Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Fünf Jahre Stationäres Hospiz: Ein Interview über Emotionen, Humor und letzte Wünsche

Im Mai 2019 ist das Stationäre Hospiz eröffnet worden. Träger ist das Evangelische Diakoniewerk Zoar.
Im Mai 2019 ist das Stationäre Hospiz eröffnet worden. Träger ist das Evangelische Diakoniewerk Zoar.

Seit fünf Jahren gibt es das Stationäre Hospiz in Rockenhausen. Darf in einem Haus, in dem todkranke Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen, gelacht werden? Aber ja doch! Ein Gespräch über Emotionen, schwarzen Humor und besondere letzte Wünsche.

Fünf Jahre Stationäres Hospiz in Rockenhausen: Anlässlich des Jubiläums hat sich Rainer Knoll mit Leiterin Birgit Edinger, der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Claudia Dreßler sowie Traude Steitz und Luise Meyer unterhalten. Steitz hat ihren demenziell erkrankten Mann Karl mehrere Jahre gepflegt, ehe er im Vorjahr nach einem Sturz ins Krankenhaus und dann ins Hospiz gekommen ist. Hier ist er elf Tage später gestorben. Die 90-jährige Luise Meyer (geboren in Kaiserslautern, seit 1994 in Winnweiler wohnhaft) ist 2023 an Krebs erkrankt. Nach einer erfolgreichen Operation kehrte der Tumor zu Beginn dieses Jahres zurück. Seit 23. März ist sie im Hospiz.

Frau Edinger, fünf Jahre Hospiz: Was ist der erste Gedanke, der Ihnen dabei durch den Kopf geht?
Birgit Edinger: Ich werde alt! (Alles lacht)

Und der zweite?
Edinger: Natürlich erinnert man sich daran zurück, als vor sieben Jahren die Planungen begonnen haben. Ich durfte ja von Anfang an bei der Projektentwicklung dabei sein. Die Bauphase, die schlaflosen Nächte – das geht einem alles nochmal durch den Kopf. Und als es dann losging, war die Situation durchaus herausfordernd.

Inwiefern?
Edinger: Ein Hospiz war für unsere Gegend etwas völlig Neues. Ich hatte ein Team zusammengestellt mit Mitarbeiterinnen, die in Krankenhäusern – häufig auf Intensivstationen –, ambulanten Pflegediensten oder Altenheimen gearbeitet hatten. Außer mir hatte kaum jemand Erfahrung in der Hospizarbeit. Da war für viele ein Umdenken notwendig. Ist es zum Beispiel in diesem Moment wichtiger, dass alle Gäste gewaschen werden oder dass ich mal fünf Minuten bei jemandem sitzen bleibe?

Ein Hospiz soll ein Ort des Lebens sein – deshalb auch der Standort mitten in der Stadt. Ist dieses Bewusstsein in der Bevölkerung verankert?
Claudia Dreßler: Es gibt schon noch Berührungsängste. Wenn ich in meinem Umfeld erzähle, was ich ehrenamtlich mache, sagen viele: Das könnte ich nicht! Weil sie eine völlig falsche Vorstellung davon haben, was wir hier machen, und weil es häufig noch immer ein Tabu-Thema ist.

Luise Meyer: Der Begriff hat für viele Menschen etwas Abschreckendes. Wenn jemand ins Hospiz geht, heißt das für sie so viel wie: Du liegst schon in der Leichenhalle, sie können die Blümchen kaufen. Aber sie sehen nicht, dass dies ein Ort ist, an dem man an der Seele gesund werden kann. Dort kann es auch weh tun, manchmal mehr als im Körper. Ich muss allerdings gestehen, dass ich bis zu meiner Erkrankung auch nicht viel mit dem Wort anfangen konnte. Hospiz, das war für mich: Jetzt ist Schluss, jetzt kannst du das Feuer ausmachen.

Traude Steitz: Der Schritt zu sagen, ich bringe meinen Mann hierher, war groß. Weil ich wusste, jetzt beginnt für ihn die letzte Etappe. Das muss man sich erst einmal selbst eingestehen. Aber ich kenne auch jemanden, der sich im Hospiz wieder erholt und danach noch länger im Heim gelebt hat.

Edinger: Unser Haus muss nicht zwingend die letzte Station sein.

Wie viele Menschen haben Sie in den fünf Jahren beim Sterben begleitet?
Edinger: Bislang sind es fast 500.

Und wie lange bleiben sie bei Ihnen?
Edinger: Die Verweildauer ist unterschiedlich – von wenigen Minuten bis zwölf Monate. Unterschiedlich ist auch das Alter unserer Gäste. Die meisten sind zwischen 50 und 80, aber wir hatten neulich auch einen Mann, der war erst knapp 40 Jahre alt.

Frau Meyer, wie sind Sie mit dem Hospiz in Kontakt gekommen?
Meyer: Nach meiner Operation im Vorjahr wusste ich, dass ich über kurz oder lang nicht mehr alleine zu Hause bleiben kann. Mein Mann ist vor zwei Jahren verstorben, weitere Angehörige habe ich nicht. Meine Vertraute, wie ich sie nenne, kannte das Haus durch den Besuch eines Arbeitskollegen. Sie sagte zu mir: Überlege es dir, schau’ es dir an – da kannst du hingehen. Nach der erneuten Erkrankung habe ich mich um einen Platz beworben und durfte zum Glück direkt aus dem Krankenhaus hierher kommen.

Und wie erleben Sie Ihre Zeit hier?
Meyer: Wenn ich sage, es ist das Paradies, hört sich das etwas übertrieben an. Aber ich habe mich vom ersten Augenblick wohlgefühlt. Ich erfahre von allen nur Gutes und Freundlichkeit. Ich brauche nur zu husten, da kommt jemand und fragt, ob ich ein Medikament brauche. Wenn ich nachts klingele, ist sofort jemand da, wenn ich mal etwas Bestimmtes zum Nachtessen möchte, wird’s gemacht, sofern die Möglichkeit dazu besteht. Ich kriege hier alles, was ich brauche. Und ich kann nachts gut schlafen, weil ich weiß, ich bin gut aufgehoben.

Haben Sie auch Kontakt zu den anderen Gästen?
Meyer: Kaum. Was aber wohl weniger daran liegt, dass die anderen das nicht wollen, sondern dass sie es aufgrund ihrer Erkrankungen nicht können.

Edinger: Das ist aber eine Momentaufnahme. Manchmal haben wir im Gemeinschaftsraum drei, vier Gäste sitzen. Das kommt immer auf die jeweilige Belegung und den gesundheitlichen Zustand der Menschen an.

Meyer: Ich habe aber einen wunderbaren Ausgleich: die Ehrendamen (gemeint sind die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, Anmerkung der Redaktion). Ich freue mich, wenn sie da sind, wir haben immer etwas zu erzählen – und wenn es über den Betze ist.

Sie interessieren sich also für den FCK?
Meyer: Natürlich - ich wäre ja kein Lautringer, wenn ich nicht Betze-Anhänger wäre! (Alles lacht)

Täuscht der Eindruck, oder wird in diesem Haus sehr viel gelacht?
Edinger: Auf jeden Fall! Und das hat viel mit der Haltung zum Tod zu tun. So banal sich das anhört: Das Sterben gehört zum Leben dazu. Und da gehört ein Stück weit auch schwarzer Humor dazu, dass man fröhlich mit diesem Thema umgeht.

Ist es nicht belastend, wenn man ständig von schwerkranken Menschen umgeben ist und dadurch permanent mit dem Thema Tod konfrontiert wird?
Meyer: Für mich nicht! Ich weiß, dass ich alt bin und über kurz oder lang gehen muss. Natürlich bekommt man mit, wenn jemand stirbt und die Angehörigen trauern. Das tut mir auch weh. Aber ihnen kann ich leider nicht mehr helfen. Mir selbst gibt es aber Trost, hier zu sein. Ich lehne mich nicht auf gegen den Tod, ich muss ihn ja akzeptieren. Ich habe auch keine Familie, die ich zurücklasse. Seit mein Mann vor zwei Jahren gestorben ist, warte ich darauf, dass ich zu ihm komme.

Ist der Glaube wichtig für Sie?
Meyer: Ja. Ich bin nicht bigott-fromm, aber ich bin überzeugt, dass es eine Macht gibt, die mir hilft und die mich hält, wenn es nicht mehr geht.

Wie ist das generell mit dem Glauben bei Ihren Gästen?
Edinger: Unterschiedlich. Aber wir erleben häufiger, dass Menschen zum Glauben zurückfinden. Wenn sie hier ankommen und wir ihnen sagen, dass ein Pfarrer zur Verfügung steht, wollen viele davon nichts wissen. Plötzlich entwickelt sich dann doch ein großer Gesprächsbedarf. In dieser letzten Phase rufen die Menschen einen existenziellen Teil ihres Lebens wieder ab.

Wie war die Situation bei Ihnen, Frau Steitz, als Ihr Mann hierher kam?
Steitz: Nach seinem Sturz in Verbindung mit seiner Demenz-Erkrankung hat er nur noch sehr wenig mitbekommen, war dann auch bettlägerig. Ich bin täglich mittags und abends ins Krankenhaus, um ihn zu füttern. Zuhause hätte ich das mit der Pflege nicht geschafft. Ich war sehr froh, dass er schnell hier einen Platz bekommen hat und nicht in ein Heim musste.

Edinger: Es geht bei uns ja auch darum, die Symptome einer Erkrankung zu lindern, ihn möglichst schmerzfrei zu halten, während in Heimen zum Beispiel Mobilisierung der Bewohner ein Thema ist.

Wie lange war Ihr Mann hier?
Steitz: Nur elf Tage – aber es waren schöne Tage. Ich habe gespürt, dass er sich sehr wohlgefühlt hat hier. Wenn zum Beispiel im Bett mal etwas daneben gegangen ist, dann wurde es frisch gemacht – selbst wenn es erst fünf Minuten vorher überzogen worden ist. Jeder hat sich Zeit für uns genommen, wir waren von Beginn an behütet, durften kommen und gehen, wie wir wollten – wir waren keine Fremden.

Edinger: Es geht dabei auch um die Angehörigen – dass sie sich zu Hause beruhigt ins Bett legen können und wissen, er oder sie ist gut versorgt. Sie haben selbst die Gelegenheit, mal etwas durchzuschnaufen.

Steitz: Eine Geste fand ich besonders schön ...

Bitte ...
Steitz: Nach dem Tod meines Mannes durften wir auf ein Holzherz seinen Namen schreiben, das haben wir dann ein Vierteljahr später beim Gedenkgottesdienst schön verpackt überreicht bekommen.

Edinger: Das ist unser Ritual. Wenn einer der Gäste gestorben ist, kommt das Herz für drei Monate in einen Rahmen und hängt bei uns an der Wand. Man bleibt immer mal wieder stehen, liest den Namen, erinnert sich und reflektiert. Nach dieser Zeit wird das Herz dann sozusagen von uns in die Familie zurückgegeben.

Wie viel Emotionalität ist in der Hospizarbeit gut?
Edinger: Sehr wichtig ist der Wechsel von Nähe und Distanz. Da gehört auch dazu, mal zu einer Kollegin zu sagen: Geh’ du jetzt mal bitte in dieses Zimmer, ich schaff’ das gerade nicht. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, ab und zu Abstand zu nehmen für das eigene Ich. Wir reden viel im Team darüber. Und es ist auch meine Aufgabe, das im Blick zu behalten und zu sagen: Um diesen Gast kümmert sich jetzt nicht Person A, sondern Person B.

Frau Meyer scheint mit sich im Reinen zu sein. Womit hadern andere Menschen am Ende ihres Lebens?
Edinger: Gerade bei jüngeren Menschen ist es natürlich oft die Frage: Warum trifft es ausgerechnet mich?

Dreßler: Im fortgeschrittenen Alter sind häufig unbearbeitete Familienkonflikte ein Thema.

Edinger: Oft gibt es den Wunsch, nochmal jemanden zu sehen, mit dem man seit Jahrzehnten zerstritten ist. Dann ruft man an, diese Person ist aber nicht zum Gespräch bereit – weil sie in ihren Augen nun mal Jahrzehnte auch nicht gebraucht worden ist. Das zu kommunizieren und miteinander auszuhalten, ist nicht einfach.

Haben Ihre Gäste besondere letzte Wünsche?
Dreßler: Wenn ich an die Aktion mit dem Wünschewagen denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut ...

Edinger: Ja, ein Mann wollte unbedingt nochmal die Insel Mainau sehen. Er wurde dann mit dem Wünschewagen hingebracht und mit einer Rolltrage über die Insel gerollt. Er durfte mit den Händen Blumen und Bäume berühren, das war sehr bewegend. Schön war auch, als Matthias Schäfer aus Schweisweiler mit seinem Oldtimer-Bus einen Gast durch die Gegend gefahren hat. Der Mann war ein ehemaliger Busfahrer und durfte sich sogar ans Steuer setzen. Und zuletzt sind zwei Mitarbeiterinnen von uns – übrigens in ihrer Freizeit – mit einer jungen Frau nach Kaiserslautern gefahren: Sie wollte nochmal auf den Betze.

Frau Meyer, wäre das nicht auch etwas für Sie?
Meyer: Nein, nein, am Ende trifft mich noch der Schlag! (Alle lachen)

Haben Sie noch einen Wunsch für Ihre Zeit hier?
Meyer: Ja, einen ganz großen: dass es mir weiterhin so gut geht, ich keine Schmerzen habe und hier so gut umsorgt bleibe.

Was ist das Hospiz für Sie?
Meyer: Im Augenblick alles.

Steitz: Für uns war es ein Segen.

Dreßler: Ich komme hier zu Freunden und fühle mich wohl.

Edinger: Das größte und schönste Projekt in meinem Leben.

Hatten viel Bewegendes zur Hospizarbeit zu berichten, aber immer wieder auch Grund zum lachen (von links): Traude Steitz, Birgit
Hatten viel Bewegendes zur Hospizarbeit zu berichten, aber immer wieder auch Grund zum lachen (von links): Traude Steitz, Birgit Edinger und Claudia Dreßler. Nicht auf dem Foto ist Luise Meyer.
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