Museums(Ver-)Führer RHEINPFALZ Plus Artikel Das Jüdische Museum in Winnweiler: Der Name sollte nicht täuschen

Werner Rasche neben einem schmiedeeisernen Chanukkaleuchter, der bei der Schändung der Synagoge in Rockenhausen in der Pogromnac
Werner Rasche neben einem schmiedeeisernen Chanukkaleuchter, der bei der Schändung der Synagoge in Rockenhausen in der Pogromnacht 1938 gerettet werden konnte.

Ein hell erleuchteter Raum, verschiedenfarbige Wände, viele glänzende Exponate und Wände voller Texte und Bilder: Wer will, kann im Jüdischen Museum der Nordpfalz in Winnweiler eine Menge Zeit verbringen. Zumal die Räumlichkeiten noch andere Bereiche beherbergen, in denen Ausstellungsstücke gezeigt werden, die nichts mit dem Judentum zu tun haben.

Dass die Besucher des Jüdischen Museums in Winnweiler manchmal sagen: „Mensch, ich muss ja dreimal kommen, um das alles zu lesen“, ist Werner Rasche schon ein paar Mal untergekommen. Der 81-Jährige kümmert sich momentan weitestgehend alleine um das Museum, das ziemlich zentral in der Gemeinde liegt. „Das verlange ich von den Leuten aber gar nicht“, sagt er. „Im Grunde kann sich jeder das heraussuchen, was ihn interessiert.“ Er selbst sei schon öfter in Ausstellungen gewesen, in denen er informativen Text vermisst habe und will diesen seinen Museumsgästen daher bieten.

Das Jüdische Museum ist im Wesentlichen ein großer Raum im Erdgeschoss und widmet sich der jüdischen Kultur und Geschichte im Allgemeinen und dem Judentum in der Nordpfalz im Besonderen. Er ist durch die Wandfarben Lila, Schwarz und Orange übersichtlich in mehrere Bereiche untergliedert, darunter auch die wohl dunkelste Epoche jüdischer Geschichte: die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust.

Eine geneigte Kapsel am Eingang

Im Türrahmen am Eingang dieses Raums befindet sich – in geneigter Stellung – ein zylinderförmiges Objekt, das ein wenig an einen goldenen Zauberstab erinnert. Diese Kapsel, genannt Mesusa, findet sich in einem traditionellen jüdischen Haushalt ebenfalls an diesem Ort – meistens sogar am rechten Türpfosten aller Zimmer, mit Ausnahme des Badezimmers. Viele Juden betrachten die Mesusa als eine Art göttliches Symbol, das Unheil von der Wohnung fernhalten soll. Darin enthalten sind zwei Abschnitte aus dem Schma Jisrael, das zu den wichtigsten jüdischen Gebeten zählt. Mesusot, so der Plural, sollen nicht nur darauf hinweisen, dass im Haus eine jüdische Familie lebt, sondern auch an die Einhaltung der Gebote erinnern.

Die Abbildung zweier Juden aus Worms hängt direkt hinter dem Eingang. Einer von ihnen trägt einen Bund Knoblauch und einen Geldbeutel bei sich. „Es ist die Rede davon, dass dieser Geldbeutel der Darstellung einen antisemitischen Charakter verleiht“, sagt Rasche, der diese Sichtweise allerdings für überzogen hält. „Geldgeschäfte waren zwar in den Händen der Juden, aber wenn die Abbildung tatsächlich antisemitisch wäre, hätten die beiden nicht solch freundliche Gesichter, sondern eher verzerrte Grimassen.“

Prämisse: Kein reines Heimatmuseum

Werner Rasche hat ein grobes Konzept ausgearbeitet, um allen Museumsbesuchern einen kompakten Überblick über die Ausstellung zu geben, wenn er sie durch die Räume führt. „Sonst würde ich mich verzetteln“, sagt er schmunzelnd. Seit 1978 gibt es in Winnweiler die Arbeitsgemeinschaft (AG) Heimatgeschichte, die Rasche bis heute leitet. Die Gemeinde ist 1997 an diese AG mit der Frage herangetreten, ob man sich vorstellen könne, in dem Gebäude, das übrigens einst als Amtsschreiberei des habsburgischen Oberamts der Grafschaft Falkenstein fungierte, ein Museum zu eröffnen. „Wir konnten uns das schon vorstellen“, sagt Rasche. „Allerdings unter der Voraussetzung, dass es kein allgemeines Heimatmuseum wird, sondern dass die Geschichte und Kultur des Judentums einbezogen werden“, erklärt der Winnweilerer.

Trotz Widerstands einer Gemeinderatsfraktion sei die Einrichtung des Museums mit dem gewünschten Schwerpunkt vom Gemeinderat beschlossen worden. Am 17. April 2004 wurde es eröffnet. Es gibt einen Trägerverein für das Museum, in den die Arbeitsgemeinschaft integriert ist. „Weitere Unterstützer für die Zukunft unserer Museumsarbeit wären nicht schlecht“, sagt Rasche, der sich die Besucherführungen auch schon mit Kollegen geteilt hat.

Begriffe mit jiddischer Herkunft

Die Texttafeln im Museum informieren unter anderem über jüdische Feiertage und Brauchtümer, über die Rollen, die Juden in bestimmten geschichtlichen Abschnitten gespielt haben, über die Diffamierungen, mit denen sie sich konfrontiert sahen. Texte auf einem an die Wand montierten Bildschirm widmen sich dem Thema Sprache und zeigen, dass viele Wörter und Redensarten, die wir im Alltag verwenden, jiddischer Herkunft sind, zum Beispiel die Begriffe Massel (Glück, Erfolg) und ausbaldowern (aushecken, planen). Etwas Ähnliches gebe es auch im Jüdischen Museum in Steinbach am Glan: „Von dort stammt die Inspiration dazu“, sagt Rasche.

Rechts daneben, in der orangenen Themenecke, geht es schwerpunktmäßig um das Judentum in der Nordpfalz. Laut Rasche haben vor allem im 19. Jahrhundert viele Juden in der Nordpfalz gelebt. Hier erfährt man zum Beispiel, wo es in der Region überall jüdische Friedhöfe gibt. Zudem geht es um verschiedene jüdische Persönlichkeiten mit Bezug zur Nordpfalz.

Otterberg gehört zwar zum Kreis Kaiserslautern, bleibt hier aber nicht unberücksichtigt: Von dort stammt die Familie Straus. Die Brüder Isidor und Nathan Straus waren Teilhaber des US-amerikanischen Kaufhauses Macy’s. Isidor und seine Frau Ida sind 1912 beim Untergang der Titanic gestorben.

Eine Torarolle aus Straßburg

Die Exponate, mit denen die Vitrinen ausgestattet wurden, stammen nur zum Teil aus der Nordpfalz, ansonsten aus aller Welt. Das materiell und ideell wertvollste Objekt der Ausstellung ist eine originale Torarolle. Sie beherbergt die fünf Bücher Mose, aufgeschrieben in hebräischer Sprache. Der Text, der normalerweise auf Pergament geschrieben steht, findet sich in diesem Fall auf Ziegenleder, erklärt Rasche. „Wir haben die Torarolle bei einem jüdischen Antiquitätenhändler in Straßburg erwerben können.“ Ursprünglich stamme sie aus Nordafrika.

Der älteste Teil des Museums ist der kleine gewölbte Keller, der heute zur Gienanth-Abteilung gehört. In besagter Abteilung geht es nicht um das Judentum, sondern, wie der Name schon sagt, um die pfälzische Industriellenfamilie Gienanth. Außerdem beherbergt das Museum im Obergeschoss seit 2014 das Ludwig-Götz-Kabinett, in dem Ölgemälde des Malers aus Wartenberg-Rohrbach zu sehen sind. Auf dieser Etage geht es außerdem um jüdische Bürger aus Winnweiler.

Im Erdgeschoss befindet sich noch ein großer Raum, der sich der Orts- und Regionalgeschichte widmet. Dieser wird auch für Veranstaltungen genutzt – bei der Lesung mit Beata Hopp aus dem Buch „Brennende Lichter“ von Bella Rosenfeld Chagall am Dienstagabend gibt es allerdings keine freien Plätze mehr.

Das Museum in der Schlosstraße 37 ist in der Regel an zwei Sonntagen im Monat geöffnet. Der nächste Öffnungstag ist der 8. Mai. Kontakt unter Telefon 06302 1256 oder per E-Mail an museen-winnweiler@t-online.de.

Die Serie

In der Serie Museums(ver-)führer stellen wir Museen der Region vor und geben einen Vorgeschmack darauf, was die Besucher erwartet. Dies ist der Auftakt der Serie, die Lust machen soll, nach den Pandemie-Beschränkungen wieder Entdeckungen zu machen.

 Ein Herzstück der Ausstellung ist die Torarolle. Sie stammt ursprünglich aus Nordafrika und wurde bei einem Antiquitätenhändler
Ein Herzstück der Ausstellung ist die Torarolle. Sie stammt ursprünglich aus Nordafrika und wurde bei einem Antiquitätenhändler in Straßburg gekauft.
Das Ludwig-Götz-Kabinett im Obergeschoss. Auf dieser Etage geht es auch um jüdische Bürger aus Winnweiler.
Das Ludwig-Götz-Kabinett im Obergeschoss. Auf dieser Etage geht es auch um jüdische Bürger aus Winnweiler.
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