Bad Dürkheim Tief durchatmen wäre wie Weihnachten

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Das schönste Weihnachtsgeschenk für Familie Makhlouf wäre, ihre Wohnung verlassen zu können. Und danach tief durchzuschnaufen. Das ist seit Wochen dort eher ungesund. Überall hat sich massiv Schimmel breitgemacht. Und dann wurde auch noch zwei Tage lang gechlort.

Drei Zimmer, Küche, Bad. Etwas über 60 Quadratmeter. 540 Euro warm. Das ist die Mietwohnung in Bad Dürkheim, die sich Hande und Bashra Makhlouf seit zwei Jahren mit ihren beiden Kindern teilen. In den letzten Wochen war sie ihnen aber kein Heim mehr. Sondern ein Herd von Krankheit und Ekel. In der Nase, im Mund, im Rachen. Alles riecht modrig, verschimmelt. Räume, Kleidung, Betten. Wer schon einmal von Schimmelpilz heimgesucht war, vielleicht nur in einer Ecke seiner Wohnung, weiß, wie dieser Geruch alles durchdringt. Bei den Makhloufs gibt es keinen einzigen Raum, wo er nicht großflächig als dunkle Schatten an der Wand nistete. „Ich kann nichts mehr anderes riechen“, sagt Bashra Makhlouf. Und ihr Junge, sechs Jahre alt, huste nur noch. Die 33-Jährige ist froh, wenn sie zur Arbeit in der Weinstube Ester gehen kann, der Jüngste konnte vorletzte Woche zweimal nicht zur Schule, fühlte sich zu schwach. Alle vier sind erschöpft, fühlen sich niedergeschlagen, physisch wie psychisch. Mit seiner großen Schwester – die 17-Jährige geht aufs Gymnasium – schläft der Junge derzeit im Wohnzimmer, wo die Eltern jeden Abend eine Matratze ausbreiten. Dort ist es noch am wenigsten schlimm. Obwohl bei Regen draußen an der Wand hinter dem Fernseher das Wasser herunterläuft, wie Zeugen bestätigen. Die schwarzen Schimmelflecken sind auch hier nicht zu übersehen. Sie setzen sich trotz Chlorung schon wieder durch, auch gegen die bunten Blumen, die die Kinder drüberzumalen versucht haben. Weil sie es nicht mehr sehen wollten. Wer wie die RHEINPFALZ vergangene Woche in der Wohnung war, hält sie für unbewohnbar ist. Die Familie mit tunesischen Wurzeln – der Vater ist seit fast 30 Jahren deutscher Staatsbürger, wie er sagt – lebt, atmet, isst, schläft seit sechs Wochen darin. Erst gestern zeichnete sich eine Lösung ab. Anfang November, so bestätigte die Vermietergesellschaft auf Nachfrage, hat der Familienvater reklamiert bei der Deutsche Wohnen (DW). Die sitzt in Berlin und hat laut Homepage bundesweit mehr als 150.000 Wohnungen in ihrem Bestand. Sie nennt sich eine der führenden Wohnungsgesellschaften in Deutschland und Europa. Börsennotiert. „Die wollen nicht mit uns reden“, klagt die 33-Jährige bei unserem Besuch. „,Finden Sie eine andere Wohnung’, haben sie uns gesagt.“ Das hat die Familie versucht – ebenso vergebens wie trotz all ihrer Beziehungen Jutta Ester, bei der Bashra Makhlouf in der Küche arbeitet. Bei der zuständigen DW-Niederlassung in Ludwigshafen ging man zunächst einmal von unsachgemäßem Lüften und Heizen aus. Was in der Tat in 90 Prozent der Fälle auch Ursache für Schimmel ist, wie der Mieterschutzverein sagt. Dieser Schimmel aber hat sich äußerst rasant und massiv ausgebreitet, auch an Innenwänden, die nicht an Außenmauern liegen. „Dann muss es an etwas anderem liegen“, bestätigte ein Experte für Mietrecht. Darauf deutet auch das Rinnsal an der Wohnzimmerwand hin. Für Hande Makhlouf stand fest: Das Flachdach über der Wohnung ist undicht. Mehrfach habe er bei der Deutschen Wohnen angerufen, doch dort ist schwer durchkommen. Das hat auch Gastronomin Jutta Ester gemerkt, als sie ihrer Angestellten helfen wollte. Die Mutter ist zunehmend verzweifelter. Ihr geht es vor allem um die Kinder. Sie hat Angst, dass sie fürs Leben krank werden, wenn sie mit jedem Atemzug die gefährlichen Sporen des Schimmelpilzes aufnehmen. „Ich habe niemanden hier, keine Verwandten, wo ich mit meinen Kindern hinkann“, sagt sie. Man könne sie doch nicht ins Hotel schicken, habe ihm eine Frau bei der DW am Telefon gesagt, schildert ihr Mann. Und „unsere Kinder interessierten ihn nicht“, zitiert der Vater immer noch wütend den Techniker, den die Deutsche Wohnen dann doch vorbeischickte. Um Hydrometer aufzustellen, von denen die Familie zweimal am Tag die Werte aufschreiben sollte. Und um eine Chlorung der Wohnung vorzunehmen. Zwei Tage lang. Das Unglaubliche: Während der Mann beim Chloren vorschriftsgemäß eine Atemmaske trug, bot man selbst jetzt Eltern und Kinder kein Übergangsquartier an: Sie blieben in der gechlorten Wohnung! „Unsere Augen brannten, wir bekamen kaum Luft. Und der Mann sagte noch, wir sollten die Fenster geschlossen halten ...“ Beim Mieterschutzverein schüttelte man nur den Kopf. Zumal „Chloren völlig sinnlos ist“, wie ein Fachmann erläutert. Er entferne zwar vorübergehend die schwarzen Flecken des Pilzkörpers. Aber die viel gefährlicheren Sporen bleiben in der Luft. Gegen Schimmel helfe nur Tapeten runter und von Grund auf sanieren. Der Deutschen Wohnen hat der Techniker Bescheid gegeben, dass man sich mal das Dach anschauen müsse. Dies bestätigte ein Konzernsprecher in Berlin gestern. Wir hatten uns vergangene Woche bei Gesundheitsamt, Ordnungsamt und Mieterschutzverein kundig gemacht, wie der Familie zu helfen wäre. Bei der Deutschen Wohnen kamen wir schließlich auch durch. Man muss nur Geduld haben. Hörer neben das Telefon, Lautsprecher an. Nach einer Viertelstunde Popsongs Warteschleife (sinniger Titel: „Out of reach“ – nicht greifbar) meldete sich ein Call-Center. Nach weiteren Minuten die Bitte, eine Mail an eine bestimmte Dame zu schicken, die sich dann melden würde. Tat sie aber nicht. Dennoch ging es jetzt schnell. Für Montag kündigte sich ein Dachdecker bei den Makhloufs an, der dann schon am Freitag kam. Sein Urteil: „Das Dach muss umfassend repariert werden.“ So gab es ein Sprecher in Berlin an uns weiter, der sich ebenfalls am Freitag gemeldet und Auskunft für Montag zugesagt hatte. Bei unserem Nachhaken gestern hatte er eine gute Nachricht: Nachher treffe sich ein DW-Mitarbeiter mit der Familie, um ihr eine neue Wohnung anzubieten. „Auf einmal geht es zack-zack“, freute sich Hande Makhlouf – und bedankte sich bei der RHEINPFALZ als dem seiner Ansicht nach treibenden Element. Vielleicht war’s ja aber auch der resolute Rat von Jutta Ester, einfach mal die 330 Euro Kaltmiete für Dezember schuldig zu bleiben ... Die Wohnung in der Trift ist anders geschnitten, für die Makhloufs ungeeignet, sagen sie, so dringend sie die alte verlassen möchten. Und es soll etwas Dauerhaftes sein, sagte der DW-Sprecher, kein Übergangsquartier. Auf Dauer aber werden die Kinder nicht mehr im gleichen Bett schlafen können. Ob er als Geste an die Familie nicht eine größere Wohnung anbieten könne zum alten Preis, fragten wir den DW-Sprecher in Berlin. Er sagte nicht spontan ja, aber auch nicht spontan nein. Schließlich spart die DW wohl auch Umzugskosten, die deren Vertreter angeboten hatte. Denn einen Sack voll verschimmelter Kleidung hat die Familie schon weggeworfen, es wird nicht der letzte bleiben. Auch Schrank- und Bettmöbel hat der Pilz befallen, der Geruch steckt in Polstern. „Das können wir alles nicht mitnehmen“, ist sich Bashra Makhlouf bewusst ...

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