Leichtathletik
Der ganz besondere Lauf des Max Rahm aus Baalborn
Weltweit legte der Extremläufer aus Baalborn von über 265.000 Teilnehmern die fünftlängste Distanz zurück. RHEINPFALZ-Mitarbeiter Fabian Schmitt sprach mit dem bald 27-Jährigen.
Herr Rahm, Ihr längster Lauf waren bisher 45 Kilometer im vergangenen Jahr an der Zugspitze. Dieses Jahr sind Sie nur einen Marathon (Weinstraße) und im Training nie weiter als 30 Kilometer gelaufen. Wie kam es dann trotzdem zur Anmeldung für diese Großveranstaltung?
Grundsätzlich wollte ich schon immer einmal dort mitmachen, weil ich das Format sehr interessant finde und ich ja neuerdings auch auf die Ultradistanzen und Trails umgestiegen bin. Persönlich vor Ort teilzunehmen kam dann aber doch relativ kurzfristig. Und ja: Aufgrund der bisherigen Distanzen hatte ich im Vorfeld keine Vorstellung davon, was mich beim Lauf erwartet und wie weit ich kommen kann. Auch mein Trainer Sebastian Roesler, mit dem ich seit Januar zusammenarbeite, meinte, dass dieses Jahr noch ein Lernjahr sei.
Trotzdem haben Sie sich gedanklich schon etwas ausgemalt?
Ja. 60 Kilometer waren ein Traumziel, wohlwissend, dass ich es wahrscheinlich nicht erreichen würde. Mein primäres Ziel waren dann 55 Kilometer, aber ich sagte mir auch, dass alles über 50 Kilometer okay wäre und ich damit zufrieden bin. Ich war ja auch ziemlich nervös und aufgrund der ungewöhnlichen Startzeit von 13 Uhr (Anmerkung der Redaktion: Der Lauf musste weltweit zur gleichen Uhrzeit beginnen) fiel es mir schwer abzuschalten. Zu meinem Vater sagte ich beim Aufwärmen noch, dass meine Beine sich nicht gut anfühlen.
Dazu kamen nicht optimale Bedingungen mit ordentlich Gegenwind. Dann setzte auch noch Regen ein …
Da dachte ich endgültig, dass es ein schwieriger Tag werden würde. Doch als der Regen aufhörte, fühlten sich meine Beine und die abgekühlte Muskulatur erstaunlich gut an und ich konnte in der Spitzengruppe mit einem Schnitt von knapp unter drei Minuten 40 Sekunden pro Kilometer gut mitlaufen. Diese Pace hat man über die ersten flachen 40 Kilometer auch gebraucht, um am Ende über 60 Kilometer zu kommen, weil der letzte Abschnitt dann extrem hügelig (440 Höhenmeter) war. Die Zeit verging wie im Flug, und ich versuchte permanent, Energie zu sparen.
Ab wann war Ihnen denn bewusst, dass Sie an diesem Tage etwas Großes erreichen können?
Bei Kilometer 45 gab es eine Verpflegungsstelle. Meine Mitstreiter blieben stehen, um Verpflegung zu nehmen, aber ich nahm meine Flasche und lief weiter. Danach folgte ein kleines Stück bergab, und als ich es laufen ließ, war ich plötzlich alleine vorne. Ich konnte es kaum glauben, dass die anderen nicht mehr heranlaufen. Als ich die 50er-Marke passierte, hatte ich immer noch einen Schnitt von unter drei Minuten und 40 Sekunden pro Kilometer und ich wusste: Selbst wenn ich jetzt nur noch jogge, komme ich auf fast 60 Kilometer. Allerdings hatte ich immer noch Angst, dass jeden Moment der Ofen aus sein könnte und mich Florian Neuschwander, der zu dieser Zeit zweitplatzierte Verfolger, noch einholt.
Das tat er nicht. Und das „Catcher-Car“ erwischte Sie erst bei 65,28 Kilometer. Fünftbester weltweit und Rang eins in München. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Es war ein Mix aus Freude und Erleichterung. Ich hatte es mir endlich bewiesen, dass ich bei starker Konkurrenz zur Spitze gehöre. Die Selbstzweifel, die ich bisher hatte, waren vielleicht nicht ganz gerechtfertigt. Niemand hatte mich wirklich auf der Rechnung, außer Florian, der schon immer gesagt hatte, dass ich sein Geheimtipp sei. Alles, was dann passierte, war unglaublich. Die Interviews, die Fotos, die Siegerehrung – es war wie Olympia und ich fühlte mich wie ein Olympia-Champion. Es ist ein Tag, den ich nie vergessen werde und der hoffentlich der Beginn von etwas noch Größerem ist.
ZUR PERSON
Nach einjährigem Auslandsaufenthalt in Kenosha (Bundesstaat Wisconsin) mit professionellem Training lebt Max Rahm seit Januar wieder in seinem Elternhaus in Baalborn. Der gelernte Schreiner absolviert neben seinem höchst aufwendigen Trainingspensum ein Fernstudium (Sportmanagement) an der Fresenius Hochschule. Trotz Spezialisierung auf den Ultra- und Trailbereich arbeitet der bald 27-Jährige weiterhin an seinem Ziel, den Marathon unter 2:17 Stunden zu laufen. Aktuell laboriert er an einer Entzündung des Bandapparates im Fuß und muss zwei Wochen pausieren. Der „Wings for Life World Run“ hat doch Spuren hinterlassen.
ZUR SACHE
„Wings for Life World Run“
Unter dem Namen „Wings for Life“ – zu deutsch: Flügel fürs Leben – haben der einstige Motocross-Weltmeister Heinz Kinigadner und der inzwischen verstorbene Red-Bull-Macher Dietrich Mateschitz 2004 eine gemeinnützige Stiftung für Rückenmarksforschung gegründet. Zu deren Gunsten findet seit 2014 jährlich im Mai auf 34 oder 35 Strecken in 33 Ländern weltweit ein zeitgleicher Wohltätigkeitslauf statt. Die Besonderheit des „Wings for Life World Run“, der größten Laufveranstaltung der Welt, liegt darin, dass die Läufer keine vorgegebene Distanz zurücklegen müssen. Ferner fährt 30 Minuten nach dem Start ein sogenanntes „Catcher Car“ (Fang-Auto) die Strecke ab. Es startet mit 14 km/h und wird jede halbe Stunde um 1 km/h schneller. Überholte Teilnehmer scheiden aus, bis nur noch einer, der Sieger, übrig bleibt. Bei der elften Auflage Anfang Mai starteten weltweit 265.918 Menschen: Rekord. Über 8,1 Millionen Euro an Spenden landeten im Topf der Stiftung.