Bad Dürkheim Wandlung ohne Widerstand

Die Verwandlung des Phönix’ ist eine vollkommene Umformung: Widerstandslos fließt in der Interpretation von Cesare Marcotto ein menschlicher Körper in den eines Vogels. Die aus Bronze gestaltete Plastik wirkt trotz des schweren Materials luftig wie eine Feder. Das haben Marcottos Bildwerke und Gemälde, die er unter dem Titel „Wandlungen“ in der ehemaligen Synagoge von Weisenheim am Berg ausstellt, gemeinsam: Sie wirken leicht getragen im Fluss der Veränderungen.
Dennoch vollzieht sich der Wandel nicht ohne Verwirrung: Wo im mythischen „Phönix“ Mann und Vogel ineinander übergehen, durchbricht der Künstler die vibrierenden Formen aus Haut und Federn. Wie im leisen Luftstrom entfalten sich zugleich die geschwungenen Flügel. Mit unzähligen gewölbten Federn fächert sich ihre Schönheit auf, als fließe die Kraft zum Flug in diesem Moment in sie hinein. Cesare Marcotto, 1959 in Verona geboren und heute in Mannheim lebend, wurde als Theaterkünstler an großen europäischen Bühnen bekannt. Seinem Betrachter öffnet er eine faszinierende Welt bewegter Strukturen. Feinste Gliederungen der Oberfläche wie Furchen, Risse und gedrehte Windungen erscheinen wie die geheimnisvollen Schriftzeichen eines Erzählenden. Alles fließt, alles verändert sich, nichts bleibt glatt und unberührt. Auch wenn Marcotto an klassische Themen und antike Mythen anknüpft, hat er in keinem Moment die Ideale klassischer Ästhetik im Sinn. Der Bildhauer und Maler, der zum fünften Mal in Weisenheim ausstellt, findet Schönheit nicht in der Perfektion, sondern in unvermeidlichen Abläufen zwischen Werden und Vergehen. So liegt im Körper der Venus, sonst jugendlich und makellos schön, der aushöhlende Zerfall mit eingeschlossen. Teilweise ist die im Meerschaum Geborene noch in die Muschel getaucht, aus der ihr Körper sich mühsam herauswinden will. Auch der bronzene Orpheus hat sich noch nicht befreit: Er versucht mit aller Muskelkraft der Unterwelt zu entrinnen und reckt dabei einen flügelartigen Arm himmelwärts. Dagegen stürzt der stolze Ikarus aus höchster Höhe in die Tiefe, während sein ausgelaugter Flügel noch Halt sucht. Vielfältig wirkt bei den Plastiken auch die Technik der Patinierung: Je nach Art der Säure erzielt der Künstler auf dem Metall eine andere Farbigkeit. Marcotto nimmt den Aspekt der Zeit in seine Arbeit hinein und entzieht den Objekten damit Sicherheit und Stabilität. „Zeit“ heißt die Arbeit, die den Menschen am Anfang und Ende seines Lebens verkörpert – hier winzig und hilflos, dort uralt, verzerrt und verbogen. Eine modellierte, polierte Form aus Beton trägt das ungleiche Figurenpaar wie ein großer Kiesel, der in Jahrmillionen glatt gescheuert wurde. Alle Figuren setzen sich in Podesten fort, die untrennbar mit ihnen verbunden scheinen: Ein gebogener Baumstamm führt die sehnige Struktur einer Gestalt in sich weiter oder ein fruchtartiges Gebilde, gearbeitet in Keramik, trägt den massigen und tierhaften Naturgott Pan, der halb auf ihm liegt. Durchscheinende Tiefe bewirkt Marcotto in seinen Bildern, die er unter dem Titel „Rätsel“ präsentiert. Der Maler schüttet die Farben aus Gefäßen über die Bildfläche und lässt sie kontrolliert zerrinnen. Dabei entstehen Farbschleier, die nichts verdecken, und geschwungene Ströme, die sich spielerisch ineinander winden. Zart greift der Pinsel ein, schafft wie im freien Spiel Wirbel und Schlingen. Die Bilder sind kleinformatig - bis auf das lichtdurchflutete Gemälde aus Glas, auf das in immer neuen Schichten Farben geschüttet und gebrannt werden. Dagegen wirken die mineralischen Farben fast freskenartig. Auch in seinen Bildern spürt Cesare Marcotto spannungsvollen Geschehnissen nach, die an heftige Ausbrüche und schöpferische Eruptionen erinnern. (lad)