Wachenheim
Retter im Einsatz für Rehkitze
Hohe Stiefel und Signalkleidung. So sieht die Grundausstattung eines Kitzretters aus. Dabei sollte er oder sie auch keine Probleme mit dem frühen Aufstehen haben: Denn um vier Uhr ist für die ehrenamtlichen Helfer im Frühsommer die Nacht vorbei. Die Drohne mit Wärmebildkamera fliegt in den frühen Morgenstunden über die Wiese. Sie sucht Wärmequellen, die Rehkitze sein könnten. Wenn eines gefunden wird, tragen es die Helfer aus dem Feld. Der Landwirt kann mähen – das Tier ist vor einem möglichen Mähtod gerettet.
In der Region übernimmt diese Aufgabe seit vergangenem Jahr die Kitzrettung Bad Dürkheim-Neustadt. Ins Leben gerufen hat das Team der Wachenheimer Knut Bruckbauer – es ist eine gemeinsame Initiative von Natur- und Tierschützern, sowie der Jäger der Kreisgruppe Bad Dürkheim/Neustadt. Die Bilanz der Saison 2023: 50 Rehkitze haben die Helfer vor der Mahd aus den Wiesen getragen oder vertrieben. Dabei haben sie 45 Einsatztage in den Monaten Mai und Juni geleistet. Ihr Gebiet geht im Norden hinter Grünstadt los und hört im Süden hinter Neustadt auf. Die meisten Wiesen, auf denen Bruckbauers Team im Einsatz ist, liegen rund um Haßloch. „Aber wir fliegen auch Weinberge ab, wenn mich ein Winzer anruft“, erklärt er.
Neues Landesjagdgesetz bereitet Sorge
Landwirte hätten die Verantwortung für die Jungtierrettung, sagt Bruckbauer. Dabei greifen sie oft auf die freiwilligen Initiativen zurück, die sich auf Kitzrettung spezialisiert haben. In der Region hat die Kreisjägerschaft Bad Dürkheim-Neustadt den Anstoß gegeben. Dabei lege die Gruppe stets auf eine enge Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Jagdpächter wert, erklärt Bruckbauer. Die Arbeit machen die Kitzretter unentgeltlich, freuen sich aber über Spenden der Landwirte, etwa um Anfahrtskosten zu decken.
Mit Sorge blickt Bruckbauer allerdings auf eine aktuelle Debatte. „Mit dem neuen Entwurf des Landesjagdgesetzes sind wir alle nicht glücklich – mit Ausnahme der grünen Klimaschutzministerin“, findet er. Die Jäger sehen durch den Entwurf die Position des Jagdpächters eingeschränkt – und gleichzeitig die Jägerschaft stärker in die Pflicht genommen.
Bis zu drei Teams im Einsatz
Sein Team sehe sich als Bindeglied zwischen Landwirten und Jagdpächtern. „Jetzt will man den Jagdpächter in die Verpflichtung nehmen, der weiß aber gar nicht, wann gemäht wird“, sagt Bruckbauer. Das könnte negative Auswirkungen haben, befürchtet er. Das Kitzretter-Team sei „freiwillig mit Euphorie“ dabei. „Ich befürchte, dass das freiwillige Engagement nachlassen könnte, wenn es gesetzlich verpflichtend wird“, sagt Bruckbauer.
Und es sei unglaublich, wie viel Engagement geleistet werde, sagt Bruckbauer, der auf ein Team von bis zu 20 Personen zurückgreifen kann. Dieses ertrage das wochenlang frühe Aufstehen und die Angriffe von Schnaken. Teilweise seien dabei drei Teams gleichzeitig im Einsatz gewesen: eines in Haßloch, eines im Dürkheimer Bruch und eines in Tiefenthal, nennt Bruckbauer als Beispiel.
„Lustige Gemeinschaft“
Die Truppe sei bunt gemischt, erklärt Bruckbauer: Naturschutzbegeisterte, Leute von der Feuerwehr, Jäger. „Ich bin nicht nur Jäger, ich bin auch im Nabu“, betont Bruckbauer in diesem Zusammenhang. „Wir sind eine ganz lustige und verschworene Gemeinschaft“, sagt er. Morgens begegne man sich eben mit Augenringen.
Die Motivation sei dabei das Retten der Tiere. Auch für die Landwirte. „Das sind schlimme Momente“, sagt Bruckbauer über den Fall, wenn ein Tier erwischt wird. „Wenn das Kitz nicht sofort tot ist und klagt, das will niemand hören, das ist schrecklich.“ Die Landwirte, die sein Team kennengelernt habe, seien deswegen froh, dass es die Kitzretter gibt. Dennoch müssten die Retter sich noch bekannter machen. Dazu kommt, dass es viele Wiesen gebe, die in Leiharbeit gemäht würden. „Deren Job ist es, so schnell wie möglich fertig zu werden“, sagt Bruckbauer.
Bei der Kitzrettung stoßen die Helfer übrigens auch auf andere tierische Wiesenbewohner. „Wir finden auch Fasanengelege“, sagt Bruckbauer. Es sei auch mal eine Wildkatze dabei.
Drohne auf der Wunschliste
„Wenn Sie das einmal erlebt, Kadaver zusammengesammelt haben, das ist so ein schreckliches Bild“, sagt Bruckbauer über seine persönliche Motivation. Nächstes Jahr werde er 60, so der „eingebürgerte Wachenheimer“. „Dann habe ich mehr Zeit dafür“, sagt Bruckbauer, der beim Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft in Bonn beschäftigt ist.
Weil sie nach der Saison eine von drei Drohnen wieder zurückgeben mussten, gelte es nun, den Bestand wieder aufzufüllen. Ein weiterer Punkt auf der Wunschliste ist die rechtzeitige Terminvergabe, diese soll künftig über eine Online-Buchung erfolgen. „Wenn gemäht wird, wollen alle mähen“, sagt der Kitzretter und vermutet, dass im kommenden Jahr die Anfragen der Landwirte mit zunehmendem Bekanntheitsgrad des Teams steigen werden.
Weitere Helfer sind daher willkommen. Hohe Stiefel, die Bereitschaft früh aufzustehen und sich von Mücken stechen zu lassen sowie die Freude, ein Tier vor dem Mähtod zu retten, sind die Voraussetzungen zur Kitzrettung. Mitmachen kann also fast jeder.
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