Bad Dürkheim Sonnenkönige tragen Brille

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„Cool. Die Sonne ist nur noch eine Banane.“ Die elf Jahre alte Alicia und ihre Klassenkameraden Marius, Dominik und Leon schauen mit ihren Sonnenfisternisbrillen gebannt in den Himmel, um sich ein Schauspiel anzusehen, das sie noch nicht kennen. „Bei der totalen Sonnenfinsternis waren wir ja noch gar nicht auf der Welt“, bekräftigt Isabell. Sie sind ihrem Lehrer Steffen Behrendt dankbar, dass er ihnen dieses besondere Erlebnis möglich gemacht hat. Der 38-jährige Erpolzheimer hat vor drei Wochen einen ganzen Klassensatz Sofi-Brillen online bestellt in der Hoffnung auf gutes Wetter. „Dass es aber jetzt so toll wird, hätte ich nicht gedacht“, freut er sich. Während seine 5c der Carl-Orff-Realschule jetzt in der vierten Schulstunde ab 10.25 Uhr auf dem Schulhof das Himmelsschauspiel in seiner „Hochphase“ genießen kann und dabei viele Handyfotos macht, müssen die anderen Realschüler drinnen beim Unterricht aufpassen. Auch in der zweiten Pause kurz nach elf müssen die Schüler im Gebäude bleiben. „Das haben wir sicherheitshalber so angeordnet“, sagt Rektor Achim Walk. Nur Schüler, die eine Sofi-Brille dabei haben, dürfen draußen mal einen Blick auf die Sonne werfen. Behrendt kann sich noch gut an die totale Finsternis vor 16 Jahren erinnern. „Ich stand bei meinen Schwiegereltern in Ludwigshafen im Garten. Und plötzlich ist alles ganz still geworden, auch die Vögel haben zu pfeifen aufgehört“, erzählt er fasziniert. Von Stille kann heute aber keine Rede sein. Seine 23 Schüler sind nicht zu bremsen, rennen aufgeregt um ihren Lehrer herum. „Bin mal gespannt, ob ich nachher mit ihnen noch Erdkunde machen kann“, sagt er verschmitzt. Was Sonnenfinsternis bedeutet, wissen seine Schüler. Sie haben ein Planetenmodell aufgebaut, erzählen sie. Als um 10.45 Uhr die Sonne nur noch eine dünne Sichel ist und manche sie da oben mit dem Mond verwechseln, wird es spürbar kalt, das Licht fahl. Einige Kinder fangen an zu frieren, wollen lieber rein. Vereinzelt lassen sich auch Gymnasiasten vom WHG nebenan mit Brillen draußen blicken. In der IGS Wachenheim-Deidesheim hält sich Rektor Georg Dumont dagegen an die Vorgaben des Ministeriums. Hier haben alle 730 Schüler „Hausarrest“ – mit oder ohne Brillen. „Ich kann ja die einzelnen Brillen nicht auf ihre Tauglichkeit kontrollieren“, bedauert Dumont. Einige Schüler seien auch mit selbstgebastelten Modellen und Schweißerbrillen aufgetaucht. „Viele schimpfen zwar, weil sie ihre Brillen umsonst gekauft haben. Aber ich kann es nicht ändern“, sagt Dumont. Und wundert sich: „Das ist jetzt meine dritte Sonnenfinsternis, aber so eine Aufregung habe ich noch nicht erlebt.“ Auch die Leiterin der Dürkheimer Pestalozzi-Grundschule, Alexandra Eiler, lässt die Kinder nicht in die Hofpause. Nicht etwa, weil sie selbst auch keine Brille mehr bekommen hat. „Ich habe mit meiner dritten Klasse die Finsternis zuvor im Internet angesehen“, sagt sie. Die Sonnenfinsternis im Weinberg verfolgen können Kinder an der Grundschule Kallstadt. „Wir haben ein paar Klassen, wo alle eine Brille haben, die dürfen das“, erläutert Lehrerin Renate Koss-Gerdon. Der Rest schaut in die Röhre. Spontane Sofi-Stehparty Vor dem „Cortina“ am Römerplatz sitzt ein Paar in der Sonne. Womöglich bei einem Bananensplit. Die größte Banane der Welt prangt gerade gelbgold am Himmel, fast vermisst man das blaue Chiquita-Siegel. Glockenschlag halb zehn, die Sonne liegt auf dem Rücken. Glockenklarer Himmel – welch Glück! Die Himmelsgucker schauen nicht in Wolken und damit nicht in den Mond. Und nicht der nimmt ab, sondern die Sonne. Aber die ist unbewölkt und sicheldünn immer noch grell genug, dass Leute ohne Schutzbrille sich gar nicht leichtsinnig der „Verblendung“ aussetzen . Auch ein Glück. Michael Krämer hat eine Schutzbrille. Noch von der „Vollsofi“ 1999. Vor dem Geschäft des Optikers bleiben mehrfach Passanten stehen und fragen, gerne leiht er sie für einen Moment aus. „Cool!“ – „Ah ja!“ – „Wie schön!“ – „Ich seh nur Markise...“ Bitte einen Schritt vor, und „wann’s geht Richtung Sunn gucke“, empfiehlt ein Mann seiner Begleitung. Da macht’s klack – und die Markise fährt rein. Die Automatik liefert den objektiven Beweis, dass es tatsächlich „dunkler“ geworden ist. Drüben fängt ein Akkordeonspieler an zu dudeln. „The sun ain’t gonna shine anymore“ klingt freilich anders. Passanten sind auf Einkauf (hastig) oder Bummel (gemächlich). Sonnenfinsternis? Entweder keine Ahnung oder kein Interesse. Nicht so Krämers Nachbarn, ein gutes halbes Dutzend kommt nach und nach von ringsum, um einen Blick durch seine Brille zu werfen. In 18 Jahren, flachst er, stellt er ein paar Garnituren raus zur After-Sofi-Party. „Und dann regnet’s...“ Die Sonne holt den Mond ein Bei den Erwachsenen auf dem Wurstmarktplatz herrscht ebenso großer Brillenmangel wie bei den Schülern. Im Freien sind sie trotzdem. Rund um die Teleskope des Arbeitskreises Astronomie reicht man die Plastikteile herum. „Mir gefällt es mit der Brille besser“, bekennt eine Frau leise, nachdem sie durch das mehrere tausend Euro teure Fernrohr gelinst hat. Für die einen ist der Lupenblick durchs Okular reizvoller, für die anderen der atmosphärische durch die Schwarzfolien – beeindruckt sind alle, als es weniger hell und warm wird. Pollichianer Wolfgang Wedhorn hat noch einen extra: einen Sonnenfleck gibt’s heute, wie ein Körnchen Dreck auf der Linse. „Wenn ich erzähle, dass dieser kleine Fleck größer ist als die Erde, dann sind die Leute baff“, sagt er leidenschaftlich. Doch auch für die Hobby-Astronomen ist nicht alles einfach zu erklären, was sich am Himmel abspielt. „Ich glaube, die Sonne hat den Mond eingeholt“, versucht eine Frau zu zu begreifen, was im Weltraum gerade vor sich geht. Für alle, die das gleiche versuchen wollen, hat sie einen Tipp: „Wir sollten es so sehen, dass wir mit der Erde fest sind. Wenn wir berücksichtigen, dass die sich auch noch dreht, kommen wir in Teufels Küche.“ Im Stromnetz bleibt der Blackout out, äh, aus. Die Sonnenfinsternis ist aber in den Leitungen messbar, berichtet Peter Kistenmacher, Chef der Dürkheimer Stadtwerke. Denn das geringere Sonnenlicht führt zu einer niedrigeren Leistung der insgesamt 211 Photovoltaikanlagen in der Stadt. Sie liefern bei schönem Wetter im März um die Mittagszeit normalerweise drei Megawatt Strom, in der Sofi-Phase ging die Leistung auf ein Megawatt zurück, so Kistenmacher. Zwei Megawatt mehr als sonst müssen deshalb die Pfalzwerke fürs Dürkheimer Netz zur Verfügung stellen. Der Verbraucher merkt davon nichts. Überhaupt: Ab 12 Uhr scheint die Sonne wieder ungetrübt vom Himmel. Als wäre nichts gewesen ... (led/psp/yah)

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