Gehrweiler
Fahnenklau im Donnersbergkreis und was die Kerwe damit zu tun hat
Wer dieser Tage regelmäßig auf der L387 durch Gehrweiler fährt, der sollte seinen Blick am südlichen Ortsrand Richtung Höringen öfter mal zum seitlich an der Straße gelegenen Sportplatz wenden. Gut möglich, dass am Zaun oder an den neben dem Spielfeld stehenden Masten andere Banner oder Fahnen hängen als noch am Tag zuvor. Und am nächsten Tage wieder andere. Und so weiter. Denn das einzig Beständige auf diesem Gelände ist derzeit der Wandel.
Genauer gesagt, ist das seit ziemlich genau einem Monat so. Ende Juli feiern die Lohnsfelder Kerwe. Nun ist es in vielen Dörfern Brauch, dass zum höchsten Fest im Jahr Fahnen mit dem Ortswappen gehisst werden – die offizielle der Gemeinde, aber auch zahlreiche kleine im Privatbesitz der Bürger. Ein Exemplar mit den Symbolen des Dorfes – Eichenzweig und Pilgermuschel – prangte jedenfalls plötzlich rund zehn Kilometer entfernt am Gehrweilerer Sportplatz. „Mein Sohn Kevin hat dann entdeckt, dass im Gegenzug die Fahne unseres Sportvereins, die normalerweise dort weht, verschwunden ist“, erzählt Walter Gress im RHEINPFALZ-Gespräch. Als erster Vorsitzender der SG ist er sozusagen Hausherr der Anlage, auf der sich seither ominöse Dinge tun.
Mit Lohnsfeld hat alles angefangen
Jedenfalls habe sein Sohn Kevin über persönliche Kontakte herausgefunden, dass die Lohnsfelder ihrerseits eine Fahne haben. Aber in diesem Fall nicht wegen übermäßigen Alkoholgenusses über die Kerwe, sondern weil dort das Stück Stoff mit den rot-weißen Karos des Gehrweilerer Sportvereins aufgetaucht ist. Beide Seiten versicherten, mit dem zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs witzigen Streich nichts zu tun zu haben. In Lohnsfeld kam es zum feierlichen Austausch des Diebesguts. Sache erledigt? Denkste!
Denn die nächste „Fahnenflucht“ ließ nicht lange auf sich warten: Drei Wochen nach den Lohnsfeldern haben ein paar Kilometer weiter westlich die Höringer ihre Kerwe gefeiert. Das Spiel begann von vorne – spätestens jetzt war allerdings Schluss mit lustig. Unbekannte hatten sich erneut am Fahnenmast bedient, das Wahrzeichen des Gehrweilerer Sportvereins wurde dann im Nachbarort gefunden – allerdings beschädigt. „Seitlich befinden sich Haken zum Einhängen, an denen die Fahne dann hochgezogen wird. Die Täter haben sie jedoch einfach herausgerissen – vielleicht weil sie es eilig hatten“, vermutet Gress. Auch hier ist im Gegenzug am Gehrweilerer Sportplatz das Höringer Ortswappen – ein schreitender roter Hirsch umgeben von drei grünen Tannen – gehisst worden.
Beschädigungen und Diebstahl in Höringen
Dabei handelte es sich allerdings um ein Exemplar aus Privatbesitz, wie Ortsbürgermeisterin Brigitte Enders auf RHEINPFALZ-Anfrage informierte. „Eine zweite Fahne wurde ebenfalls auf einem Grundstück samt Halterung herausgerissen, allerdings an Ort und Stelle liegengelassen“, so Enders. Damit allerdings nicht genug: Bei den Aufräumarbeiten nach der Kerwe haben die Höringer festgestellt, dass ihnen ein Banner gestohlen worden war. Mit diesem machen sie jedes Jahr Werbung für ihre Kerwe, nur das jeweilige Datum wird neu aufgeklebt. „Das Banner ist fast zweieinhalb Meter lang und etwa 50 Zentimeter hoch. Wir haben es aus unserem Kerwe-Topf finanziert – es hat rund 300 Euro gekostet und ist ein ziemlicher Verlust für uns“, berichtet die Ortschefin.
Der Diebstahl sei zunächst nicht aufgefallen, weil die Gemeinde zwei dieser Transparente besitzt. „Wir dachten zunächst, jemand von uns hätte das eine schon abgehängt – bis wir gemerkt haben, dass es weg ist“, so Enders. Sie habe daraufhin am Montag dieser Woche Strafanzeige bei der Polizei in Rockenhausen erstattet: „Das ist kein Spaß mehr, das ist eine kriminelle Handlung.“
Weitersweilerer Banner „wandert“ nach Gehrweiler
Zu dieser Erkenntnis ist man nach dem nächsten Vorfall auch in Gehrweiler gelangt. Die eigenen Fahnen hat der Sportverein zwar vorerst in Sicherheit gebracht – damit war aber die Gefahr noch keineswegs gebann(er)t. Denn vergangenes Wochenende ist am Sportplatz ein weiteres Corpus Delicti zum Vorschein gekommen: Am Zaun hängt seither ein Spruchband mit der Aufschrift „Weitschwiller Kerb“ – just zu dem Zeitpunkt, als diese in der 23 Kilometer nordöstlich gelegenen Gemeinde gefeiert wurde. Der Gedanke, dass Weitersweilerer während des Festes nichts Besseres zu tun haben, als nach Gehrweiler zu fahren und dort ein Banner aufzuhängen, erscheint doch mehr als abwegig.
Die Vermutung liegt also nahe, dass erneut die Kerwe-Klauer am Werk gewesen sind. Und nun auch bei Gress das Fass zum Überlaufen gebracht haben: Denn die Täter haben zudem am Zaun mehrere Drähte durchtrennt und dort befestigte Spannschlösser entfernt. „Wir müssen sie ersetzen, sonst wird der Zaun zu lose“, so der SG-Vorsitzende. Er hat nun ebenfalls Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Zudem habe er über Ortsbürgermeister Thomas Busch Kontakt zur Weitersweilerer Kerwejugend hergestellt. Diese wollten ihr Banner im Laufe der Woche – sobald die letzten Nachwehen der Feiern abgeklungen sind – in heimische Gefilde zurückholen.
Sippersfeld passt nicht ins Muster
Die vorerst letzten Akte des inzwischen eher traurigen Schauspiels ereigneten sich diese Woche: Zunächst hing am unteren Ende des Gehrweilerer Mastes plötzlich eine blau-weiße Fahne mit goldenem Löwen sowie Schwert, Pfeil und Stab im Wappen – Sippersfeld. Was insofern nicht ins bisherige Muster passt, weil in der 17 Kilometer entfernt gelegenen Gemeinde erst am dritten Wochenende im September Kerwe gefeiert wird. Stand gestern hatte sich bei Ortsbürgermeisterin Martina Lummel-Deutschle noch kein(e) Bürger(in) wegen eines vermissten Exemplars gemeldet. Und ganz aktuell flatterte am Freitagmorgen eine rot-blaue Flagge mit einem von Rosen flankierten Andreaskreuz im Nordpfälzer Wind – sie war in der Nacht die knapp fünf Kilometer von Imsweiler herüber „gewandert“. Dort war übrigens am vergangenen Wochenende Kerwe ...
Die Polizeiinspektion Rockenhausen teilte auf Anfrage mit, dass ihr bislang nur die von Brigitte Enders und Walter Gress zur Anzeige gebrachten Fälle vorliegen. Der stellvertretende PI-Leiter Erik Dörr appellierte deshalb an die Bürger, entsprechende Vorkommnisse auf der Dienststelle zu melden – nur dann könne schließlich die Polizei auch tätig werden und entsprechende Ermittlungen aufnehmen.
Ob die Täter irgendwann Flagge zeigen?
Bislang tappen jedoch alle Beteiligten im Dunkeln, was es mit den skurrilen Diebstählen auf sich hat. Auch Gress fehlt die Fa(h)ntasie, wer sich eine so verrückte Nummer ausdenken könnte – und vor allem warum immer wieder in Gehrweiler die Fäden zusammenlaufen. Nicht vorstellen kann er sich, dass die Verantwortlichen aus dem Dorf selbst kommen. Wie auch immer: Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Täter selbst irgendwann im doppelten Wortsinn Flagge zeigen und die weiße Fahne hissen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass sie irgendwann in flagranti erwischt werden.
Das wiederum könnte sich derjenige, der die Diebe überführt, dann gerne auf die Fahne schreiben. Bisher waren zwar ausschließlich Orte im südlichen Teil des Kreises betroffen – aber es schadet ja nichts, überall rund um den Donnersberg die Augen und Ohren offen zu halten. Nur zur Information: Am Wochenende ist Kerwe in Bolanden, Eisenberg, Schweisweiler und Rüssingen und Morschheim ...