Unternehmungen und Kontakte. Gleichzeitig weiß sie aber auch: „Medienkonsum ist nicht nur schrecklich, wenn’s funktioniert, hat das auch Vorteile.“ Ihr Rat für Eltern lautet: „Selbst ein gutes Vorbild sein, Struktur in den Tag bringen und gezielt Zeit mit dem Kind verbringen. Das gibt Halt und Sicherheit. Ganz wichtig ist ein offenes Ohr, zum Beispiel ein Gespräch bei einer gemeinsamen Mahlzeit am Tisch.“
Ganz ähnlich sieht dies auch Psychotherapeutin Nora Madle-Wieschmann. Sie betreibt eine Praxis mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie für Kinder und Jugendliche in Kirchheimbolanden. „Zuhören, zuhören, zuhören“, ist ihr Tipp für Eltern, die sich Sorgen um ihren Nachwuchs machen. „Während der krassen Lockdown-Phasen war das Wichtigste, ein Minimum an Normalität und Struktur aufrechtzuerhalten und in Bewegung zu bleiben, raus an die frische Luft.“
Geschlossene Schulen kosten Energiereserven
Aus ihrer Sicht waren die Schulschließungen ein großes Problem: „Viele Kinder und Jugendliche, die die ersten Monate der Pandemie tapfer überstanden hatten, kostete der Winter mit geschlossenen Schulen ihre letzten Energiereserven. Der Wellenbrecher kam meines Erachtens zu spät und zu hart. Die Anfragen stiegen ab Januar 2021 deutlich an, vor allem Angsterkrankungen wie Krankheitsängste und Sozialphobien sowie depressive Symptome waren zu beobachten.“ Sie hat einen unkonventionellen Vorschlag: „Zwei Monate vormittags Wandertag von 8 bis 13 Uhr und nachmittags können schriftlich Aufgaben zuhause erledigt werden – wo war das Problem?“
Auch Kinderärztin Gaida sieht Schulschließungen äußerst kritisch. „Das darf nicht wieder passieren. Aber im Herbst und Winter ist die Maskenpflicht absolut nötig. Eine Impfung auch für junge Kinder wird ein Thema sein.“
Die Serie:
Spielen mit Freunden, der Austausch mit Lehrer oder Erzieherin, Treffen auf dem Spielplatz oder im Fußballverein – viele Entwicklungsmöglichkeiten waren in den vergangenen Monaten coronabedingt stark eingeschränkt. Welche Spuren dies bei jungen Menschen hinterlassen hat und was nun getan werden kann, darum geht es in unserer Reihe „Kinder in der Krise“. Im ersten Teil ging es um die Frage: „Wo geht’s zurück in die Normalität?“