Bad Dürkheim Von der Schlinzelgass’ zur Bahnhofstraße

Placeholder-Image

Ein wenig Hochstapelei steckt in dem Namen der Straße, die an der Engstelle der Weinstraße am Wachenheimer Marktplatz in Richtung Osten abzweigt: Bahnhofstraße. Eigentlich müsste sie sich, angepasst an den Bahnbetriebsjargon, mit der Bezeichnung „Haltepunktstraße“ bescheiden. Das klingt freilich ziemlich bescheuert, und so ist es bei dem 1865 eingeführten Namen geblieben.

Obwohl es den klassischen Bahnhof mit Flügeltüren, Kiosk, Fahrkartenschaltern, Pissoir und Bahnhofsvorsteher dort am östlichen Stadtrand schon seit fünfzig Jahren nicht mehr gibt. Das etwas großspurig so genannte „Empfangsgebäude“, in der charakteristischen Backstein-Architektur der Kaiserzeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert errichtet, wurde 1965 stillgelegt und wenig später abgerissen. Heute empfängt die Reisenden ein Bahn-Ambiente, das in seiner funktionalen Nüchternheit kaum zu überbieten ist. Eisenbahn-Nostalgiker, von denen es in Wachenheim nicht wenige gibt, raunen denn auch mit Verlustschmerz in der Stimme und mit Trauerblick von dem verlorenen Stück alter, romantisch aufgeladener Mobilitätsarchitektur. Aber immerhin: Die Deutsche Bahn gönnt Wachenheim einen Haltepunkt (von Spöttern „Absprungbahnhof“ geheißen). Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn unter dem Anbranden der Motorisierungswelle in den 1960er-Jahren drohte Wachenheim vom Schienennetz abgehängt zu werden. Der Abriss des Bahnhofsgebäudes schien wie ein Menetekel. Hundert Jahre zuvor hatten die Orte an der Haardt die Ankunft des Fortschritts und den Anschluss an das sich schnell verzweigende Eisenbahnnetz noch groß gefeiert. Die im August 1862 vom bayerischen König konzessionierte „Actiengesellschaft der Neustadt-Dürkheimer Eisenbahn“, das dritte private Eisenbahnunternehmen in der Pfalz, eröffnete am 6. Mai 1865 die rund 15 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden Hauptorten. „Die ursprünglich geplante Strecke sollte westlich an Forst vorbeiführen, wurde aber im Interesse des Weinbaus nach Osten verlegt“, heißt es in der Stadtchronik von Fritz Wendel. „So kam es, dass die Station Wachenheim weit vom Ort (am Heidweg) zu liegen kam.“ Das rächte sich am Premierentag: Die Wachenheimer Honoratioren verpassten die Jungfernfahrt, weil sie zu spät an dem abgelegenen Bahnhof eintrafen. Bei diesem protokollarischen Missgeschick hat gewiss auch eine Rolle gespielt, dass „die Uhre in Wachenheim eine Viertelstunde der von Dürkheim nachging“, wie ein zeitgenössischer Berichterstatter bemerkt: Die Eisenbahnzeit schlägt fortan den Takt im Alltag und nicht mehr die Kirchturmuhr. Die „Actiengesellschaft“, deren Anteile vor allem am Frachtverkehr interessierte Kaufleute und Weingutsbesitzer gezeichnet hatten, war im Übrigen eine stets defizitäre Pleitefirma. Sie wurde 1870 zusammen mit den zwei älteren Eisenbahngesellschaften von der vier Jahre zuvor gegründeten AG „Pfälzische Nordbahnen“ übernommen, „zur Beseitigung der Concurrenzverhältnisse und zur Vereinfachung der Verwaltung ...“. Das fusionierte Unternehmen wiederum übernahm im Januar 1909 der bayrische Staat. In den 1950er-Jahren zuckelten die dunkelroten Schienenbusse über die Weinstraßenstrecke. An den Wochenenden ruhte ab Samstagnachmittag der Bahnverkehr. In den 1970er-Jahren spielten die DB-Oberen mit dem Gedanken, die Strecke stillzulegen. Das drohende Aus wendete ein von dem Neustadter Nahverkehrsexperten Werner Schreiner entwickeltes Bus-Schienen-Konzept ab, mit dem ein wesentlicher Teil des Schülertransports auf die Bahn verlagert wurde. Heute ist die in den Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) und in den vorbildlichen Rheinland-Pfalz-Takt eingebundene Bahnverbindung für Schüler, Berufspendler, Ausflügler und Touristen unentbehrlich. Seit Dezember vorigen Jahres halten am Wachenheimer „Bahnhof“ moderne Züge vom Typ „Lint“ („leichter innovativer Nahverkehrstriebwagen“). Vor der Ankunft der dampfenden und rußenden Moderne in Wachenheims Osten hieß der Abschnitt der Bahnhofstraße zwischen Weinstraße und Stadtmauer übrigens: Schlinzelgasse. Das Gebäude am Ende des das gleichnamige Viertel erschließenden Sträßchens wurde 1865 abgerissen, die Stadtmauer durchbrochen und eine neue Straße gebaut, um einen direkten Zugang zum Bahnhof zu gewinnen. Die Schlinzelgasse war Geschichte. Am 28. Mai lebt sie allerdings für ein paar Stunden wieder auf: Im Anschluss an den Festakt in der Bürklinschen Kulturscheune ist sie Schauplatz eines Dinners unter freiem Himmel, bei dem lokale Gastronomen die Festgäste und Besucher vor Altstadtkulisse bewirten. Zum Weiterlesen —Fritz Wendel: Geschichte der Stadt Wachenheim, neu bearbeitet und ergänzt von W. Meyer und M. Wendel, Herausgeber: Stadt Wachenheim, 2015 —Werner Schreiner: Zug um Zug auf Zukunftskurs, in: DIE RHEINPFALZ, Ausgabe Bad Dürkheim, 6. Mai 2015 —Verkehrsverbund Rhein-Neckar (Hrsg.): ... an einem Strang – Eisenbahngeschichte im Rhein-Neckar-Dreieck, Ludwigshafen a.Rh. 2004 —A. Mühl: Die Pfalzbahn, Stuttgart 1982 —W. Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, Frankfurt/Berlin/Wien 1979

x