Kirchheimbolanden Der US-Pianist Seth Schultheis entpuppt sich als Tasten-Derwisch
Der Amerikaner Seth Schultheis (25) präsentierte sich am Sonntag im Ostflügel der Orangerie in Kirchheimbolanden nicht nur als virtuoser Überflieger, sondern als ein Magier des Ausdrucks, ein Maler von Stimmungen, Atmosphären, Temperamenten. So unbewegt er selbst mitunter wirkte, beherrscht, ohne große Gesten, und selten fokussiert auf die Klaviatur, über die seine Hände mit traumwandlerischer Sicherheit und Leichtigkeit ihre Wege fanden, so farbig, durchdrungen, variabel war sein Spiel.
Wer seinen Händen zuschaute, sah in all dem Wirbeln und Rasen nichts von Mühe, sondern ein luftiges Fingerballett, das durch alle Angestrengtheit und Virtuosität längst hindurchgegangen ist, um allen Raum zu haben für die Lebendigkeit, die es der Musik abzulauschen gilt.
Die Zeiten zusammenbringen
Höchst ungewöhnlich der erste Programmteil. Schultheis hatte zwei Stücke zeitgenössischer amerikanischer Komponisten mitgebracht und verbunden mit vier Préludes von Debussy, Beethovens „Sechs Variationen über ein eigenes Thema in F-Dur“ op. 34 und Chopins „Barcarole“ in Fis-Dur. Stücke aus verschiedenen Epochen, die sich doch ineinander spiegeln in ihrem zeitlosen Kern, der Auseinandersetzung mit Eindrücken, Gefühlen, der ganzen Innenseite des In-der-Welt-Seins.
Wie eng Schultheis diese Verschlungenheit über die Zeiten hinweg fasste, verdeutlichte er mit den „Barcarolen“ von Chopin und des Amerikaners Ned Rorem (1923-2022), indem er sie nach einem eher kurzen Innehalten aneinander anschloss, ohne Raum zu lassen für Applaus. Dabei ließ er auffälligerweise die ältere Version, Chopins von großer Leidenschaft geprägtes Gemälde einer Gondelfahrt, den ein Jahrhundert später gefassten, stilleren Bildern nachfolgen, die Rorem 1949 für das Wiegen und Dahinfließen, das Lichtgefunkel auf dem Wellengekräusel gefunden hat – wobei das Stück des Amerikaners wiederum impressionistische Klangfarben der Palette Debussys erkennen ließ.
Zwischen Jazz und neuer Musik
Die hatte Schultheis zuvor in Debussys Préludes Nr. 5 bis 8 in aller Innigkeit und Wärme zum Leuchten gebracht, Dem ließ Schultheis Beethovens Variationenwerk nachfolgen, das das stets neu formulierte Thema mit der Deklination durch sieben Tonarten seinerseits verschiedenste Stimmungen verkörpern lässt, mal heiter-tänzerisch, mal träumerisch entspannt, mal in der getragenen Feierlichkeit eines Trauermarschs.
Eröffnet hatte er den Abend mit einem Stück von 2023 seines Landsmanns Timo Andres: „Fiddlehead“, ein irrwitziger Parforceritt zwischen Jazz und Neuer Musik, wie geschaffen für Tasten-Derwische, druckvoll, enervierend, atemlos in den immer neuen Mustern ineinander verschränkter Melodien und Akkordbrechungen und den über die Klaviatur gepeitschten Akzenten. Schultheis ließ in der lässig gemeisterten technischen Komplexität des Stücks gleich am Anfang erkennen, welches Potenzial ihm zu Gebote steht.
Partituren zum Leuchten bringen
Abgerundet hat der Pianist sein Programm nach der Pause mit Schumanns „Davidsbündlertänzen“ - wie geschaffen für einen Abend der Stücke in Stücken, dem es um Fülle und Farbigkeit geht und um das Zeitlose der Musik. Das tut das Werk, indem es sich zum Dialog zweier unterschiedlicher Naturen ausfaltet, dem „Sturmläufer“ Florestan und dem eher stillen, „sanften Jüngling“ Eusebius, die hier mal innig und mal aufbrausend, mal schlicht und mal wild, mal ungeduldig und oft mit Humor ihre Gegensätze ausdiskutieren. Hier kann Schultheis das Gold der Partituren zum Leuchten bringen. Das Publikum in der Orangerie reagierte mit begeistertem Applaus.