Imsweiler
B48-Umgehung: Schleifmühltal-Brücke rollt binnen 56 Minuten ins Ziel
Von Christian Hamm
Ein Kran ragt in die Höhe, hievt Teile auf den riesigen Stahlkasten. Darunter ist Feuerschein zu sehen: Nahe des Betonpfeilers ist doch tatsächlich ein Schweißer am Werk. Baustellen-Fahrzeuge rattern den sanft abfallenden Hang zwischen Straße und Taleinschnitt hin und her. Auf der Brücke ist noch eine Handvoll Leute unterwegs, unter ihr sind viele weitere am Werk. Es herrscht emsige Betriebsamkeit an diesem kalten Donnerstagmorgen. Wie so oft im Laufe des Jahres. Nur: So viele Zuschauer hatten die „Brückenbauer“ noch nie. Gut und gerne 250 sind es, die sich schon um 9 Uhr an der Schleifmühle eingefunden haben. Alle haben eines gemein: Sie wollen sich ein einmaliges Schauspiel nicht entgehen lassen. Wann gibt’s schon mal Gelegenheit, eine gut 100 Meter lange Brücke rollen zu sehen?!
Tja. Irgendwie hatten sich wohl die Schaulustigen die Sache ein bisschen anders vorgestellt. Denn von der Betriebsamkeit mal abgesehen, tut sich – nichts. Sogar das Sehen selbst bereitet Probleme, denn die Brücke liegt im Nebel. Die Hoffnung, dass sich die Schwaden langsam verziehen und der Sonne Platz machen könnten, bewahrheitet sich vorerst nicht. Eher scheint sich die Suppe noch zu verdicken.
Publikum gut versorgt
Keine Suppe, stattdessen Würstchen werden am Verpflegungsstand gereicht. Feuerwehr wie die Ortsgemeinde Imsweiler haben Helferinnen und Helfer mobilisiert, um die Besucher zu versorgen. Erst mal ist Kaffee gefragt, auch gibt’s schon Glühwein. Heiße Getränke erweisen sich als Verkaufsschlager. Hinterm Häuschen steht kistenweise Bier. Das bleibt aber weitestehend unangetastet.
Gut anderthalb Stunden später: Michael Cullmann hat genug (nicht) gesehen. „Termine rufen“, entschuldigt sich der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nordpfälzer Land, der an diesem Morgen mutmaßlich noch einigen närrischen Verpflichtungen nachkommen muss. Es reicht gerade noch, um den Landrat zu begrüßen: Rainer Guth ist eingetroffen. Richard Lutz, der Leiter des Landesbetriebs Mobilität (LBM) Kaiserslautern, kommt hinzu. Was außerdem in diesem Moment kommt, sind schlechte Neuigkeiten.
Die überbringt Hans-Jürgen Pätzold, der an diesem Morgen sichtlich mieser Laune ist. Der Grund ist nur allzu verständlich: Noch immer hat sich die Brücke keinen Millimeter bewegt. Das liegt aber nun nicht am Nebel, sondern an einigen weiteren Widrigkeiten.
Es krankt an der Halterung
Pätzold gehört zur „Plauen Stahl Technologie“, die Firma aus dem Vogtland gehört neben der Baugesellschaft Adam Hörnig, dem Straßenbau-Unternehmen Stutz sowie dem LBM zur Arbeitsgemeinschaft, die die Imsweilerer Ortsumgehung der B48 baut. Was die Brücke betrifft, spielten die Stahlbau-Spezialisten die bedeutendste Rolle. Und Pätzold wiederum führt vor Ort Regie.
Der Bauleiter zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Zwei Stunden wird’s wohl noch dauern“, schätzt Pätzold, als der Startschuss-Termin schon anderthalb Stunden verstrichen ist. Die Verzögerung hat nun nichts mit Nebel zu tun. Vielmehr krankt es an dem Aufbau, der die Brücke auf den Selbstfahr-Modulen hält. Der rund 1200 Tonnen schwere Stahlkörper ruht auf insgesamt 120 Achsen. Die miteinander gekoppelten Module bestehen, grob vereinfacht, aus Rädern und einer Ladefläche. Darauf steht eine Haltekonstruktion, auf der wiederum die Brücke aufliegt.
Besagte Konstruktion aber bereitet nun Probleme. „Der Prüfer hatte da etwas zu beanstanden“, erläutert Bastian Weilemann. Der für Vertragsgestaltung und Ausschreibungen zuständige Ingenieur beim LBM erklärt das Prozedere: Das Schwertransport-Unternehmen hat Pläne vorgelegt, wie das Ungetüm auf Rädern zu bewegen – und vor allem sicher zu befestigen – sei. Diese Vorstellungen wiederum hat ein vom LBM bestelltes unabhängiges Ingenieurbüro auf Herz und Nieren geprüft. Dem Prüfer habe nun die Verstrebung nicht gefallen, da müsse nachgebessert werden.
Solo-Beifall bei Ankunft
Auch einige weitere Vorarbeiten, die eigentlich schon erledigt sein sollten, mussten noch auf Donnerstagmorgen verschoben werden. Beispielsweise waren noch rasch Schalungen auf der Brücke zu montieren – exakt an jener Stelle, unter der die Gleise entlang führen. Um beim Einschalen den Bahnbetrieb nicht zu stören, hätten die Elemente vorab schon angebracht werden müssen, erläuterte Volker Priebe, Stellvertretender LBM-Leiter und Projekt-Chef beim Großunterfangen Ortsumgehung Imsweiler.
Mit dreieinhalbstündiger Verspätung schließlich hat sich die Brücke dann in Bewegung gesetzt – relativ leise und unspektakulär. Wenn alles glatt gehe, könne eine Stunde reichen, hatte Priebe vorab geschätzt. Es ging sogar etwas schneller: Nach exakt 56 Minuten war ein einzelnes Klatschen zu hören. „Sind angekommen“, kommentierte der Zuschauer seinen Solo-Beifall. „Hat aber keiner was gesagt ...“, witzelte ein Begleiter.
Gut und gerne 250 Zuschauer waren am Ende dabei. Zwischenzeitlich hatte es doch merkliche Fluktuation gegeben, waren einige gegangen, andere dazu- und sicherlich nicht wenige wiedergekommen. Der Brücken-Vorschub wird am Freitag fortgesetzt – zehn Meter fehlen noch, die nicht im Rollen zurückgelegt werden können. Jetzt wird hydraulisch gezogen. Am Freitagabend soll die Brücke in ihrer endgültigen Position verharren.
Ab Oktober 2022 befahrbar
Der Belag indes fehlt noch. Die Asphaltierung hat aber noch Zeit. Im Oktober kommenden Jahres muss die Brücke befahrbar sein. Das nutzt Verkehrsteilnehmern allerdings noch wenig: Die würden nämlich glatt gegen die Wand fahren beziehungsweise kurz vor der Gesteinsfront runterkippen.
Dass die Brücke in einem Jahr befahrbar ist, das sei unabdingbar für den Tunneldurchbruch, erläuterte Priebe. Laut dessen Kollege Bastian Weilemann könnte im Frühjahr mit dem Aushöhlen begonnen werden. Von der anderen Seite her sprengen sich die Tunnelbauer dann voran, bis auf ein paar Meter vor dem Brückenanschluss. Der Tunnel-Durchbruch werde dann aber von der Brückenseite her erfolgen.
Das Großprojekt B48-Ortsumgehung Imsweiler soll 2024 abgeschlossen werden. Rund 66 Millionen Euro wird die Maßnahme verschlingen, die ursprünglich mit unter 30 Millionen veranschlagt war. Man bewege sich aber gut im aktuellen Kostenrahmen, betonte Weilemann. Von Teuerung oder weiterer Verzögerung werde momentan jedenfalls nicht ausgegangen.