Weisenheim am Berg
Stutzenfest: Was es mit dem alten Brauch auf sich hat
Nebelschwaden rund um Weisenheim ließen schon erahnen, dass man zum Fest besser wärmer gekleidet anrücken sollte. In der Tat blieb der Himmel grau und trist, die Temperaturen waren sehr herbstlich. Doch dies tat der Feier keinen Abbruch. Pünktlich erschien der kleine Tross der Neubürger am Dorfplatz vor der katholischen Kirche – wie es beim Stutzenfest üblich ist, in historischen Gewändern und hübsch geschmückten Bollerwagen, voll mit den Utensilien, die seit jeher für die Feierlichkeiten vorgeschrieben sind. Nach altem Brauch sind dies ein Laib Brot „so groß wie ein Pflugrad“, ein Hut voller Nüsse, ein Teller mit Handkäse und zwölf Liter Wein. Diese Gaben müssen bei dem Fest dem Gemeinderat vorgelegt werden, der dann die Korrektheit der Mitbringsel bestätigt.
Tradition erstmals 1788 erwähnt
Ortsbürgermeister Edmund Müller gab zunächst einen historischen Rückblick auf das Stutzenfest. „Erstmals wurde es im Jahr 1788 erwähnt und dann 1842 wieder abgeschafft“, berichtete der Rathauschef. 1978 habe sie dann der frühere Bürgermeister und Pfarrer Otmar Fischer neu zum Leben erweckt. Seither gehört das Stutzenfest zum festen Programmpunkt im Weisenheimer Veranstaltungskalender. Stutzpate Heino erklärte den Besuchern, wie das Ritual abläuft: „Vier Gemeinderäte greifen die Neubürger an Armen und Beinen und ,stumpen’ sie dreimal auf den Stutzstein auf dem Dorfplatz.“ Diese Ehre wurde in diesem Jahr auch Rosi zuteil, dem ersten Hund, der in der Geschichte Weisenheims gestutzt wurde.
Zuvor stellten sich die Neubürger auf der Bühne kurz vor, dies in Reimform. So erfuhren die Besucher des Festes, dass Selina aus Birkweiler bei Landau stammt, ihr Partner Benjamin aus Bretten in der Nähe von Karlsruhe. „Wir sind hier herrlich aufgenommen worden und schon sehr gut integriert“, freute sich Selina. Auch Benjamin hat schnell Anschluss gefunden und bereits eine WhatsApp-Gruppe gegründet. „Logische Weiterentwicklung ist jetzt ein Männerstammtisch“, ulkte Selina. Mitgebracht hatten die beiden ihre kleine Tochter Alea.
Bekennende Hessin nun in der Pfalz
Katharina wiederum ist bekennende Hessin, aus Kilianstätten bei Frankfurt. 2020 ist sie in die Pfalz gelandet. Und seit Januar lebt sie nun mit Partner Jonas, der aus Frankenthal kommt, in der Gemeinde. Beide betonten, dass sie sich in ihrer neuen Heimat sehr wohlfühlen. „Ich kannte Weisenheim am Berg schon von meinen Radtouren hierher, und Katharina wollte schon immer in der Nähe vom Wald wohnen“, teilte Jonas mit.
Kathrin und Mike stammen aus der ehemaligen DDR. Beim Stutzenfest erschienen sie mit ihrem 17-jährigen Sohn Daniel. Und Rosi, einem armen Straßenhund aus Osteuropa, der jede Streicheleinheit sichtlich dankbar genoss. Wie Mike erzählte, hat er nach der Wende im hessischen Ried an einer „Anlage zur Stromerzeugung gearbeitet“, wie er es diplomatisch ausdrückte. „Der Bananenmangel war dann beendet“, witzelte er. Kathrin wiederum arbeitet als Projektmanagerin. Und auch Sohn Daniel hat sich rasch integriert, engagiert sich bei der örtlichen Feuerwehr.
Hündin dreimal um Stein geführt
Dann schritt man zur Tat, also zum Stutzstein. Alle wurden jeweils dreimal hochgehievt, auch die kleine Alea. Dann erhielten die Neubürger gemäß alter Sitte ihre Urkunden. Die Prozedur bei Rosi verlief etwas anders: Die Hündin wurde dreimal um den Stutzstein geführt. Was sie brav mitmachte. Ohne das Bein zu heben.
Alt-Bürgermeister Jochen Schleweis, der im Publikum die Feierlichkeiten verfolgte, zeigte sich mit den neuen Einwohnern des Ortes überaus zufrieden: „Die passen zu uns!“