Bad Dürkheim / Wachenheim
Was EU-Bürger in der Region von der Europawahl erwarten
Der Franzose Pierre Amblard (69) ist in Lyon geboren und 1979 nach Deutschland gekommen. Seit elf Jahren lebt er in Wachenheim, war viele Jahre als Marktentwickler und Vertriebsleiter bei der BASF beschäftigt. „Für Länder wie Frankreich und Deutschland ist Europa überlebenswichtig, denn das Überleben geht nur durch eine übergeordnete Struktur, wo man die Egoismen vergessen sollte, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen“, sagt Amblard, der in Wachenheim auch als Historiker und Stadtführer bekannt ist. Europa sei zwar keine perfekte Struktur, „aber, was ist schon perfekt?“, fragt er. Amblard befürchtet, dass Radikale in verschiedenen Ländern das Konstrukt Europa gefährden. Dabei denke er auch an die jüngsten Äußerungen von Jordan Bardella, der als Spitzenkandidat des rechtspopulistischen Rassemblement National in Frankreich gerade die unnötigen Egoismen wieder in den Vordergrund rücke. Amblard geht davon aus, dass die Wahlbeteiligung wieder sehr niedrig sein wird. „Viele werden nicht wählen gehen und überlegen nicht, was das für Konsequenzen haben wird“, sagt er. Seines Erachtens werde in den Schulen zu wenig gelehrt, wie wichtig demokratische Wahlen seien. Außerdem seien die Regeln, wie der europäische Apparat funktioniere und seine Entscheidungen treffe, zu kompliziert. Amblard fühlt sich als Europäer. Er hofft, dass es trotz aller Schwierigkeiten irgendwann eine europäische Staatsbürgerschaft geben wird.
Hoffen auf europäische Staatsbürgerschaft
Lange Zeit hat die Niederländerin Ellen Messner-Vogelesang (75) in der Dürkheimer Stadtverwaltung gearbeitet. Sie gilt als Mitbegründerin des Ausländerbeirats – und hegt die gleiche Hoffnung wie Amblard. „Als ich 1972 mit 23 Jahren nach Deutschland kam, habe ich meine holländische Staatsbürgerschaft behalten, denn ich war felsenfest davon überzeugt, dass die Europäische Staatsbürgerschaft kommen wird“, berichtet Messner-Vogelesang. Als der Euro eingeführt wurde, sei sie davon ausgegangen, dass es das vereinte Europa auch bald im Reisepass geben werde. „Da bin ich aber bitter enttäuscht worden.“ Ihrer Meinung nach werde immer noch zu viel in „klein klein“ gedacht. Zudem stehe der monetäre Gedanke immer noch zu sehr im Vordergrund. Bestes Beispiel dafür ist aus ihrer Sicht der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán. Sorgen mache Messner-Vogelsang der zu beobachtende Rechtsruck in Deutschland und anderen europäischen Ländern. „Da müssen wir sehr wachsam sein und aufpassen“, sagt die Dürkheimerin. Als überzeugte Demokratin fordert sie alle auf, am Sonntag zur Wahl zugehen, denn das sei „absolute Bürgerpflicht“. Die gewählten Politiker sollten in ihrem Handeln deutlich machen, dass der gemeinsame europäische Gedanke im Vordergrund stehe. „Meinen Gedanken an die Europäische Staatsbürgerschaft habe ich im übrigen nicht aufgegeben, daran halte ich fest“, sagt Messner-Vogelesang.
Europäische Union als großes Friedensprojekt
Seit zehn Jahren lebt der Däne Peter Bentzen (58) in Bad Dürkheim. Als Elektroingenieur arbeitet er bei einem Leitungsunternehmen. „Ich gehe auf jeden Fall wählen, um zu vermeiden, dass diejenigen gut abschneiden, die es nicht verdient haben“, sagt Bentzen, der den Zusammenhalt in der Gemeinschaft schon wichtig findet, aber auch nichts gegen eigenständige, von der Norm abweichende staatliche Wege einzuwenden hat. Dass Dänemark nicht in der Währungsunion ist und noch die Krone als Zahlungsmittel hat, sei für ihn kein Problem. „Das hängt auch sehr mit dem dänischen Nationalstolz zusammen. So stört sich dort auch niemand daran, wenn am Sonntag im Vorgarten die Dänische Flagge, die ,Dannabrog’ gehisst wird“, sagt er. In Dänemark nehme er war, dass sein Land nicht unbedingt ein glühender Verfechter des gemeinsamen europäischen Gedankens ist. Für zahlreiche Dänen sei aufgrund der Eigenständigkeit eine Existenz außerhalb der Gemeinschaft auch denkbar.
Ganz besonders aufmerksam verfolgt die Sängerin Mila Küssner (47) die Europawahl. Küssner stammt aus der Ukraine, besitzt aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihrem Heimatland, das einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt hat, wurde im Juni 2022 der Status eines EU-Bewerberlandes zuerkannt. Im Dezember 2023 haben die EU-Führungsspitzen beschlossen, Beitrittsverhandlungen aufzunehmen. Küssner ist verheiratet, 2001 nach Deutschland gekommen, lebt seit 15 Jahren in der Kurstadt und kümmert sich um geflüchtete ukrainische Frauen. „Für mich ist die Europäische Union in erster Linie ein Friedensprojekt. Das steht für mich an erster Stelle, zumal wir im Moment sehen, dass der Frieden keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Küssner, die sich wünscht, dass das Thema Ukraine weiterhin präsent bleibt und nicht vergessen wird. Die militärische Unterstützung, kulturelle und soziale Beziehungen sollten ihres Erachtens weiter fortgeführt und ausgeweitet werden. In Bezug auf die Europawahl hat die Sängerin Sorge, dass Parteien, die Europa abschaffen wollen, immer mehr Einfluss und Stimmen bekommen. „Das möchte ich verhindern, und deshalb werde ich auch meine Stimme abgeben und für den Gang zur Wahlurne am 9. Juni werben“, betont die Dürkheimerin.