Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Trainer aus der Region das Coach-Karussell in der Bundesliga beurteilen

Julian Nagelsmann hört bei RB Leipzig auf und wechselt zu Bayern München.
Julian Nagelsmann hört bei RB Leipzig auf und wechselt zu Bayern München.

In der Bundesliga hat in der jüngsten Vergangenheit gefühlt täglich ein Trainer seinem Verein mitgeteilt, dass er den Klub am Saisonende verlassen wird – trotz eines teilweise noch länger laufenden Vertrages. In der Vielzahl hat es dies zuvor noch nie gegeben. Die Trainer der Fußballclubs aus der Region sehen die Entwicklung sehr kritisch.

Die abgebenden Vereine lassen sich den Abgang ihres Trainers mit Entschädigungszahlungen versüßen. Dabei werden Millionensummen bewegt, und im Fall von Julian Nagelmann wurde ein neuer Rekord aufgestellt. Für ihn zahlt der FC Bayern kolportierte 25 Millionen Euro an Leipzig. Der nach Dortmund wechselnde Marco Rose trat in Mönchengladbach die Lawine los, Frankfurts Adi Hütter übernahm seinen Platz. Hansi Flick bat den FC Bayern um Vertragsauflösung, Nagelsmann ersetzt ihn. Ein Ende ist nicht in Sicht.

„Mich wundert gar nichts mehr. Ich finde dieses Gebaren der Trainer unmöglich. Wofür unterschreibt man Verträge?“, ereifert sich Roland Beck von Rot-Weiss Seebach. Es scheine inzwischen zum guten Ton zu gehören, heute in vorgefertigten Worthülsen sein Vertragserfüllen zu signalisieren, um sich morgen an diese Aussage nicht mehr gebunden zu fühlen. Er spielt damit auf Adi Hütter in Frankfurt an. „Hütter erreicht mit Frankfurt möglicherweise die Champions League. Da kann Gladbach doch nicht ein Karrieresprung sein“, glaubt Beck. Die Vereine geißelten sich mit Ausstiegsklauseln selbst, das gelte auch für Spieler. „Die Entwicklung des Profifußballs gefällt mir nicht“, resümiert der Übungsleiter.

„Hickhack um Flick hat Fußball geschadet“

In dieselbe Kerbe schlägt Armin Jäger vom TV Ellerstadt, der als Fan von Eintracht Frankfurt betroffen ist. „Vielleicht sagt sich Hütter, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Aber im Ernst, diesen Schritt kann ich nicht nachvollziehen, zumal großes Potenzial im Team steckt“, ärgert sich Jäger. Die Branche werde immer unglaubwürdiger und Grenzen würden gesprengt. „Die 25 Millionen Ablöse, die Bayern für Nagelsmann zahlt, sind uferlos. Und das Hickhack um Flick hat dem Fußball geschadet“, positioniert sich der Ellerstadter. Dass für leitende Angestellte, die Trainer nun einmal sind, bei einem Wechselwunsch des Coaches eine Entschädigung gezahlt werden müsse, sei absehbar gewesen.

Wer als Trainer einen Vertrag unterschreibe, zuvor vielleicht noch auf eine angemessene Laufzeit gepocht habe, der habe diesen Vertrag auch zu erfüllen, legt sich FV Freinsheims Christian Schäfer fest. „Ich bin Bayern-Fan. Das Verhalten von Hansi Flick finde ich aber nicht korrekt. Es war nicht fair, ohne vorherige Absprache mit dem Wunsch, die Zusammenarbeit zu beenden, an die Öffentlichkeit zu gehen“, kritisiert Schäfer. Den Fall Rose sieht er differenziert, weil der Gladbach-Coach eine Ausstiegsklausel gezogen habe, die der Klub zuvor akzeptierte. „Und Hütter hat sicher unter anderen Voraussetzungen unterschrieben, wie sie sich nach dem Weggang von Sportchef Bobic und Sportdirektor Hübner darstellen. Trotzdem wäre ich an seiner Stelle in Frankfurt geblieben“, betont Schäfer.

„Neue Herausforderung“ oft vorgeschobenes Argument

Von Einzelfallentscheidungen spricht Michael Möckel vom FC Leistadt: „Natürlich ist es für die Vereine schwer, wenn der Trainer sagt, er will weg. Aber fragen Sie mal Heiko Herrlich, der in Augsburg rausgeflogen ist. Da hat der Klub auch keine Skrupel gehabt.“ Er bringt für Flick Verständnis auf, weil es in München atmosphärische Störungen gegeben habe. „Er hat bei den Bayern das Optimum erreicht, mehr geht nicht. Für mich war klar, dass er beim DFB in dem Moment in den Fokus rückt, in dem Löw seinen Abschied ankündigt“, sagt Möckel. Der Leistadter beklagt jedoch die oft angeführte „neue Herausforderung“, die permanent als Argument für einen Wechsel benutzt werde.

Auf die Vorbildfunktion, die ein Coach innehabe, verweist Tobias Bartnik vom TuS Friedelsheim: „Der Trainer besetzt eine Schlüsselposition, das ist mit einem Spieler nicht zu vergleichen. Deshalb sollte sich ein Coach an einen Vertrag gebunden fühlen.“ Als Beispiel nennt er Marco Rose, der in Mönchengladbach eine „super Truppe“ aufgebaut habe, die bis zum Zeitpunkt der Bekanntgabe seines Wechsels stark gespielt habe. „Auch wenn Dortmund eine große Hausnummer ist, hätte ich Gladbach nicht verlassen“, versichert Bartnik. Für Nagelsmanns Entscheidung bringt er Verständnis auf. „Er kommt aus der Nähe von München, und wenn Bayern München anklopft, kann man nicht nein sagen.“

Einen Verfall der Sitten sieht Michael Acker vom TuS Wachenheim. „Die langjährige Tradition, einen Vertrag zu erfüllen, scheint für Trainer nicht mehr aktuell zu sein. So wie das in diesem Jahr in der Bundesliga läuft, kennt man das Geschäft nicht. Ich befürchte, dies wird einen neuen Trend auslösen“, beschreibt Acker. Um etwas im Profifußball aufzubauen, wie es gerne formuliert werde, fehle die Zeit. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Vereine nervös. „Deshalb sollte man dazu übergehen, ähnlich wie im Amateurfußball üblich, von Jahr zu Jahr zu entscheiden und immer nur für eine Saison zu unterschreiben“, bringt der Wachenheimer eine neue Variante ins Spiel.

„Mit Vertrag nicht gehen, wenn es gerade passt“

Gewohnt kompromisslos gibt sich Roberto Benkler jun. vom SV Bad Dürkheim: „Als FC Bayern München hätte ich alles versucht, Flick, der eine Bereicherung für die Liga ist, zu behalten und Sportchef Salihamdzic entlassen. Der hat einfach nicht gut eingekauft.“ Benkler ist sicher, dass die Nationalelf unter Flick zu alter Stärke zurückfinden wird. Die 25 Millionen, die die Bayern für Nagelsmann bezahlen mussten, hält der Dürkheimer Übungsleiter, für überzogen. „Prinzipiell finde ich aber, dass sich viele Trainer nicht korrekt verhalten. Sie haben sich auf einen Vertrag eingelassen und eine Chance bekommen. Da kann man nicht gehen, wenn es einem gerade in den Kram passt“, erklärt Benkler.

„Mit der aktuellen Entwicklung kann ich mich überhaupt nicht identifizieren. Ich habe andere Vorstellungen von einem Trainerdasein“, klagt Sebastian Dumont vom SV Weisenheim. Nach seinem Geschmack werden Meinungen viel zu schnell geändert, es werde nicht mit offenen Karten gespielt und es fehle an Transparenz. „Sicher, auch die Vereine nehmen bei Entlassungen wenig Rücksicht, aber da läuft wenigstens das Gehalt des Trainers weiter“, erläutert Dumont. Und auch für Hütter hat er kein Verständnis. „Er spielt mit Frankfurt in der Europa League, die Zuschauer strömen ins Stadion und fahren auswärts mit. Jetzt schafft er es wohl in die Champions League und geht. Das verstehe wer will.“

Hansi Flick wiederum verlässt die Bayern und wird wohl Bundestrainer.
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Marco Rose geht von der einen zur anderen Borussia – von Mönchengladbach nach Dortmund.
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Adi Hütter hat seinen Abschied von Eintracht Frankfurt erklärt, und heuert in Gladbach an.
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