Donnersbergkreis
Café North Point und Schlägerei im Schlosshotel: Satirische Jahresvorschau
Januar
Lydia Thorn Wickert weiß, mit man auf dem Weg zu kulturellen Großveranstaltungen die Spannung hochhält. Ein bewährtes Rezept: Höhepunkte lange offen lassen. So hält sie es das ganze Jahr über im Vorblick auf das Festival Neue Musik in Rockenhausen. Ein grandioses Glanzlicht verspricht sie, verschweigt aber bis kurz vor knapp, welcher Coup ihr wieder gelungen ist. Natürlich schießen die Gerüchte ins Kraut. Immer mehr Anhänger findet die Spekulation, ihr sei es möglicherweise gelungen, die Berliner Philharmoniker zu gewinnen, um durch diesen erlesenen Klangkörper das Publikum mit John Cages Meisterwerk „4:33“ in der Fassung für großes Orchester viereinhalb Minuten beschweigen zu lassen. Und wer das Ausnahmeorchester kennt, der weiß, dass es auch die geforderte Tonlosigkeit makellos und in völliger Hingabe an das Werk umzusetzen und dieses Schlüsselwerk der Neuen Musik zu einem Ereignis zu formen vermag. Thorn Wickert schweigt und lächelt wissend zu solchen Mutmaßungen.
Im Stadtrat Kirchheimbolanden wird über das kostenlose Parken im Parkdeck diskutiert. Die CDU-Fraktion ist gegen Änderungen: „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Das bringt die Leute zum Einkaufen hierher.“ Andere Ratsvertreter sprechen sich dafür aus, sich Bezahlmodelle in anderen Städten anzuschauen. Der Rat verweist das Thema zunächst an den Ausschuss und will es anschließend erneut auf die Tagesordnung setzen.
Februar
Der Winter hat den Donnersbergkreis fest im Griff. Das heißt auch, dass weiter kräftig Energie gespart werden muss. Das Kibobad hat seit Jahresbeginn die Wassertemperaturen kontinuierlich weiter abgesenkt. Die Bademeister kreisen mit dicken Winterjacken um die Becken, am Kiosk gibt es Glühwein und heiße Suppe, außerdem Neoprenanzüge und beheizbare Badehosen. Als sich erstmals Eis auf dem Wasser bildet, weigern sich aber selbst hartgesottenste Besucher, im Kibobad schwimmen zu gehen. Die Verantwortlichen stecken allerdings den Kopf nicht in den Schnee und entwickeln kurzerhand eine neue Marketingstrategie: Aus dem Babybecken wird eine Schlittschuhbahn, im Nichtschwimmerbecken können Kinder von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen, und im Schwimmerbecken wird Eistauchen angeboten. Der Winterspaß für die ganze Familie boomt – das Kibobad verzeichnet einen neuen Besucherrekord für den Monat Februar.
März
Die Rockenhausener Stadtratsfraktionen haben die Schnauze voll vom Rechtsstreit mit der insolventen Hotel-Kette: Die Betreiber lassen sich auch von der 57. Kündigung nicht zur Räumung des Schlosshotels bewegen, Pacht zahlen sie schon lange nicht mehr. Deshalb schreiten nun die Bürgervertreter zur Tat – mangels Kommunikation allerdings jede Partei für sich. So passiert es, dass SPD und CDU in derselben Nacht in den Schlosskeller eindringen. Die einen wollen Heizung und Stromversorgung außer Gefecht, die anderen mittels Rohrbruch das Anwesen unter Wasser setzen. Im Gewölbe treffen die beiden Gruppen aufeinander und halten sich gegenseitig für Einbrecher – es kommt unter Einsatz von Rohrzangen und Schraubschlüsseln zur Schlägerei. Vom Lärm aufgeschreckt, schickt der Geschäftsführer des Hotels seine Security in den Keller. Rote und Schwarze wollen flüchten, kommen aber nicht weit: Denn der städtische Bauhof betoniert gerade auf Anweisung des FDP-Beigeordneten alle Eingänge zu. Die FWG verfolgt eine andere Strategie, will das komplette Anwesen in die Luft sprengen – die Handgranate wird aber in dem vom Bauhof angerührten Beton zum Rohrkrepierer. Stadtbürgermeister Michael Vettermann hat endgültig genug und ruft die Polizei. Die nimmt jedoch nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft nicht den Schlosshotel-Betreiber, sondern den kompletten Stadtrat wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung fest. Außerdem müssen CDU und SPD wegen ihres Aufenthalts im Keller das Geld für eine Übernachtung mit Frühstück berappen. Für die Hotelkette ein weiterer lukrativer Tag in der Nordpfalz ...
April
Wegen der hohen Energie- und Wasserkosten sagen sämtliche Schwimmbäder im Kreis die Badesaison ab. Zwar hatte es Gedankenspiele gegeben, das Bad in Rockenhausen direkt mit kostenfreiem Wasser aus der Alsenz zu befüllen, am Winnweilerer Schwimmbad einfach den Grummbach freizulegen und dort Badegäste die Zehen hineinhängen zu lassen – doch diesen stand die Befürchtung entgegen, dass im Hochsommer wie im Vorjahr alle Bäche im Donnersbergkreis austrocknen. Die 2022 von Seiten des Landkreises ins Auge gefasste Errichtung einer Traglufthalle, um eines der Bäder im Kreis sogar ganzjährig nutzbar zu machen, ist damit erstmal in weite Ferne gerückt. Weil ein solches Prestigeobjekt aber auch für den Tourismus eine tolle Sache wäre, reift schnell eine neue Idee. Denn in Zeiten knapper Kassen lockt der kostenlose Spaziergang auf dem Donnersberg mittlerweile ungeahnte Besuchermengen an. Um diesen zwölf Monate im Jahr ein Naturerlebnis ohne Regen zu gewährleisten, soll der gesamte Berg in eine Traglufthalle verpackt werden. Damit auch die Schlittenfreunde am höchsten Berg der Pfalz – und gleichzeitig höchsten überdachten Berg Deutschlands – zu ihren Freuden kommen, werden für den Winter Schneekanonen angeschafft.
Der Ausschuss für Stadtentwicklung in Kibo empfiehlt indes, sich durch engmaschige Kontrollen ein Bild davon zu machen, wer die beiden unteren Parkebenen (nur die sind ganztägig kostenlos) nutzt. Ein Planungsbüro wird beauftragt.
Mai
Nachdem die Abstufung der K43 zwischen Börrstadt und Sippersfeld zum Rad- und Wirtschaftsweg geräuschlos vonstatten ging, macht das Land nun Tabula Rasa: Mit Verweis auf das „Dilettantenheimer Urteil“, wonach Gemeinden selbst durch eine kaum noch zu befahrende Buckelpiste ausreichend ans Verkehrsnetz angebunden sind, werden im Kreis nur noch wenige klassifizierte Straßen erhalten: die A63, die B48 durchs Alsenztal, die L386 als Ost-West-Achse zwischen Kibo und Rockenhausen, die L401 (frühere B40) durch den östlichen Kreisteil sowie die B47 durchs Zellertal beziehungsweise nach Göllheim und Eisenberg. Alle anderen Trassen werden eingezogen, im Gegenzug soll das Radwegenetz erweitert werden. Zudem ist vorgesehen, an wichtigen Knotenpunkten Lade- und automatisierte Verleihstationen für E-Bikes zu installieren. „Dadurch können wir den Tourismus im Donnersbergkreis erheblich aufwerten. Außerdem sollen die Menschen wieder mehr zu Fuß gehen – das schont die Umwelt und ist viel gesünder, was auch das Gesundheitssystem entlastet“, teilt das Verkehrsministerium mit. Derweil werden die freiwerdenden Straßenflächen für den Ausbau der Solarenergie genutzt. Obwohl noch kein einziger Flächennutzungsplan diesbezüglich geändert ist, haben sich Projektierer bereits für zweistellige Millionenbeträge sämtliche Grundstücke vom Land gesichert.
Juni
Das Planungsbüro liefert Ergebnisse zum Parkdeck Kibo: Die beiden unteren Ebenen werden von Dauerparkern genutzt. Ansonsten füllen sie sich kurz vor 8 Uhr am Vormittag und leeren sich auf wundersame Weise zum Teil um 12 Uhr und gegen 16 Uhr. Völlig unklar bleibt indes, wo diese Menschen in dieser Zeit einkaufen. Das Planungsbüro möchte sich diesem Sachverhalt in einer weitergehenden Untersuchung widmen.
Eine Alternative, die parallel diskutiert wurde, ist vom Tisch: Um den Einzelhandel näher zu den Parkern zu holen, hatte das Planungsbüro vorgeschlagen, auf dem zu wenig genutzten Oberdeck ein Stadtquartier B zu errichten. Zunächst interessierte Investoren lehnten ab, weil eine Umfrage ergeben hatte, dass die wenigsten den beschwerlichen Treppenaufstieg um drei beziehungsweise vier Etagen auf sich nehmen wollen. Die Idee, sämtliche Parkplätze mit iPads auszurüsten, um von dort Online-Shopping bei Amazon & Co. zu ermöglichen, fand im Stadtrat keine Mehrheit. Zuvor hatte der alte neue Pro-Kibo-Vorsitzende Jürgen Heck darauf hingewiesen, dass dies den Einzelhandel in der Stadt nicht wirklich voranbringen würde.
Juli
Auch sieben Jahre nach dem Hangrutsch bei Imsweiler können sich Ortsgemeinde und Deutsche Bahn nicht einigen, wer für die Kosten der durch die einwöchige Sperrung der Alsenztalbahn bedingten Zugausfälle aufkommen muss. Vor allem fürchtet die Bahn, dass wegen des Klimawandels solche Starkregenereignisse künftig an der Tagesordnung sind und will für die Folgen gerne alle anderen außer sich selbst in Haftung nehmen. Da sich das Gericht jedoch auch nach dem vierten Bodengutachten über den Zustand des Hangs außerstande sieht, eine Entscheidung zu treffen, handeln die Anwälte einen spektakulären Deal aus: Die Ortsgemeinde wird von allen Zahlungen befreit, die Bahntrasse zwischen Schweisweiler und Rockenhausen komplett verlegt. Sie verläuft künftig parallel zur seit 2018 im Bau befindlichen Imsweilerer Ortsumgehung. Dazu müssen lediglich einige zusätzliche Sprengungen durch den Berg vorgenommen und eine zweite Konstruktion an die Schleifmühlen-Talbrücke angedockt werden. Positiver Nebeneffekt: Der seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch sporadisch funktionierende Imsweilerer Bahnübergang kann nun auch offiziell außer Betrieb genommen werden.
August
Christine Lambrecht soll den Friedenstagepreis erhalten. Die Organisatoren der Friedenstage Kirchheimbolanden – bekennende Gegner des Bundeswehrstützpunkts Kriegsfeld – feiern die Bundesverteidigungsministerin damit für einen Coup: Ihrer Ankündigung, „so viel Munition wie lange nicht mehr“ für die Truppe zu beschaffen, ließ sie einen vielversprechenden Deal mit einem bis dato wenig in Erscheinung getretenen belgischen Waffenlieferanten folgen. Weil sich dieser im Nachhinein als Waffellieferant herausstellte (der das größte Geschäft seiner Unternehmenshistorie verzeichnen durfte), sitzt die Bundeswehr nun auf Hunderttausenden Tonnen von vorzüglichem Feingebäck. Kurzerhand müssen die Planungen für die Wiederinbetriebnahme des Munitionsdepots bei Kriegsfeld geändert werden: Café North Point öffnet ab Januar 2024 täglich ab 8 Uhr. Zu den leckeren Waffelspezialitäten mit verschiedenen Toppings werden Heißgetränke aus der Kaffeekanone serviert. Das Kids-Menu für die jungen Besucher enthält lustige kleine Raubkatzenfiguren – Überbleibsel der jüngsten Schützenpanzer-Bestellung.
September
Dank einer ausgeklügelten Vermarktungsoffensive, die mit flächendeckend schneller Internetanbindung, eng getaktetem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und ausnahmslos kostenlosem Parken wirbt, gelingt es, Scharen von Medizinern in den Donnersbergkreis zu locken. Nachdem sämtliche Hausarztpraxen übernommen sind und das Westpfalz-Klinikum seinen Hauptsitz an den Standort Rockenhausen verlegt hat, stehen weitere junge Ärzte in den Startlöchern und suchen händeringend nach Wirkungsmöglichkeiten. Investorengruppen wittern ihre Chance und wollen den Landkreis mit neuen Angeboten zu jenem mit der höchsten medizinischen Versorgungsdichte im Land machen. Weil für die vielen neuen medizinischen Einrichtungen Platz benötigt wird, müssen andere Projekte weichen. Noch im Jahr 2023 sollen beispielsweise die Umbauarbeiten für das Rockenhausener Gesundheitszentrum Pachen starten, in Kibo steht der Baustart für das MVZ Barocker Terrassengarten bevor. Rund ums Uhlsche Haus entsteht das Göllheimer Versorgungskarree, in Winnweiler laufen die Planungen für das Krankenhaus Heiliger Bischoff.
Die Empfehlung des Planungsbüros ist da. Drei Euro soll ein Tagesticket im Kirchheimbolander Parkdeck künftig kosten, für 1,50 Euro darf bis zu vier Stunden geparkt werden. Die SPD-Fraktion ruft in einer Flugblattaktion dazu auf, das Parkhaus zu boykottieren. Die anderen Fraktionen stimmen der Parkgebühr zu. Ein Planungsbüro soll prüfen, wo man notwendige Automaten beziehen kann.
Oktober
Das Projekt familienfreundliches Stahlberg mit Erlebnispfad, Waldmurmelbahn und Wohnmobilstellplätzen ist frühzeitig fertiggestellt worden und begeistert die Besucher. Der Hashtag #Stahlberg schießt in den Sozialen Netzwerken durch die Decke. Die acht Wohnmobilstellplätze sind bereits auf Monate ausgebucht, Pläne für eine Erweiterung werden diskutiert. Die Stahlberger bieten ihre Häuser bei „Airbnb“ an und ziehen nach Ransweiler um. Für den Erlebnispfad müssen sich Schulklassen und Kitagruppen anmelden, da wegen des großen Andrangs die Waldruhe gefährdet ist. Am besten besucht ist allerdings die Waldmurmelbahn. Erste Waldmurmelbahn-Vereine gründen sich, die gegeneinander antreten und die Murmel küren, die es am schnellsten über die Bahnen schafft. Fürs Folgejahr plant Pro Sieben in Stahlberg die „TV Total“-Waldmurmelbahn-Weltmeisterschaft. Beliebteste Sondermurmeln im zugehörigen Shop sind die „Nordpfälzer Murmelland“, die „Stählerner Berg“ und die „Cu(ge)llmann“.
November
Anfang November lässt Lydia Thorn Wickert die Katze aus dem Sack. Der völlig verblüfften Fachpresse teilt sie mit, dass es ihr gelungen sei, für das Abschlusskonzert des Festivals Neue Musik keinen Geringeren als Mark Forster zu gewinnen, um auch dieser Facette neuer Musik gerecht werden zu können. Der Superstar werde tatsächlich persönlich erscheinen, um am Carillon eine Reihe seiner größten Erfolge zu spielen, in einer eigens entwickelten Fassung für Glockenspiel und E-Gitarre. Unterstützt wird er von einem weiteren lokalen Neutöner: Kalli Koppold.
Dezember
Im Kirchheimbolander Stadtsäckel kommt es zu großen unerklärlichen Verlusten. Stadtkämmerer Peter Billenstein wird bei der Suche nach dem Leck fündig. Es fehlen die Einnahmen durch die Knöllchen, die einst beim kostenlosen (!) Parken eingenommen wurden. Das dahinterstehende Geschäftsmodell der VG – mehrmals am Tag kontrollieren, denn wer zweimal erwischt wird, muss kräftig zahlen – hatte manche freiwillige Leistung in Stadt und VG refinanziert. Das Planungsbüro wird wieder eingeschaltet und macht insbesondere Verluste aus, weil schusselige RHEINPFALZ-Redakteure nunmehr brav ihre Drei-Euro-Tickets lösen, statt mehrfach im Monat 30 Euro an Knöllchen zu zahlen. Der Rat kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen und schafft das neue Parksystem mit sofortiger Wirkung ab. Die beiden unteren Parkebenen werden sofort von den Dauerparkern zurückerobert – die in den Innenstadt-Geschäften niemals auftauchen –, und vormittags mäandern wieder RHEINPFALZ-Redakteure in ihren Autos durch die Stadt, auf der Suche nach einem Parkplatz. Der Stadtrat beschließt, sich des Themas Parkdeck im kommenden Jahr ausführlich zu widmen.