Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Adient: Leiharbeitsmodell soll Stellenabbau vorbeugen

Wird seit 1996 im Rockenhausener Adient-Werk hergestellt und findet sich weltweit in zig Millionen Autos: der standardisierte Si
Wird seit 1996 im Rockenhausener Adient-Werk hergestellt und findet sich weltweit in zig Millionen Autos: der standardisierte Sitzlehneneinsteller Taumel, der in alle gängigen Fahrzeugtypen passt. Neben dem drehbaren Modell ist auch die Hebel-Variante Lever international stark nachgefragt.

Der jüngste Aufwärtstrend auf dem Automobilmarkt kommt beim Sitzhersteller Adient bislang nur bedingt an. Deshalb bastelt die Rockenhausener Werkleitung an einer Alternative zur nach wie vor benötigten Kurzarbeit. Ein weiterer Abbau von Stellen soll damit ebenso vermieden wie einem Fachkräftemangel vorgebeugt werden.

„Ich frage mich oft, wo die vier Jahre geblieben sind.“ Seit 2019 leitet Guido Herkenrath das Rockenhausener Adient-Werk. Sein Gefühl, dass „die Zeit rast“, hängt wohl auch mit den vielfältigen Turbulenzen zusammen, die er als „Plant Manager“ am Nordpfälzer Standort des weltweit größten Herstellers von Autositzen zusammen mit den aktuell rund 1100 Mitarbeitern bislang bewältigen musste: die „Restrukturierung“ mit dem Verlust von rund 300 Stellen, Corona, Ukraine-Krieg, Energie- und Chipkrise – das alles in einer ohnehin chronisch unruhigen und starken Schwankungen unterworfenen Branche.

Da waren meist schnelle Reaktionen gefragt; Gelegenheit zum Innehalten oder gar Entwickeln langfristiger Strategien blieben dem gebürtigen Wuppertaler und seiner Führungscrew dagegen kaum. Jetzt sieht der 51-Jährige die Phase gekommen, längerfristige Weichen für den Fortbestand des größten städtischen Arbeitgebers zu stellen. Immerhin: Die Tendenz auf dem Automarkt ist positiv. So sind EU-weit im ersten Halbjahr 5,4 Millionen Wagen neu zugelassen worden – das sind 17,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Andererseits liegt der Wert aber noch 21 Prozent niedriger als 2019.

„Chip-Krise ist noch längst nicht vorbei“

Herkenrath spricht denn auch für das Rockenhausener Werk nur „von einer leichten Entspannung“. Einer der Gründe: „Die Chip-Krise ist noch längst nicht vorbei.“ Zumal Adient „tendenziell eher im hochvolumigen Segment unterwegs“ sei – sprich Sitze finden sich vorwiegend in Autos für die „breite Masse“ und weniger in teureren Fahrzeugen wie der S-Klasse. Vor allem diese Hersteller profitierten nun von der Strategie, weniger Autos für mehr Geld zu verkaufen und „klatschen in die Hände, weil das Ding gerade ziemlich gut läuft“.

Adient habe hingegen nach wie vor mit den Folgen der letzten Jahre zu kämpfen, nebenbei „machen uns die Energiekosten schwer zu schaffen“. Daher sei auch in den nächsten Monaten Kurzarbeit als Steuerungsinstrument nötig, „um Zeiten mit geringerer Auslastung zu überbrücken und Arbeitsplätze zu erhalten“. Zum einen könne Kurzarbeit jedoch nicht beliebig verlängert werden – „spätestens Ende 2024 ist Schluss“, zum anderen sei er trotz der häufigen Inanspruchnahme „gar kein so großer Fan“ dieser Möglichkeit. Denn, so betont Herkenrath, „am Ende des Tages bezahlt das jeder Bürger mit. Und ich denke, wir haben in jüngster Vergangenheit genug Subventionen erhalten, für die wir – und später auch unsere Kinder – aufkommen müssen.“

Derzeit Überhang von 90 bis 120 Mitarbeitern

Die Situation bringt Herkenrath wie folgt auf den Punkt: „Wir haben derzeit am Standort rund 90 bis 120 Mitarbeiter zu viel – Tendenz steigend.“ Optionen wie Altersteilzeit werden natürlich bei Gelegenheit in Anspruch genommen, „aber auch das kann man nicht ständig machen“. Bleibt das Damoklesschwert eines weiteren Stellenabbaus. Und den „wollen wir mit aller Gewalt verhindern“, versichert der Werkleiter.

Bei der Suche nach Lösungen sei man auf eine Besonderheit im Tarifvertrag von Pfalzmetall gestoßen: die – so lautet der Fachbegriff – tarifliche Arbeitnehmerüberlassung. Dabei haben Unternehmen die Möglichkeit, aktuell nicht benötigte Beschäftigte zeitlich befristet an andere Firmen zu verleihen. Dazu müssen sie neben dem Vertrag selbst einer Zusatzvereinbarung beitreten – wie Adient hätten weitere pfälzischen Betriebe bereits Gebrauch davon gemacht, informiert Herkenrath. „Die Maßgabe ist, dass man keinen Gewinn erzielen darf – einen Verlust soll es aber auch nicht geben“. Ergo ist die schwarze Null das Ziel.

Der Werkleiter sieht mehrere Vorteile in dieser Kooperation: „Die Mitarbeiter bleiben an unser Unternehmen gebunden, bauen hier weitere Arbeitsjahre auf und erhalten zudem weiterhin den gleichen Verdienst. Außerdem lernen sie etwas Neues kennen – es schadet ja nicht, wenn man mal etwas anderes als immer nur den eigenen Kirchturm sieht.“ Letzteres könne sich natürlich auch zum Nachteil entwickeln, wenn der Arbeitnehmer in seiner Leihtätigkeit nicht so gut zurechtkomme. Und mitunter seien vielleicht auch weitere Arbeitswege in Kauf zu nehmen, die aber finanziell ausgeglichen würden. Insgesamt überwiegen für Herkenrath aus Sicht der Mitarbeiter die positiven Seiten dieser Kooperation die negativen deutlich.

Kurzarbeit in Produktion auf Null zurückfahren

Adient wiederum erhofft sich von dem Modell zwei Effekte: So schnell wie möglich soll dadurch im gewerblichen Bereich – sprich in der Produktion – die Kurzarbeit auf Null zurückgefahren werden. „Etwas schwieriger ist es in der Verwaltung. Aber auch hier soll dieses Mittel künftig höchstens noch in geringem Umfang eingesetzt werden“, sagt Herkenrath. Mindestens so wichtig sei allerdings der langfristige Nutzen: „Im Gegensatz zu anderen Firmen, bei denen die Demografie bereits voll durchschlägt und die händeringend nach Fachkräften suchen, haben wir derzeit noch eine sehr geringe Fluktuation – die Leute arbeiten sehr gerne sehr lange bei uns.“

Ab 2028, spätestens ab 2030 werden sich die Situation aber ändern: „Dann gehen in relativ kurzer Zeit 400 bis 450 Beschäftigte in ihren wohlverdienten Ruhestand. Wenn wir jetzt die 120 Stellen plus x abbauen – und nach Sozialplan würde es vor allem die Jüngeren treffen –, dann sind bis dahin mit Sicherheit nicht mehr genügend Arbeitskräfte am Markt, um das aufzufangen“, erläutert Herkenrath. Nach dem jetzigen Plan können dagegen die Abgänge allein zu rund einem Drittel durch die vorübergehend verliehenen Mitarbeiter ausgeglichen werden.

Bereits Kontakte zu anderen Firmen geknüpft

Zu einigen Firmen – quer über die Pfalz verteilt – habe man bereits Kontakte geknüpft, „da sind auch schon sehr konkrete Bedarfe ausgelotet worden“, so Herkenrath weiter. Namen will und kann er allerdings vorerst nicht nennen, weil vor dem Start noch bürokratische Hürden zu überwinden sind. „Für dieses Modell müssen gewisse Versicherungen abgeschlossen werden. Das geht allerdings nur, wenn man offiziell als Leiharbeitsfirma anerkannt ist.“ Bis Herbst, so hofft Herkenrath, liegt die entsprechende Genehmigung vor und die Umsetzung kann beginnen.

Er ist optimistisch, dass dieses Konzept eine gute Alternative zur Kurzarbeit ist. „Natürlich kann ich nicht zu 100 Prozent versprechen, dass es funktioniert. Aber ich glaube, dass wir so deutlich flexibler sind.“ Wenn’s klappt, kann Adient nach stürmischen Jahren ein wenig durchatmen. Und vielleicht hat Guido Herkenrath dann auch das Gefühl, dass die Zeit ein wenig langsamer geht ...

Daten & Fakten

Adient (Umsatz 2022: 14,1 Milliarden US-Dollar) ist der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugsitzen. Marktanteil: rund 33 Prozent. Das Unternehmen hat rund um den Globus zirka 200 Standorte. Einer davon ist das Werk in Rockenhausen, das bis 2011 als Keiper firmierte und bis zur Ausgliederung von Adient 2016 zum US-Konzern Johnson Controls gehörte. Die rund 1100 Mitarbeiter produzieren Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze – das Vorzeigeprodukt ist der Lehneneinsteller Taumel (und die Hebel-Variante Lever), der in alle gängigen Autotypen passt. Die Lehrwerkstatt hat seit 1964 fast 1400 junge Menschen ausgebildet.

x