Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Produkte eines Pfälzer Unternehmens im Spitzensport gefragt sind

Die Zweitliga-Basketballer aus Speyer beim Training mit Pilates-Gerät und Spinefitter.
Die Zweitliga-Basketballer aus Speyer beim Training mit Pilates-Gerät und Spinefitter.

Novacare/Sissel gehört zu den versteckten Perlen im Dürkheimer Gewerbegebiet. Das Unternehmen ist kräftig gewachsen – auch dank prominenter Unterstützung.

Begonnen hat alles vor fast 40 Jahren mit einem orthopädischen Nackenkissen von Carl-Emil und Sissel Christensen aus Schweden. Als Hommage an Sissel übernahmen die beiden Bad Dürkheimer Jung-Gründer, die das Kissen in Deutschland auf den Markt brachten, damals ihren Vor- als Firmennamen. 2003 kauften sie schließlich gemeinsam mit Partnern die Rechte an dem Nackenkissen, das bis heute in Schweden produziert wird. Da hatten die Friebels, deren Mutter aus Schweden stammt, schon eine zweite Firma gegründet – Novacare. Das Unternehmen hat sich mittlerweile unter anderem mit einer speziellen Auflage zur Dekubitusprophylaxe einen Namen gemacht. Während Sissel eher den Bereich Physiotherapie abdeckt, geht es bei Novacare vor allem um Pflege. „Rücken und Pflege sind absolute Zukunftsthemen“, ist Jens Friebel überzeugt.

Beide Unternehmen werden in Personalunion aus der Firmenzentrale im Bad Dürkheimer Bruch geführt, außerdem gibt es ein Lager in Grünstadt. „Wir sind in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent gewachsen“, sagt Jens Friebel. 85 Mitarbeiter beschäftigen die Friebel-Brüder mittlerweile, der Umsatz von Novacare/Sissel lag im vergangenen Jahr bei 25 Millionen Euro.

Ein Näschen für Trends

Rückenwind bekam die Firma dabei aus verschiedenen Richtungen: Neue Produkte schlugen ein, dazu bewiesen die Friebels ein Näschen für Trends. Der Spinefitter etwa, der vor gut vier Jahren vorgestellt, wurde, entwickelte sich zum Wachstumstreiber: Das Gerät hilft, Verspannungen vor allem im Rücken zu lösen, Gelenke zu mobilisieren und die Tiefenmuskulatur zu kräftigen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass das Trainingsgerät, das aus 28 miteinander verbundenen Kugeln besteht, verschiedene positive Effekte hat: Es verbessert zum Beispiel die Beweglichkeit von Brust- und Halswirbelsäule und kann Rückenschmerzen deutlich lindern. In der EU ist es als Medizinprodukt zugelassen. „Der Spinefitter hilft, die Lebensqualität der Nutzerinnen und Nutzer zu erhöhen, indem sie selbst etwas tun, ganz ohne Arzt oder Physiotherapeut“, erklärt Friebel.

Sportler nutzen den Spinefitter

Prominente Marketing-Unterstützung bekommt das Dürkheimer Unternehmen dabei aus dem Sport. Annika Sorenstam, zeitweise die erfolgreichste Golfspielerin der Welt, nutzt den Spinefitter ebenso wie die englischen Profi-Fußballer von Ipswich Town oder deutsche Hoch- und Weitspringer. Die Sportler posten ihre Erfahrungen dann auf Instagram, Tiktok oder Facebook – zum Nulltarif für die Firma. Auch die Physiotherapeuten der Zweitliga-Basketballer der Ahorn Camp Baskets aus Speyer setzen auf das Gerät. „Wir haben tatsächlich überlegt, ob es Sinn machen würde, Top-Sportler für Werbung zu bezahlen“, verrät Friebel. Tatsächlich habe man auch die eine oder andere Anfrage gestartet, doch bei den aufgerufenen Summen dann aber abgewunken.

Eine Herzensangelegeheit ist Jens Friebel der Einsatz des Geräts durch Frauen, die eine Brustkrebsoperation hinter sich haben. Sowohl in der Familie als auch im Bekanntenkreis gebe es Betroffene der tückischen Krankheit. Der Spinefitter hilft einer Studien zufolge dabei, Schulterbeweglichkeit und Lymphfluss nach einer Operation zu verbessern. Bei der Fachmesse Medica hat das Bad Dürkheimer Unternehmen die „Pink Hero Edition“ des Geräts vorgestellt. Fünf Euro pro verkauftem Spinefitter der Edition kommen einer Organisation zugute, die sich im Kampf gegen Brustkrebs engagiert.

Nutznießer des Pilates-Trends

Novacare profitiert derweil vom Pilates-Trend. „Das Thema Pilates boomt derzeit, überall in der Region eröffnen Studios, in denen Pilates an Geräten angeboten wird. Wichtig ist, dass die Trainer eine solide Ausbildung haben“, sagt Friebel. Novacare kommt das rege Interesse zugute, weil sich das Unternehmen eine Vertriebspartnerschaft mit Balanced Body, einem der führenden Gerätehersteller, gesichert hat.

Doch es gibt auch Dinge, die dem Unternehmen Kopfzerbrechen bereiten: Sissel wie Novacare machen Produktfälschungen, vor allem aus Fernost, zu schaffen. Außer dem Spinefitter werden auch die Pilates-Geräte von Novacare-Partner Balanced Body nachgemacht und verkauft. Mit immensem Schaden.

Kürzlich, erzählt Friebel, habe man ein komplettes Studio mit Imitaten leer räumen lassen. Der Inhaber war auf einen Betrug reingefallen. Jetzt stehen die Geräte im Bruch auf dem Hof.

Und wie zufrieden ist Friebel mit dem Standort Pfalz? „Das Internet ist ein Thema, du kommst dir hier vor wie im Mittelalter“, kritisiert der Unternehmer. Die Glasfaseranbindung des Gewerbegebiets Bruch lässt noch immer auf sich warten. Friebel spricht auch vom „Bürokratiewahnsinn in Deutschland und Europa“: „Wenn wir Holz in unseren Produkten verwenden, müssen wir nachweisen, dass es aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt“, nennt er ein Beispiel. Allein für die Erfüllung regulatorischer Vorgaben beschäftige das Unternehmen vier Mitarbeiter.

Auch die rückwirkende Gewerbesteuererhöhung in Bad Dürkheim habe ihm nicht gefallen: „Aber so etwas gefällt niemandem.“ Dennoch denke man nicht daran, das Unternehmen an einen anderen Standort zu verlegen: „Wir leben hier, uns gefällt es in der Pfalz.“

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