Donnersbergkreis Geschriebene und erlebte Welt

WINNWEILER. Haikus, Hundegeschichten, Lebenserinnerungen: Der literarische Sommerabend mit Artur Kolditz in der Gemeindebücherei Winnweiler war vielgestaltig und facettenreich. Der pensionierte Lehrer des Nordpfalzgymnasiums Kirchheimbolanden las aus seinen Werken „Wohin?“ – autobiografischen Jugenderlebnissen aus der Nachkriegszeit, „Tommy. Aus dem Leben eines Hundes“ und „Geschriebene Welt“ – einem Haiku-Band.
Büchereileiterin Heilwig Dietrich freute sich über die positive Resonanz und die zahlreichen Besucher: „Wir haben die Anregung zu dieser Lesung von Minnie Milow-Rembe bekommen und wünschen uns nun viele anregende Gedanken.“ Für Kolditz ist es die erste öffentliche Lesung vor Publikum. Mit seiner sonoren, dunklen Stimme liest er zunächst aus „Wohin?“. Als Neunjähriger kam er 1944 nach Reibnitz in Schlesien, während die Eltern in Breslau zurückblieben. „,Wohin’ können wir immer fragen“, so Kolditz zur Erläuterung seines Buchtitels aus dem Jahr 2012. Er wurde mit seiner Schwester damals aufs Land evakuiert und erinnert sich an die erste Nacht auf dem fremden Bauernhof bei den Pflegeeltern. In einer langen Sequenz erzählt er, wie er die für Stadtkinder ungewöhnlichen Geräusche des Dengelns kennenlernt. Wie neue Wörter und Begrifflichkeiten, zum Beispiel Kummet oder Trense, ihm nach und nach vertraut werden. „Die Wörter wurden ein Teil von mir, und durch die Wörter wurde ich Teil des Hofes. Fremd, aber lebender und fühlender Teil der Gemeinschaft auf dem Dorf“, fährt Kolditz fort. Erzählt wird auch von der Zeit, als der junge Artur Kühe am Bahndamm hüten musste, was er langweilig und einsam fand. Kolditz spart auch nicht die beklemmenden Erlebnisse aus, als russische Soldaten ins Dorf kamen. „Es waren drei prägende Jahre, die mich letztlich zu den Aufzeichnungen veranlasst haben. Ich bin dankbar für dieses einfache, aber schöne Leben in Reibnitz“, offenbart der Autor im Gespräch. Einen sehr viel leichteren, humorvollen Ton schlägt Kolditz in „Tommy. Aus dem Leben eines Hundes“ (1998) an. Aus Sicht seines Cockerspaniels Tommy, der ihm, dem „Boss“, elf Jahre lang treuer Begleiter war, beschreibt er akribisch witzige Episoden eines ganzen Hundelebens. Man ist als Zuhörer dabei, wenn Tommy gewissermaßen auf sich als Hund kommt, als er bemerkt, dass mit bestimmten, wiederholten Lauten seines Bosses er gemeint ist. Dem „Tommy-Buch“ voran ging die Geschichte von Felix aus dem Jahr 1986, der so gerne dem großen Hasen hinterher jagt und für den „das Schönste das Rennen ist“. Den Höhepunkt des literarischen Abends setzte Kolditz mit seinen Haikus, die er in über 30 Jahren geschaffen hat und „sein Leben aus Empfindungen, Erkenntnissen und Gedanken widerspiegeln“, wie er selbst sagt und weshalb er seine Haiku-Veröffentlichung mit dem Titel „Geschriebene Welt“ auch als Psychogramm bezeichnet. Der ehemalige Deutschlehrer kam durch seinen Beruf zum Haiku. Ein mangelhaftes Haiku im Deutschlehrbuch verleitete ihn zur Korrektur in ein echtes Haiku. Kolditz rezitierte seine 17 Silben umfassenden Dreizeiler mehrfach hintereinander, damit sie sich dem Publikum besser einprägen können. Seine Themen sind weit gefächert: Heiteres, Besinnliches, viel Philosophisches, aber auch Sozialkritik findet sich auf 17 Silben komprimiert. Kolditz widersteht der Versuchung zu interpretieren. Er muss seinem Publikum die „Moral der Geschichte“ nicht erläutern. „Dafür, dass es meine erste Lesung war, bin ich ganz zufrieden“, lacht Kolditz. Und das Publikum war es auch und spendete reichlich Applaus. „Ich kenne die Bücher, trotzdem bin ich ganz angetan, Artur Kolditz live zu erleben“ erklärt eine Zuhörerin ihren Besuch in der Gemeindebücherei.