Wachenheim
Selten gesehen: Warum ein Apfelbaum immer noch Früchte trägt
Unwillkürlich denkt man beim farbenfrohen Anblick an den altüberlieferten Brauch, Weihnachtsbäume mit roten Äpfeln zu schmücken. Laut Philipp Eisenbarth, Obstsortenkenner aus Bad Dürkheim, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, damit Früchte so lange hängen bleiben. „Ihre Reife wird durch Pflanzenhormone gesteuert. Normalerweise bildet sich durch Abbau der Zellstruktur ein Trenngewebe zwischen Fruchtstiel und Zweig, eine Art Sollbruchstelle also.“ Reife Äpfel lassen sich an dieser Stelle leicht abknicken oder sie fallen von selbst ab. „Wenn das nicht passiert und die Äpfel noch im Dezember hängen, dann hat sich das Trenngewebe nicht richtig ausgebildet“, sagt Eisenbarth.
Festhalten statt trennen
Einige Sorten sind davon mehr betroffen, etwa die spät reifenden Wintersorten mit langem, schmalem Stiel wie Golden Delicious oder Jonagold. Der Baum nahe der Stadtmauer trägt ausgesprochen viele und eher kleine Früchte. Wer so stark behangen ist, neigt offensichtlich zum Festhalten.
Eine weitere Rolle spielen laut Philipp Eisenbarth die herbstlichen Wetterverhältnisse: „Wir hatten seit dem Spätsommer überdurchschnittlich viel Regen. Deswegen steht das Holz lange im Saft und ernährt die Früchte länger als nötig. Dazu kommt, dass es noch nicht besonders kalt war.“ Was die Regenmengen angeht, so zeigt sich ihre Bedeutung auch in umgekehrter Hinsicht, wenn also die Nässe ausbleibt. Denn in Zeiten von Dürre können die Bäume ihre Früchte nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgen und verlieren viele von ihnen vorzeitig.
Hungrige Interessenten
Ein Problem, das der Apfelbaum im Märchen von Frau Holle bekanntlich nicht hat: „Ach schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!“ lassen die Brüder Grimm ihn rufen. Die Reaktionen vom fleißigen und vom faulen Mädchen kennen wir: Die eine Marie schüttelt brav den Baum, die andere erweist sich als arbeitsscheu und lässt die Äpfel gleichgültig hängen.
Nun wird auf das Wachenheimer Grundstück wohl weder eine Goldmarie noch eine Pechmarie ihren Fuß setzen – auch wenn in winterlicher Stille verwunschene Märchengärten zwischen den alten Mauern und Zäunen liegen könnten. Aber wie geht es in der realen Welt weiter mit den hängenden Äpfeln?
Es gibt kleine Zweibeiner, die sich an ihnen erfreuen, und das vermutlich noch über Weihnachten hinweg. Vor allem Amseln und Meisen lassen sich im Gezweig nieder und picken emsig ins Fruchtfleisch. Je nach Witterung haben sie dazu wohl bis ins neue Jahr Gelegenheit. Laut Obstkenner Eisenbarth beeilt sich der Baum mit dem Abwurf der Äpfel erst, wenn es zu stärkerem Frost kommt.