Donnersbergkreis
Gottesdienste wieder möglich: Mit Abstand und Anmeldung
„Das finde ich gut und es wurde auch Zeit“, freut sich Julia Steincke aus Kirchheimbolanden. Für sie gehören regelmäßige Kirchgänge dazu. In den Corona-Zeiten folgte sie den Gottesdiensten online mit Interesse. Doch dass die Kirchen seit kurzem wieder Gottesdienste anbieten dürfen, weiß sie sehr zu schätzen. Es werde wohl ablaufen wie immer, stellt sie sich vor. Doch: Weit gefehlt. Die evangelische und katholisch Landeskirchen haben Richtlinien für deren Gestaltung erarbeitet und an ihre Pfarreien weitergeleitet. Die Empfehlungen zielen alle darauf ab, die Gesundheit der Gottesdienst-Teilnehmer zu schützen.
„Würdige Feier unter diesen Bedingungen nicht vorstellbar“
Beide Kirchen sind so organisiert, dass die Pfarreien und ihre Räte beziehungsweise Presbyter in Selbstgestaltung entscheiden, wie sie auf diese Vorgaben reagieren. Wie unterschiedlich das ist, zeigt ein Blick auf den Donnersbergkreis. Einig sind sich alle darin, dass sie die Gottesdienste als Herzstücke der christlichen Gemeinschaft schmerzlich vermissen. Aber ein gemeinsames Vorgehen gibt es nicht. Und das hat nichts mit „katholisch“ oder „evangelisch“ zu tun.
Es gibt Gemeinden, die sich entschieden haben, mindestens bis Ende dieses Monats keine Gottesdienste stattfinden zu lassen. In Morschheim und Mauchenheim beispielsweise hält man die Öffnung für „zu früh, da sich die Folgen der Lockerungen der Kontaktbeschränkungen erst in zwei bis drei Wochen zeigen werden.“
In Winnweiler hat sich der katholische Pfarrer Carsten Leinhäuser mit seinen 40 Räten darauf verständigt, einen Gottesdienst unter den vorgegebenen Bedingungen vorläufig nicht abzuhalten. Unter anderem heißt es im Pfarrblatt vom 4. Mai: „Eine würdige und angemessene Feier unter diesen Bedingungen können wir uns nur schwer vorstellen. Wir müssten de facto die Alten, die Schwachen und die Kranken ausladen und würden stattdessen in einem kleinen, exklusiven Kreis der ’Gesunden und Starken’ feiern. Wir haben uns gefragt, wie eine solche Feier dem Willen Jesu, der gekommen ist, um an der Seite der Schwachen und Kranken zu stehen, gerecht werden könnte ...
Selbst für diesen kleinen Teilnehmendenkreis wäre die Feier eine seltsam anmutende Erfahrung: Dort, wo normalerweise Menschen zusammenkommen, um als Schwestern und Brüder die Frohe (!) Botschaft zu hören und als Gemeinschaft ein Fest der Auferstehung zu feiern, würden wir auf Sicherheitsabstand gehen.“
Ähnlich argumentiert seine protestantische Kollegin Jessica Rust-Bellenbaum in Dannenfels/Steinbach. Ihr Presbyterium hat mit ihr entschieden: „Da wir niemanden abweisen, auswählen oder gefährden wollen, können wir uns einen Gottesdienst unter diesen Bedingungen nicht vorstellen. Es wäre einfach kein Gottesdienst, wie wir ihn kennen oder feiern möchten.“
Nicht umsetzbar für die kleinen Kirchen
Ein Blick nach Dannenfels zeigt, dass es auch andere Hürden gibt, die nicht jede Kirche nehmen kann. Wenn dort die räumlichen Auflagen eingehalten werden, passen acht beziehungsweise sieben Teilnehmer hinein. Die helfenden Presbyter müssten nach ihrer Kontrollarbeit den Andachtsraum verlassen, weil für sie kein Platz mehr ist. Das trifft auch noch für eine Reihe weiterer kleiner Kirchen im Donnersbergkreis zu. In ihnen gibt es vorläufig keine Gottesdienste, wie auch Pfarrer Friedrich Schmidt aus Lohnsfeld bestätigt.
In den jeweils zwei katholischen beziehungsweise protestantischen Dekanaten beginnen die Pfarreien größtenteils mit ihren Gottesdiensten vor Pfingsten wieder, allerdings meistens erst am 17. Mai, um für den logistischen Aufwand noch genügend Zeit zu haben und einen vorsichtigen Anfang zu gewährleisten. Die Interessierten sollten beachten, dass fast überall eine vorherige Anmeldung nötig ist, sagt Pfarrer Volker Jacob aus Albisheim.
„Sicherlich werden einige Gläubige irritiert und auch enttäuscht sein, aber andere freuen sich vielleicht einfach darüber“, meint Markus Horbach, Dekan in Rockenhausen, „dass sie überhaupt wieder an einem Gottesdienst teilhaben können“. Die Hoffnung auf einen wirklich warmen, gemeinschaftlichen Gottesdienst zu Pfingsten in allen Kirchen besteht aber weiterhin.
Das gilt beim Gottesdienst
- Alle Gottesdienste unterliegen denselben Regeln – also auch Taufen, Trauungen, Konfirmation und Kommunion.
- Die maximale Anzahl der Gottesdienstbesucher darf eine Person pro zehn Quadratmeter der gesamten Grundfläche der Kirche betragen; zwischen den Personen müssen zwei Meter Anstand eingehalten werden. Die Areale sind zu markieren, Sitzplätze werden zugewiesen.
- Die Personalien und Kontaktdaten aller Teilnehmer sind festzuhalten, um potenzielle Infektionsketten verfolgen zu können.
- Personen, die zu Risikogruppen gehören – also auch die über Sechzigjährigen –, werden gebeten, aus Eigenschutz die katholischen Gottesdienste nicht zu besuchen.
- Es besteht Mundschutzpflicht; Ersatzmasken und Desinfektionsmittel müssen bereitgehalten werden. Der Liturg braucht keine Maske zu tragen, muss aber auf vier Meter Abstand achten.
- Begleitende Musik gibt es nur durch den Organisten und eventuell weit auseinander platzierte wenige Einzelsänger.
- Die Gottesdienst-Teilnehmer können, wenn sie evangelisch sind, (mit Masken!) singen, die katholischen möglichst nur summen.
- Auf das Abendmahl/ die Eucharistie soll verzichtet werden, Berührungen dürfen nicht stattfinden.
- Gesangbücher liegen nicht bereit, höchstens bedruckte Blätter mit Liedern.
- Der Kirchenraum muss vor und nach dem Gottesdienst desinfiziert werden.
- Von der Gemeinde ausgewählte Personen achten darauf, dass alle Regeln eingehalten werden.
Kommentar: Glockenläuten als Botschaft
Ist Gottesdienst, wie wir ihn bisher gefeiert haben, überhaupt noch möglich? Ist die Kirche nicht der Ort, an den Menschen ihre Bedürfnisse nach Nähe und Gemeinschaft tragen? Wie kann das funktionieren bei den Regelungen, die einzuhalten sind? Kann man Gesundheit schützen und gleichzeitig diesen Bedürfnissen gerecht werden? Diese Fragen schwingen mit, wenn man mit den kirchlichen Amtsträgern über die Öffnung für Gottesdienste in diesen Tagen spricht. Noch gibt es keinerlei Erfahrungen mit den nun zu gestaltenden Gottesdiensten, doch es könnte sein, dass Distanz als neue Nähe gerade in der Kirche nicht funktionieren wird. Besonders problematisch ist wohl die Bitte an die „Risikogruppen“ im katholischen Bereich, von Gottesdienstbesuchen abzusehen. In Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ definiert die Hauptperson „Freiheit“ so: „Ich möchte das Recht auf mein eigenes Unglück.“
Die Schwierigkeiten bleiben. Was aber ebenfalls bleiben sollte, ist die Kreativität, mit der zahlreiche Pfarrer in den vergangenen Wochen neue Wege gestaltet haben, um Gottes Wort mit den Menschen zu teilen. Und vielleicht ist es ja das Geläut der Glocken, das in diesen Zeiten der Verunsicherung am deutlichsten die Botschaft überbringt, dass auch für die Kirchen irgendwann eine Normalisierung und ein Neuanfang möglich sind.