Donnersbergkreis Die Fußball-Vokabeln sitzen schon

91-75542766.jpg

Bolanden. Sport baut Brücken. Und er hilft, Grenzen zu überwinden. Wie im Fall des Abdulkader Mohamad. Der 26-jährige Syrer hat seit Sommer offiziell einen Spielerpass beim TuS Bolanden. Als Flüchtling kam er vergangenen Herbst aus Damaskus nach Deutschland – er entfloh dem Krieg und dem Zwang der Assad-Diktatur. Heute ist Mohamad in der Gesellschaft fest integriert. Auch dank seines Sportvereins. Hiesige Klubs wie der TuS oder der FV Rockenhausen leisten vorbildliche Arbeit.

Abid lernt schnell. Noch, gibt er zu und grinst spitzbübisch, stocke es beim Reden. Ein bisschen. Aber alles verstehen, das kann er. Fußball spricht ja meistens eh eine Sprache. „Lauf in die Mitte, Abid. Schnell!“, ruft sein Trainer Markus Schlimmer energisch von der Seitenlinie rein. Hektisch wedelt er mit den Armen. Abid schaut rüber, nickt. Und setzt zum Sprint an. Der drahtige Stürmer hetzt flugs in den Sechzehner. „Hier, ich bin da“, ruft der junge Syrer und winkt. Ball kommt, Abid schießt, Torwart hält. Mist! „Ah“, stöhnt Abid auf und greift sich an den Kopf. Schlimmer klatscht draußen. „Er hat sich mittlerweile voll integriert, wie jeder andere Spieler von uns auch. Die Fortschritte sind groß, es gibt kaum Sprachprobleme“, betont Abids Trainer beim TuS Bolanden II in der C-Klasse Nord. „Er wurde hier super aufgenommen.“ Jeder nennt den 26-Jährigen nur kurz Abid. Eigentlich heißt er mit vollem Namen Abdulkader Mohamad. Lässig sitzt er in seiner Bolander Wohnung am altbackenen Wohnzimmertisch, plaudert darüber, warum es so ist, wie es ist. Vor einem Jahr strandete Abid in Deutschland. Er hatte den Bürgerkrieg, den Terror, der in seiner syrischen Heimat das offene Leben zerstörte, satt. Zu einem Großteil war es auch die nackte Angst, die Abid dazu brachte, alles hinter sich zu lassen. Syriens Präsident, respektive Diktator, Baschar al-Assad brauchte junge Männer für die Armee. „Ich habe 14-, 15-Jährige gesehen, die in den Krieg gehen. Ich bin jung“, sagt Abid ernst. Wer weiß, wann er an der Reihe gewesen wäre. Er floh aus Damaskus, leicht fiel es ihm nicht. Für den Sport hatte Abid schon immer eine Affinität. In Latakia, am Mittelmeer, hatte er bis zu seiner Flucht zwei Jahre lang Sport an der Tischrin-Universität studiert. Er wuchs zu einem kleinen Laufwunder heran: Über die 400 Meter wurde er Zweiter bei den Syrischen Meisterschaften, die 100 Meter sprintete er in 11,9 Sekunden. Man sieht es ihm heute noch an, wenn er auf dem Bolander Kunstrasen der Abwehr wegrennt. „Ich mag Sport“, sagt Abid, der in seiner Heimat nebenbei vier Jahre in einer Keks-Fabrik arbeitete. Hier kann er bald eine Ausbildung zum Bäcker beginnen. In puncto Integration, erklärt er, half ihm besonders auch der TuS. An der Kerwe jubelte er sogar von dessen Rolle herunter. Ein Sportverein ist für Flüchtlinge wie Abid ein wichtiger Brückenkopf, um hier Fuß zu fassen. Ein Vermittler. Dort kommen sie in Berührung mit anderen, lernen schneller die Sprache. Oft bietet ein Klub den ersten Kulturkontakt mit Deutschland. „Es ist schön, dass wir Weltmeister haben, aber Sport hat eine viel größere Bedeutung als die Produktion von Spitzensportlern“, manifestierte Ernes Erko Kalac, langjähriger Integrationsbeauftragter des DOSB, vor einiger Zeit treffend. DFB und Landesverbände unterstützen derzeit auch verstärkt Vereinsinitiativen. Kein anderer Klub hier im Kreis nahm so viele Flüchtlinge auf wie der FV Rockenhausen. Er startete mit fünf Flüchtlingen in die Saison – Syrer, Iraner, Albaner. Die Verbandsgemeinde unterstütze den Einsatz, so Thorsten Trost, Vorstand des FVR. „Für uns sind die Jungs ein Glücksgriff. Sie sind absolut zuverlässig“, meint der Funktionär. Er hält die Arbeit, die Vereine für eine reibungslose Integration leisten, für ein Ventil: „Es ist total wichtig, dass sie bei uns unterkommen – bevor sie irgendeinen Mist anstellen oder sich mit Einheimischen anlegen“, findet Trost. Mit Klamotten habe der FVR seine Flüchtlinge bestückt, oft mangele es schließlich an finanziellen Mitteln. Nicht anders lief es bei Abid und dem TuS Bolanden ab. „Fußball spielt eine wichtige Rolle, das ist keine Frage. Vereine und Verbände müssen dazu beitragen. Wenn man Flüchtlinge hängen lässt, funktioniert eine Integration nicht“, legt Kreisvorsitzender Udo Schöneberger Wert auf internes Engagement im Klub. Dass Vereine, die Flüchtlinge ohne Gebühr am Training teilhaben lassen, harsch via Post vom Finanzamt gemaßregelt werden, kann nur ein Witz sein. Begründet werden die Warnungen mit einem Verlust der Gemeinnützigkeit. Auch, wenn es viel Beistand von örtlichen Stellen oder regionalen Verwaltungen gibt – oft stehen Vereine alleine da. Die meiste Unterstützung kommt aus der Bevölkerung. Abid lächelt. So, wie er es eigentlich immer tut, wenn er erzählt. Ein warmes, freundliches Grinsen. Er erinnert sich, wie es bei ihm war. In Trier kam er an, zehn Tage verbrachte er danach in der Kreisstadt, dann stand er plötzlich in Bolanden – und kannte niemanden. Seine Nachbarn gingen direkt auf ihn zu. Sie boten ihm an, mal mit ins Training zu gehen. „In Syrien“, wundert sich Abid, „ist Fußball gar nicht so wichtig.“ Die Nationalelf belegt aktuell Rang 132 der FIFA-Weltrangliste. Abid lief in seiner Heimat lieber statt ans Leder zu treten. Seit Sommer darf er offiziell für den TuS kicken, meistens schafft er es zweimal ins Training. Er kennt die Leute, die Leute kennen ihn. Woche für Woche fällt ihm das Reden leichter, das Fußball-Vokabular hat er drauf. Aber Abid sagt selbst: „Ich will Deutsch lernen. Alle Worte.“ Er knetet die Hände. Und lacht. Wie fast immer.

x