Wachenheim
Von Misstrauen keine Rede mehr – das „Badehaisel“ feiert Jubiläum
Peter Spengler sollte Recht behalten: Das „Badehaisel“ wurde nicht nur ein Senkrechtstarter, es erwies sich auch als ausdauernd und langlebig. Es ist wohl der älteste soziokulturelle Verein in der Region. „Wir waren die Trendsetter, es gab sowas damals nicht in der Gegend“, sagt Kate Schuster. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern. „Das Badehaisel war mein Kind“, sagt die Veteranin des Vereins, die sich inzwischen ein bisschen zurückgezogen hat, aber immer noch „die Facebook-Tante im Hintergrund“ ist, wie sie lachend erklärt.
Wie alles anfing? Freunde, die sich überwiegend von den Pfadfindern kannten, hatten beim Wachenheimer Burg- und Weinfest den „Flip-Stand an der alten Münz“ initiiert, an dem verschiedene Bands auftraten. „Das war etwas Neues, uns hatte die Schramm-Schramm-Musik, die überall gespielt wurde, nicht gefallen“, erzählt Schuster. Zehn Tage dauerte damals das Weinfest noch. Doch die etwa 25 jungen Leute um die 20 wollten auch einen Ort für den Rest des Jahres.
„Es gab damals für die Jugend nichts“
„Es gab für die Jugend nichts, also haben wir uns unsere eigene Kneipe gesucht“, sagt Schuster. Gefunden wurde diese in der halb verfallenen Badehütte am Burgtalweiher, die sie zunächst für zehn Jahre von der Stadt mieteten und in Eigenleistung sanierten. Wie damals üblich „haben wir über alles lange Diskussionen geführt“, erinnert sich Rainer Räch, der ebenfalls von Beginn an dabei war, dann lange im Osten Deutschlands lebte und sich seit seiner Rückkehr wieder beim „Badehaisel“ engagiert. Diskutiert wurde über jedes Detail – den Namen, die Vereinsgründung, das Logo. Das erste Logo zeigte eine Welle. Das ist bis heute so geblieben.
Legendär ist die Geschichte vom Nilpferd Nero vom Zirkus Probst, das bei der offiziellen Eröffnungsveranstaltung am 17. Juli 1983 im Weiher badete. Im Lauf der Jahre ging aber auch mancher Musiker ins Wasser. Andere spielten auf dem Platz hinter dem See Tennis. Der amerikanische Schlagzeuger Alphonse Mouzon vergaß dabei komplett die Zeit. Kurz vor Konzertbeginn wurde er hektisch gesucht und kam dann verschwitzt im Tennisdress auf die Bühne.
Der Jazz wurde schon früh zum Schwerpunkt
In den Anfangsjahren war das Programm sehr vielfältig: Lesungen, Theater, Kabarett, Kindertheater, Filmvorführungen, verschiedenste Arten von Musik. Kate Schuster kann sich noch gut an die langen Programm-Sitzungen erinnern: „Damals gab es nur Schallplatten und Kassetten, die haben wir gehört und dann darüber diskutiert, ob wir die Künstler buchen sollen.“ Früher sei sie auch oft bei Konzerten in anderen Orten gewesen, um sich kundig zu machen. Dabei entwickelte sich dann recht schnell der Jazz zu einem Schwerpunkt. Jazzfans aus der weiten Region kamen und viele, die in der Jazzmusik Rang und Namen hatten, traten im „Badehaisel“ auf. „Wir waren damals die einzigen weit und breit, die Jazz-Konzerte anboten“, sagt Räch.
Die „Kölner Saxophon-Mafia“, Eberhard Weber, Trilok Gurtu, Jasper van’t Hof, Ack van Rooyen, Michael Sagmeister, Charlie Mariano, Rainer Brüninghaus, Chris Jarrett, Chaka Khan, Wolfgang Dauner sind nur einige der bekannten Größen, die sich im „Badehaisel“ einfanden. Einige kamen immer wieder. Auch wegen der besonderen Atmosphäre im „Haisel“, in dem im Winter bis vor wenigen Jahren ein Kachelofen vor sich hinbollerte, die Zuhörer fast auf der Bühne sitzen und sich oft nach dem Konzert mit den Musikern unterhalten. Und auch weil jeder Künstler individuell betreut wird. Die Konzerte im Freien auf der Wiese am Weiher direkt am Waldrand hatten und haben ebenfalls eine ganz eigene Atmosphäre. Manche endeten in Matsch und Regen. „Früher haben wir vor Open-Air-Konzerten beim Bad Dürkheimer Flugplatz angerufen, weil die Zugang zu Wetterdaten hatten“, erinnert sich Kate Schuster an Zeiten, als es noch keine Wetter-Apps gab.
Vor allem der US-Saxophonist Charlie Mariano sei ein großer Fan der familiären Atmosphäre im „Badehaisel“ gewesen, erzählt die Mitbegründerin. Als der Wahl-Kölner schon schwer vom Krebs gezeichnet war, trat er 2008 noch einmal mit Dieter Ilg in Wachenheim auf. „Er wollte unbedingt noch einmal hier spielen“, erinnert sich Schuster, die auch sonst zu vielen anderen Musikern Kontakte pflegte und pflegt. Auch Hellmut Hattler und Joo Kraus, die in den 1990ern als „Tab Two“ sehr erfolgreich waren, kamen so nach ihrer Trennung 1999 noch einmal für ein Konzert im „Badehaisel“ zusammen.
1000 Besucher bei Rabib Abou Khalil, das ist bis heute der Rekord
Doch die Zeiten änderten sich. Zu den Konzerten im Freien waren oft mehrere hundert Besucher gekommen. 1000 seien es sogar bei einem Auftritt des Oud-Spielers Rabib Abou Khalil und seines „Blue Camel Projekts“ 1995 gewesen, erinnert sich Sigrid Zimmermann-Oster, die ebenfalls zu den Gründerinnen des Vereins gehörte. Spätestens ab Ende der 1980er Jahre aber gab es nicht mehr allein das „Badehaisel“. Immer mehr Kulturvereine, -initiativen und -kneipen entstanden, und sogar auf den Pfälzer Weinfesten wurde nicht mehr nur Stimmungsmusik gespielt. Das Alleinstellungsmerkmal war weg, der Publikumszuspruch ließ nach, und auch beim „Badehaisel“-Team änderte sich lebensbiografisch bedingt einiges. Viele hatten nicht mehr so viel Zeit, waren beruflich gefordert oder hatten inzwischen Kinder.
Zudem war der Freundeskreis aus den Anfangsjahren lange unter sich geblieben. Doch irgendwann kamen dann doch neue Leute dazu. So auch Petra Herriger, die seit 2005 Vorsitzende des Vereins ist, und Felix Hammann, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Er sei zu Beginn als Besucher gekommen, mit der Zeit habe er begonnen sich zu engagieren, erzählt der Haßlocher. Inzwischen hat der Verein 54 Mitglieder.
Als die Besucherzahlen nicht mehr ganz so gut waren und die Besucher älter wurden, entstand die Idee, mit dem „Haisel Soundz Festival“ Jugendliche anzusprechen. Ab 2010 fanden diese Festivals einige Jahre im Sommer statt – das mit dem Jung-Modus klappte aber nicht wirklich. Inzwischen bietet der Verein nicht mehr so viele Konzerte wie früher auf, stattdessen stehen regelmäßige Jazz- und Bluessessions und eine „Offene Bühne“ auf dem Programm, und auch einiges, was nichts mit Musik zu tun hat, darunter Klassiker wie das Boule-Turnier und Kino mit Weinprobe.
Der Bürgerpreis für die „bösen Jugendlichen“ von einst
Bei einem Rückblick auf 40 Jahre „Badehaisel“ darf die Gastronomie nicht fehlen. In der Anfangszeit sorgten die Aktiven noch selbst für die Bewirtung. Das änderte sich bald. Im Lauf der vier Jahrzehnte waren im „Badehaisel“ verschiedene Wirte als Pächter zu erleben. Einige passten hervorragend zum Verein, mit anderen gab es Probleme, weil sie zum Beispiel selbst Konzerte organisierten, die konträr zur Vereinslinie lagen.
2021 bekam der Verein den Bürgerpreis des Landkreises Bad Dürkheim. „Das war für uns eine tolle Ehre und Anerkennung, denn früher waren wir die bösen Jugendlichen, denen man nicht so recht getraut hat“, schmunzelt Kate Schuster. 800 Veranstaltungen mit mehr als 60.000 Besuchern hat Rainer Räch für die 40-jährige Geschichte des „Badehaisel“ errechnet. Und am nächsten Wochenende kommen sicher noch ein paar dazu, denn das Jubiläum wird am 15. und 16. Juli mit einem Festival gefeiert.
Das Jubiläumsprogramm
Samstag, 15. Juli, 18 Uhr: „Frau Schröder s(w)ingt“, 20 Uhr: Stefan Hiss & Band; Sonntag, 16. Juli, 11 Uhr: Bandklasse und Schulband der IGS Deidesheim-Wachenheim, 13 Uhr: Kinderkonzert „Mondgeflüster“, 16 Uhr: „Whiskydenker“. Karten (10 Euro) unter www.badehaisel.de. Abendkasse: 18 Euro. Es wird gebeten, mit dem Öffentlichen Personennahverkehr oder dem Fahrrad zu kommen oder an der katholischen Kirche in der Friedelsheimer Straße zu parken und von dort zu laufen.