Donnersberger Echo
Corona: Von Vorbildern und Versäumnissen – Wochenendekolumne von Rainer Knoll
Die „Großen“ machen’s vor
Man soll ja nichts beschreien – aber dass es seit Beginn der Corona-Krise im Rockenhausener Werk der Firma Adient kaum eine bestätigte Infektion gegeben hat, ist bei mehr als 1000 Mitarbeitern schon eine außergewöhnlich gute Bilanz. Wenn man bei einer solch verheerenden Pandemie überhaupt von so etwas sprechen kann. Sicher, während des ersten Lockdowns standen auch beim Sitzhersteller zeitweise die Bänder still, etliche Beschäftigten waren im Homeoffice, eine monatelange Phase der Kurzarbeit mit nur teilweiser Präsenz der Belegschaft schloss sich an.
Dennoch zeugt es von einem durchdachten Hygienekonzept der Verantwortlichen und einer hohen Disziplin der Mitarbeiter, wenn bislang – und hoffentlich auch künftig – das Gelände in der Kreuzwiese eine praktisch Covid-freie Zone ist. Denn gerade in einem Produktionsbetrieb ist es nicht einfach, Abstandsregeln konsequent einzuhalten und durchgängig Schutzmasken etwa an den schweißtreibenden Härteöfen zu tragen.
Manchem mag es angesichts der bis dato unproblematischen Lage im Adient-Werk übertrieben erscheinen, dass nun als weiterer Sicherheitsfaktor Corona-Schnelltests eingeführt werden sollen – zumal diese keine 100-prozentige Zuverlässigkeit garantieren. Doch Werkleiter Guido Herkenrath weist zurecht darauf hin, dass neben allen ausgeklügelten Konzepten „natürlich auch ein bisschen Glück“ bei der bis dato stabilen Gesundheitslage der „Keiperianer“ gewesen ist. Deshalb kann es – schon aus Eigeninteresse des Unternehmens – ein Zuviel an Vorsicht nicht geben.
Das gilt, wenngleich in einem ganz anderen Bereich tätig, auch für den zweiten großen Arbeitgeber in Rockenhausen: das Evangelische Diakoniewerk Zoar. Bislang sind laut Direktorin Martina Leib-Herr nur ein Bewohner sowie einige wenige Mitarbeiter – die sich zudem durchweg in privatem Umfeld infiziert haben – positiv auf das Virus getestet worden. Vor allem hat der soziale Dienstleister mit mehr als 1500 Beschäftigten, für die ein enger Kontakt mit alten und beeinträchtigten Menschen elementarer Bestandteil ihres Berufsfeldes ist, die heimtückische Krankheit Stand jetzt gänzlich aus den besonders gefährdeten Seniorenheimen heraushalten können. Ein weiterer Beleg dafür, dass auch bei Zoar der Krisenstab um Erich Rose sowie alle Beteiligten ausgezeichnete Arbeit leisten
Nicht alles ist nachvollziehbar
Adient und Zoar: Das sind zwei prominente Beispiele für viele Betriebe im Kreis, die große Anstrengungen zum Schutz ihrer Angestellten und letztendlich des eigenen Geldbeutels unternehmen. Aber es gibt auch andere, die sich weniger um geltende Vorschriften kümmern, für die Abstand und Schutzmasken Fremdwörter sind. Natürlich ist es etwa für Handwerker schwierig, im Eifer des Gefechts permanent die 1,50 Meter zum Kollegen einzuhalten oder den ganzen Tag eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Doch das Beachten von Mindeststandards wie das Desinfizieren oder Aufteilen in feste Teams kann in dieser Situation schon verlangt werden. Der teils laxe Umgang rührt vielleicht auch daher, dass dem Thema Arbeitsstätten in der Corona-Politik relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Gegensatz beispielsweise zur Gastronomie, die nun als „Dank“ für mühsam entwickelte Hygienekonzepte für einen Monat komplett dicht gemacht wird.
Klar, die Entscheidungsträger in Bund, Länder und Kommunen sind nicht zu beneiden. Der Handlungsdruck war angesichts rapide gestiegener Infektionszahlen groß. Und der alte Spruch, es nie allen Recht machen zu können, gilt bei Corona mehr denn je. Dennoch ist manches schwer nachvollziehbar: Mir erschließt sich beispielsweise nicht, warum Bereiche wie Kultur und Amateursport im November komplett lahmgelegt werden, Ratssitzungen aber – wenn auch unter Auflagen – weiterhin stattfinden. Sicher ist es wichtig, dass Kommunen nicht wie während des ersten Lockdowns über Wochen still stehen. Aber – bitte nicht falsch verstehen – ob der Kauf eines Mulchers oder der siebte Nachtragshaushalt einen Monat früher oder später beschlossen wird, hat dann doch begrenzte Auswirkungen. Und für unaufschiebbare Beschlüsse sind ja im Frühjahr Alternativmodelle ausprobiert worden. Diese für den Fall einer zweiten Welle nicht konsequent weiterentwickelt zu haben – nicht das einzige Versäumnis der Politik in der trügerisch ruhigen Sommerzeit.
Ein möglichst kontaktarmes, aber dennoch erfülltes Wochenende wünscht ihnen Rainer Knoll