Donnersbergkreis Der James Herriot von Winnweiler

. „In dem Job stehst du einfach immer an vorderster Front. Da gibt’s kein Zucken und kein Zurückweichen“, sagt Gerhard Lommel, während er sich den Kuhdung vom Arm wäscht. Der steckte vor wenigen Augenblicken noch bis zum Ellbogen in Nummer 728. Die braun-weiße Kuh gehört zum Bestand von Anita Gebhardt aus Höringen. 50 Milchkühe stehen in ihrem Stall. Heute kontrolliert der Tierarzt die Eierstöcke der frisch besamten Damen. „Da braucht man das gewisse Fingerspitzengefühl“, sagt Lommel. „Man kann erst nach einer Zeit ertasten, ob die Kuh trächtig ist.“ Dabei geht der Handschuh eben auch schon mal kaputt. „Meine Tante hat immer gesagt: ,Kuhscheiße und Butter hab’n die selbe Mutter’“, sagt Lommel lachend. Nur eine Kuh, die ein Kälbchen bekommt, gibt Milch. Eine simple Sache. Aber vor allem eine von Vertrauen. Und von Respekt. Beides genießt Lommel – bei seinen Patienten, aber vor allem bei deren Besitzern. „Bei Schweinen und Rindern geht es ja in erster Linie nicht um Sentimentalität, sondern um Wirtschaftlichkeit. Das muss man ganz nüchtern betrachten“, sagt Lommel. Hier auf dem Hof der Gebhardts sorgt auch er dafür, dass die Milch fließt. Und damit das Einkommen. „Das ist für uns überlebensnotwendig“, sagt Anita Geb-hardt. „Wir sind eh schon ein kleiner Betrieb und müssen uns ganz schön strecken. Da ist es besonders wichtig, dass alle Tiere gesund sind.“ Tierarzt Lommel betreut die Tiere der Gebhardts von Anfang an – seit fast 25 Jahren. „Das ist wie eine Ehe. Da muss man schon heftig fremdgehen, um sowas zu scheiden“, sagt er einige Augenblicke später auf der Fahrt zum nächsten Patienten. In seinem weißen Kleintransporter verbringt Lommel Stunden, immer auf der Fahrt durch den gesamten Donnersbergkreis und auch darüber hinaus. Etwa 60.000 Kilometer fährt der Tierarzt im Jahr – kaum einer davon auf der Autobahn, meistens geht es über Feldwege oder Landstraßen. Die Betriebe der Großviehhalter liegen oft etwas außerhalb. Rund 30 davon gibt es noch im Kreis. Die meisten vertrauen auf Lommels heilende Hände. Vor einigen Jahren gab es rund um den Donnersberg noch deutlich mehr Landwirte, die Rinder oder Schweine hielten. Aber immer mehr gaben diese harte und oft wenig lohnende Arbeit auf – und mit ihnen die Tierärzte, die sich um diese besonderen Patienten kümmerten. Für Gerhard Lommel war das nie ein Thema. Für ihn ist sein Job wahrlich Berufung – seit er ein kleiner Junge war: „Meine Eltern hatten selbst Landwirtschaft und Viehzucht. Da war es klar, dass ich in dem Bereich bleibe.“ Nach dem Abitur kam der konkrete Berufswunsch, während des Studiums war Lommel dann schnell klar, was er genau machen wollte: „Wir haben uns immer die Serie ,Der Doktor und das liebe Vieh’ angesehen. Da wusste ich: Ich will werden wie der Landtierarzt James Herriot. Bis heute ist der mein Vorbild.“ Neben seinem alteingesessenen „Lehrvater“ Hermann Moser aus Wolfstein. Bei ihm ist Lommel durch die ganz harte Schule gegangen: „Egal, was kam, wir haben es gemacht. Ob, war nie eine Frage. Dr. Moser hat mich immer nur gefragt: ,Herr Lommel, wann machen wir das?’ Das konnte auch schon mal mitten in der Nacht sein.“ Eine Arbeitseinstellung, die sich Lommel bis heute bewahrt hat. Mittlerweile ist der Tierarzt auf dem Fröhnerhof, einem Reitsportverein in Mehlingen bei Kaiserslautern, angekommen – nach einem kurzen Zwischenstopp in seiner Praxis in Winnweiler, wo seit heute morgen diverse Katzen und Hunde behandelt, ein Kaninchen operiert, eine Pfote geschient, ein Meerschweinchen von Parasiten befreit und eine Findlings-Amsel aufgepäppelt wurden. Zwei Tierärzte unterstützen Lommel in seiner Praxis und bei Hausbesuchen mittlerweile, eine dritte Kollegin kommt demnächst aus dem Allgäu nach Winnweiler. „Ein echter Glücksfall“, sagt Lommel. Jahrelang habe er nach Unterstützung gesucht: „Aber finden Sie mal jemanden, der heute noch bereit ist, diese doch recht harte und körperlich anstrengende Arbeit zu machen. Der mit Scheiße, dem Gestank der Nachgeburten oder dem Einschläfern von Pferden zurecht kommt und der auch noch bereit ist, bis spät abends zu arbeiten.“ Der Stute auf dem Fröhnerhof geht es bei der heutigen Kontrolle deutlich besser als noch vor einigen Tagen. Eine offene Stelle am Hinterlauf hatte ihr zu schaffen gemacht. Schonung und regelmäßiges Cremen zeigen Wirkung. „Jetzt können wir wieder langsam mit Bewegung anfangen. Aber nur in der Halle, nicht im Freien. Ich will nicht, dass Fliegen an die Wunde kommen“, erklärt der Tierarzt der erleichterten Pferdebesitzerin. Weiter geht es nach Imsbach, zum Hof, in dem Lommel aufgewachsen ist. Auch hier wartet eine Patientin auf ihn, eine trächtige Stute, die er im eigenen Stall für eine Kollegin pflegt – und seine Schwiegermutter. Die hält auf dem Herd Kartoffeln und Schweinebraten warm. Eine feste Mahlzeit und eine kurze Pause am Tag müssen schon sein. Und eine Tasse Kaffee. Die gönnt sich der Tierarzt erst hier. „Natürlich bekomme ich – egal, wo ich bin – etwas angeboten. Aber da lehne ich dankend ab. Sonst heißt es: Dort trinkt er eine Tasse Kaffee und bei uns nicht. Nein, für mich sind alle Patienten gleich.“ Dass er vielmehr als nur ein Tierarzt ist, weiß Lommel nach 25 Jahren nur zu gut. Irgendwie ist er auch Sozialarbeiter, Therapeut, Zuhörer und Ratgeber. „Viele der Leute kenne ich seit Jahrzehnten, kenne ihre Lebensgeschichte und ihre Probleme. Sie erzählen mir gerne davon, und ich höre ihnen gerne zu. Da bin ich nicht nur für die Tiere da. Auch das macht meinen Beruf aus.“