Wachenheim
Schüleraustausch als Familiengeschichte
Dorothee Baas, geborene Lübke, reiste 1994 mit einem Stipendium des Deutschen Bundestags zum Schüleraustausch aus Wachenheim in die USA. Dort verliebte sie sich in einen Mitschüler. Heute lebt sie glücklich verheiratet mit zwei Kindern in Royal Oak, Michigan. Ihre deutsch-amerikanische Tochter Evie Baas kommt in diesem Jahr als Schülerin mit einem Stipendium des US-Kongresses nach Deutschland. Es klingt erst einmal nach einer transatlantischen Liebesgeschichte, die durch den Schulaustausch entstanden ist. Doch dazu gibt es eine längere Vorgeschichte.
In den 1960er-Jahren war Evies Großmutter, Isabel Lübke, als Kind und Mitglied des weltbekannten Obernkirchen Children's Choir zum ersten Mal in den USA. Dort nahm sie an drei großen Konzerttourneen teil. Der Chor wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Botschafter eines neuen Deutschlands gefeiert. Während ihrer dritten USA-Tournee schrieb die damals 15-Jährige einen Brief an ihre Eltern mit der dringenden Bitte, sie zum Schüleraustausch anzumelden. „Es hat mich fasziniert, wie das Leben in einem echten Vielvölkerland funktioniert“. 1971 flog sie mit einer Gruppe Jugendlicher zum Schüleraustausch nach Michigan. Dort wurde sie bei einer Gastfamilie aufgenommen. Lübke nannte ihre Gasteltern „Mom und Dad“. Und so habe sie das auch empfunden, erzählt Lübke. Ein Jahr genoss sie die Gastfreundlichkeit der Familie, bis sie ihren amerikanischen Schulabschluss machte. Dann musste sie zurück. Der Kontakt zu der amerikanischen Familie sei nicht abgebrochen. Sie besuchten sich gegenseitig. Lübke sei sehr froh, dass sie Abschied von ihrer „Mom“ nehmen konnte, als diese schwer krank war und im Sterbebett lag. Auch zu ihren amerikanischen Schulfreunden pflegt die Wachenheimerin bis heute Kontakt. Am meisten schätze sie daran, dass sie sich aus erster Hand berichten können und im ständigen Austausch befinden. Diese Erfahrungen haben Lübke geprägt und zu der weltoffenen Person gemacht, die sie heute ist.
Vorurteile abbauen
Ihre eigenen Kinder hat Isabel Lübke ebenfalls ermutigt, die Welt zu entdecken und andere Kulturen zu erleben. So reisten zwei ihrer Kinder in die USA. Dorothee Baas nach Michigan und Georg Lübke nach Indiana. Beide hätten ähnliche Erfahrungen wie ihre Mutter gemacht. Nur bei Dorothee lief es anders. Aus dem Schulaustausch wurde für sie ein längerer Aufenthalt. Sie verliebte sich dort in einen Mitschüler, den sie später während ihres Studiums noch mal besuchte. Da haben sich entschieden zu heiraten. „Die ganze Familie wurde eingepackt und kam nach Wachenheim. Wir haben hier geheiratet“, erzählt Baas.
„Man muss nicht in die USA gehen zum Schulaustausch, man kann auch innerhalb von Europa bleiben“, sagt Lübke. Ihre jüngste Tochter Johanna Staffa verbrachte ein Schuljahr in Norwegen. Dort stieß sie zunächst auf Vorbehalte. Die Gastgroßmutter wollte keine Deutsche aufnehmen. Ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg waren noch in frischer Erinnerung. Doch die Schülerin schaffte es, das Herz der Gastgroßmutter zu öffnen. Jahre später besuchte diese die Familie in Wachenheim.
In einer Welt voller „Fake News“, Vorurteilen und Aggressionen sei der persönliche Kontakt und die direkte Wahrnehmung des Gegenübers als realer Mensch eine wertvolle Erfahrung. Gerade junge Menschen sollten sich ein eigenes Bild von der Welt machen. Um ein neues Land kennenzulernen und dessen Kultur zu verstehen, sollte man mindestens ein Jahr dort leben, studieren, arbeiten oder zur Schule gehen. Ein kurzer Urlaub reicht nicht, findet Familie Lübke. „Es gibt viele Möglichkeiten und Stipendien, die wenig bekannt sind.“ Ganz wichtig sei auch, dass das allen sozialen Schichten ermöglicht und angeboten wird.
Das Parlamentarische Patenschafts-Programm gibt seit 1983 jedes Jahr Schülern sowie jungen Berufstätigen die Möglichkeit, mit einem Stipendium des Deutschen Bundestages ein Austauschjahr in den USA zu erleben. Zeitgleich sind junge US-Amerikaner zu einem Austauschjahr zu Gast in Deutschland. Das PPP ist ein gemeinsames Programm des Deutschen Bundestages und des US-Kongresses. Damit ging Dorothee Baas 1994 in die USA und damit kommt ihre Tochter Evie Baas in diesem Jahr nach Deutschland. Das PPP kooperiert mit der Austauschorganisation „Youth for Understanding“. „Sie haben langjährige Erfahrung, eine gute Struktur, wie die Kinder betreut werden“, berichtet Baas.
Am 4. August wird Evie Baas nach Deutschland fliegen. In der Nähe von Bremen wird sie die elfte Klasse besuchen. Auch wenn sie befürchtet, dass ihre Schulzeit in Deutschland möglicherweise nicht in den USA anerkannt wird, freut sie sich auf die Erfahrung und darauf, die deutsche Kultur kennenzulernen. Sie spricht bereits ein wenig Deutsch und ist gespannt auf das Leben hier.