Bad Dürkheim Vor dem Wirtschaftswunder
Annedore Rieder war eine Ludwigshafener Hobbyfotografin und doch mehr als nur eine Amateurin. Einige ihrer in der Nachkriegszeit in Ludwigshafen entstandenen Schwarzweiß-Fotos stellt das Ludwigshafener Stadtmuseum nun in der Ausstellung „Eine Stadt und ihre Menschen in den 1950er Jahren“ vor. Die Fotografien haben nicht nur dokumentarischen Wert, sondern erfüllen darüber hinaus einen künstlerischen Anspruch.
Annedore Rieders Fotografien haben etwas von der kühlen Nüchternheit, mit der August Sander in den 20er Jahren Menschen in seiner Heimatstadt Köln aufgenommen hat. Es sind Bilder aus dem Alltagsleben, Porträts einfacher Leute auf der Straße. Die Ähnlichkeit mit den Fotografien August Sanders bedeutet auch, dass Annedore Rieders dokumentarische Schwarzweiß-Aufnahmen einen künstlerischen Anspruch erheben dürfen. Die Hobbyfotografin hatte offenbar einen Blick für die effektvolle Verteilung von Licht und Schatten und für die wirkungsvolle Komposition von Personen in ihrer Umgebung, selbst wenn das geglückte Bild dem Zufall und dem Augenblick zu verdanken war. Da ist zum Beispiel eine Frau mit Eimer und Besen, aufgenommen beim Hausputz in ihrer Nachbarschaft im Ebertblock. Sie steht draußen im Licht und blickt durch die geöffnete Haustür, deren dunkler Rahmen sie umgibt, in die Kamera. Meistens schauen die Menschen aber weg, wenn die Kamera auf sie gerichtet ist, so die zwei durch die Jakob-Binder-Straße bummelnden Spaziergänger. Der eine schiebt ein Fahrrad und blickt ein wenig verschämt lächelnd auf den Bürgersteig vor sich. Der andere neben ihm spielt angesichts der Kamera den pfiffigen Hans Guck-in-die-Luft. In den allermeisten Fällen aber hat die durch Friesenheim, den Hemshof, die Ludwigshafener Innenstadt und Oppau auf der Suche nach Motiven streifende Annedore Rieder die Menschen in einem Moment erwischt, als sie sich unbeobachtet glaubten wie der kleine Junge, der zwischen den Häusertrümmern in der Amtsstraße selbstvergessen mit der Hand in einer Pfütze planscht. Spielende Kinder, etwa die auf dem gefrorenen Willersinnweiher, sind überhaupt ein bevorzugtes Sujet der Fotografin, ein anderes Arbeiter, selbstverständlich bei der BASF, aber auch im Hafen, oder auch Wochenmärkte wie der auf dem Goerdeler Platz in Friesenheim. Und immer wieder fotografierte Annedore Rieder Menschen im Alltag der Stadt. Die zwischen 1950 und 1954 entstandenen Fotografien sind auch historisch interessant. In der Zeit noch vor dem Wirtschaftswunder entstanden, vermitteln sie einen Eindruck von der vom Krieg und den Bombenangriffen gezeichneten Stadt, nicht nur auf einem Bild, das die Ruinen der Lutherkirche eindrucksvoll in Szene setzt. Im Ludwigshafener Stadtarchiv wird man Fotos mit solchen Motiven vergeblich suchen. Regina Heilmann, die Leiterin des Stadtmuseums, und der Kurator der Ausstellung Wolfgang Knapp sind jedenfalls hellauf begeistert von der auch künstlerischen Qualität der Bilder. Ursula Rieder, die Tochter der 2007 gestorbenen Fotografin, hat sich an das Stadtmuseum gewendet, das ihrem Wunsch nach einer Ausstellung aus dem Nachlass nur zu gerne nachgekommen ist. Wolfgang Knapp hat die über 50 ausgewählten Fotos – insgesamt sind etwa 180 in Ludwigshafen entstanden, weitere in Salzburg oder im Italienurlaub – nicht chronologisch geordnet, sondern nach Motivkomplexen zusammengestellt. Die von Peter Haag-Kirchner bearbeiteten Fotos sind allesamt quadratisch. Kurator Wolfgang Knapp meint, die 1919 als Annedore Reinhard in Ludwigshafen geborene Fotografin sei zumindest unbewusst von der avantgardistischen Fotografie in der Zeit der Weimarer Republik mit ihrer Hinwendung zur „Neuen Sachlichkeit“ geprägt worden. In Ludwigshafen lebte die gelernte Chemotechnikerin mit ihrem Mann, einem Physiker bei der BASF, und ihren drei Töchtern ab 1949 in der Ebertstraße in Friesenheim. Seitdem sie 16 war, fotografierte sie. Durch den Ludwigshafener Fotografen Paul Carell wurde sie mit Technik und Gestaltung vertraut gemacht. Wenn die Kinder zu Bett gebracht waren, verwandelte die Hausfrau und Mutter die Küche in eine Dunkelkammer. Erst mit über 70 Jahren gab sie ihr Hobby auf.