Steinbach
Jugendliche begegnen dem Tod: Ein besonderer Konfitag auf dem Friedhof in Steinbach
Gerade haben sie sich an Halloween zwischen Skeletten und Totenköpfen noch ordentlich gegruselt, schon geht es an Allerheiligen auf dem Steinbacher Friedhof nochmals zur Sache. Diesmal ist es allerdings kein Spiel mehr. An mehreren Stationen sind die Konfis aus den Kirchengemeinden Dannenfels-Steinbach, Alsenborn und Mehlingen dem Thema Tod ganz nah – sei es beim Blick in einen Sarg, in den Leichenwagen, die Kühlung der Aussegnungshalle oder bei einer Urnen-Ausstellung in der Kirche.
„Zum Thema Tod gibt es viele Fragen“, weiß Jessica Rust-Bellenbaum. Die Pfarrerin aus Dannenfels hatte die Idee zu diesem speziellen Konfitag und dafür ihre Kolleginnen Katja Wolf (Alsenborn) und Ute Samiec aus Mehlingen sowie mehrere Bestatter gewonnen. „Zahlreiche Fragen trauen sich Erwachsene kaum zu stellen“, lautet Rust-Bellenbaums Erfahrung. Jugendliche hätten sogar noch tiefergehende Fragen, das erlebe sie oft in Trauergesprächen. Daher sei ihr Anliegen, das Thema aus der Tabuzone herauszuholen. Die Menschen sollten sich damit nicht allein fühlen oder gar fürchten, sagt die Pfarrerin.
Wie ist das mit Prothesen?
Berührungsängste abbauen können die Konfis bei der Begegnung mit Bestatter Uwe Holzmann an dessen Leichenwagen. Die schwarze, auf Hochglanz polierte Limousine sei nicht irgendein Auto von der Stange, klärt er auf und zieht eine Rollentrage heraus. Der Leichensack darauf lässt einige zunächst erschaudern. Holzmann öffnet den blauen Bodybag und zeigt auf ein großes, weißes Tuch: „Wer will mal anfassen?“, fragt er in die Runde. Einige gehen sicherheitshalber auf Distanz. „Hat da schon jemand dringelegen?“, lautet eine Frage. Holzmann bestätigt das, allerdings ist das Tuch längst gereinigt. Er erläutert, wie die verstorbene Person darin eingewickelt wird. „Was ist, wenn das Tuch reißt?“, lautet eine Frage. Und „können auch Übergewichtige damit eingewickelt werden?“, will jemand wissen.
Auch die nächsten Fragen sind praktischer Natur und makaber zugleich, etwa, wenn ein Arm oder Bein bei einem Unfall abgerissen wurde: „Kommt das dann mit in den Sack, wird es vielleicht angenäht?“ Auch stellt sich eine Frage nach Prothesen: „Werden die mit bestattet, oder können die Hinterbliebenen diese noch verkaufen?“, interessiert sich ein Junge. Auf all das weiß Holzmann Antworten. Und auf einmal fällt es manchem gar nicht mehr so schwer, Fragen zum Thema Tod zu stellen. Je mehr die Jugendlichen erfahren, desto geringer werden ihre Berührungsängste.
Wie ein Sarg von innen aussieht
Zwar sind die Steinbacher weniger katholisch, daher herrscht an Allerheiligen nicht der ganz große „Friedhofsverkehr“. Dennoch sind einige Menschen mit Gestecken zu Gräbern unterwegs. Von dem Leichenwagen an Allerheiligen sind offenbar einige Besucher irritiert; die Pfarrerinnen klären auf. Den Konfis hatte Pfarrerin Katja Wolf zuvor Verhaltensregeln für den Friedhof erläutert – und daran halten sie sich durchweg. Eine Aufgabe: ein Grab mit einer Person suchen, die sehr alt wurde. Außerdem sollen sie Gräber finden, deren Gestaltung Trost und Hoffnung ausstrahlt.
In der Friedhofshalle wartet derweil schon Christine Holzmann auf die Jugendlichen. Um zu zeigen, wie ein Sarg von innen aussieht. „Ist das weich?“, lautet eine Frage beim Blick in die mit Seidenstoff und Kissen ausgeschlagene Kiste. Dann geht es darum, wie die Verstorbenen gekleidet sind: Es muss nämlich nicht immer der schwarze Anzug oder das Ausgehkostüm sein. „Wenn es zu der Person gepasst hat, dann dürfen die Angehörigen durchaus Jogginghose und Sneakers mitgeben“, schildert die Bestatterin. „Und wenn nochmal jemand wach wird ...?“ Das komme in der Realität nicht vor, versichert Rust-Bellenbaum. „Das gibt es vielleicht in Filmen, aber nicht wirklich“, sagt sie.
Auch die Pfarrerin ist manchmal den Tränen nah
Dann fragt sie, ob die Konfis mal einen Blick in die Leichenkühlung werfen wollen. „Da sind aber jetzt keine Menschen drin?“, ist ein Mädchen unsicher. „Auch nicht vor einem, oder vor zwei Tagen?“ Da die letzte Beerdigung schon länger zurückliegt, darf die Tür geöffnet werden. Auch im Bestattungshaus gebe es eine Kühlkammer, berichtet Holzmann. Dort seien es drei bis vier Grad. „Das ist schon kalt“, sagt die Bestatterin. Sie erschrecke manchmal selbst, wie kalt sich die Verstorbenen anfühlen.
Auch Pfarrerin Ute Samiec zeigt Empathie. Bei manch einer Trauerfeier sei auch sie den Tränen nah, sagt die Theologin aus Mehlingen. Sie erzählt, wie sie die Feiern gestaltet, dass sie dabei noch einmal das Leben in Erinnerung bringe – beispielsweise, „was die Oma gerne gebacken hat und ob der Opa viel auf dem Betze war“. Aber manchmal sind es ja auch jüngere Leute, die sterben. Samiec weiß, dass die Erinnerung den Trauernden beim Abschiednehmen hilft. „Da darf auch mal gelacht werden.“ So auch bei der Auswahl der Musiktitel – Mallorca-Hits und „Biene Maja“ inklusive.
Fast wie bei einem Leichenschmaus
Die Konfis stammen zwar aus unterschiedlichen Kirchengemeinden, kennen sich aber teilweise von Schule, Sport oder Freizeit, berichtet Rust-Bellenbaum. Die Kooperationsgruppe der drei evangelischen Pfarreien hat den Konfitag zum Thema Tod erstmals organisiert – eine Wiederholung sei gewünscht. In der Kirche erfährt die Gruppe anschließend von Bestatter Sven Hofmann einiges über Urnen und wo diese bestattet werden können, zum Beispiel im Friedwald. Dabei taucht die Frage auf, was passiert, wenn der Baum selbst stirbt. Ein Junge fragt sich zudem, ob die Urne nicht ein bisschen klein für einen ganzen Menschen sei. Zum Abschluss können sich die Jugendlichen im Bürgerhaus mit Krümelkuchen stärken – fast wie bei einem echten Leichenschmaus. Weitere Infos gibt es in einer Leseecke zum Thema.
Viele Jugendliche, viele Fragen – und die gehen nah. Manch einer von ihnen war auch schon auf einer Beerdigung. Und doch sind es meist ganz praktische Dinge, über die beim Konfitag aufgeklärt wird. So informiert Bestatterin Elli Franzreb auch über die Kosten. Die genannten Summen sind für die Jugendlichen viel Geld. Auf die Frage einer Jugendlichen gab es allerdings keine Antwort: Wenn doch jeder mal in die Kiste muss – „warum muss das dann eigentlich so teuer sein?“