Kallstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Nil verursacht hohe Wellen

In der Remise (links) ist die neue Vinothek geplant.
In der Remise (links) ist die neue Vinothek geplant.

Planspiele des Weinguts am Nil sorgen für Unruhe. Anwohner befürchten, dass durch zusätzliche Veranstaltungen viele Besucher in den Ort gelockt werden sollen. Das Weingut widerspricht. Doch was ist eigentlich konkret geplant?

Das Weingut am Nil ist vor knapp elf Jahren aus dem ehemaligen Kallstadter Weingut Schuster entstanden, das von dem Marburger Unternehmer-Ehepaar Ana und Reinfried Pohl gekauft worden war. Der Betrieb wurde von Beginn an von so manchem skeptisch beäugt – auch, weil die Rebfläche kontinuierlich gewachsen ist: von zunächst zwölf auf jetzt 36 Hektar. „Wir wollen nicht weiter wachsen“, bekräftigt Christine Ludt, die den Betrieb seit vergangenem Jahr führt. Das Weingut soll „in Einklang mit der Natur“ bewirtschaftet werden, skizziert sie. So werde seit drei Jahren auf Herbizide und Insektizide verzichtet. Die Ausrichtung auf die Natur solle sich nun auch auf dem Gelände des Weinguts widerspiegeln.

Ludt spricht von „ersten Überlegungen und Ideen“. Diese haben aber bereits für mächtig Wirbel in Kallstadt gesorgt, nachdem sie im Gemeinderat präsentiert worden waren. Anwohner befürchten mehr Lärm, mehr Verkehr und mehr Rummel in ihrem Ort. Konkret geplant ist bislang vor allem der Umzug der Vinothek: Diese soll von einem Raum in Richtung Neugasse in eine Remise auf der Rückseite des Weinguts verlagert werden.

Vinothek soll in Remise umziehen

„Unser Fokus liegt ganz klar auf der Umnutzung der Vinothek“, sagt Ludt. Die bisherige Probierstube sei „unendlich klein“. Wegen der Pandemie-Vorschriften sei der Raum nicht mehr als Vinothek zu nutzen gewesen. Die Sandstein-Remise soll im Inneren leicht umgebaut werden, zudem werden zwei Türöffnungen verbreitert. Der Bauantrag dafür ist inzwischen gestellt. Veranstaltungen sollen dort aber nicht stattfinden, sagt Ludt. „Wir wollen dort nur unseren Wein verkaufen“, betont die Geschäftsführerin. Ein Wingert in der Nähe soll „in einen Weinberg nach historischem Vorbild“ umgewandelt werden. Auch eine neue Begrünung und das Pflanzen von Obstbäumen sind geplant.

Diese Pläne haben beim Ehepaar Astrid und Torleif Tärnhuvud, das direkt neben dem Weingut am Nil wohnt, „alle Alarmglocken“ schrillen lassen, so Torleif Tärnhuvud. Inzwischen würden fast 300 Kallstadter zu ihrer Initiative gehören, berichtet Astrid Tärnhuvud, die Sprecherin der Bürgerinitiave. Sie und ihr Mann vermuten, dass in Kallstadt „ein zweites Dagobertshausen entstehen“ und sich so „der Charakter unseres liebenswerten Ortes nachhaltig verändern würde, ohne dass unser Dorf und seine Bewohner etwas davon hätten.“

Dagobertshausen ist ein Hofgut in einem Stadtteil von Marburg, das ebenfalls im Besitz der Familie Pohl ist. Neben einer Reitsportanlage, einem Restaurant, einer kleinen Pension und einem Hofladen gehören „Events“ zum Programm des Hofguts. Die Initiative warnt in einem Flugblatt, das in Kallstadt verteilt wurde, dass ein „Eventgarten“ geplant sei. Dem widerspricht Ludt: „Das wird kein Freizeitgarten.“ Auch sei nicht vorgesehen, den gastronomischen Bereich des Weinguts am Nil auszubauen, betont sie. Dafür habe sie weder genügend Platz noch ausreichend Personal.

In der ehemaligen Synagoge gegenüber des Weinguts entstehen bis August allerdings sechs neue Gästezimmer. Zu der von der Initiative befürchteten Verkehrszunahme und dem hohen Parkplatzbedarf sagt Ludt: „Ich weiß, dass durch unsere Gäste Verkehr und Lärm entsteht.“ Dieser werde aber durch die geplanten Veränderungen nicht zunehmen, versichert sie. Im Gegenteil, man wolle versuchen, die Anwohner der besonders betroffenen Neugasse zu entlasten. Das geschehe zum einen durch die Verlagerung der Vinothek in die Remise. Außerdem denke man darüber nach, dass die Zufahrt zu dem Weingut nicht mehr durch die Neugasse verläuft, sondern aus Richtung Friedhof.

Im vergangenen Jahr hat der Betrieb das frühere Weingut Koob-Koch in der Neugasse gekauft. Der hintere Teil muss laut Ludt aus statischen Gründen abgerissen werden. Der Platz soll geschottert werden. Ob dort der Außenbetrieb, der derzeit in der Wiesengasse beheimatet ist, an dieser Stelle in einer neuen Halle untergebracht wird, ist laut Ludt völlig offen. „Wir würden gerne den Ortskern entlasten und für uns wäre es praktikabel, alles an einem Fleck zu haben“, sagt Ludt. „Wir können das machen, müssen es aber nicht tun.“ Weitere Überlegungen hätten sich nach Gesprächen mit der Gemeinde und der Kreisverwaltung erledigt.

Bauanträge am 8. Juli im Gemeinderat

Bei der großen Lösung mit Bau einer Halle müsste aus Sicht der VG-Verwaltung die Zufahrt nach der Linksabbiegerspur auf der B271 so „ertüchtigt werden, dass sie dem Verkehr auf der nördlichen Seite gerecht wird“, wie Bauamtsleiter Thomas Bayer auf Anfrage erläuterte.

So weit will Bürgermeister Thomas Jaworek (CDU) aber noch nicht vorausdenken. Bauanträge gebe bislang nur für den Umbau der Remise sowie für die Ferienwohnungen. Über diese Anträge soll es am 8. Juli in der Sitzung des Ortsgemeinderats gehen. Derzeit verteile sich der Verkehr über die drei Äste aus Neugasse, Steinacker-Siedlung und Linksabbiegerspur am nördlichen Ortseingang. „Auf keine der Äste können wir verzichten, da sie nur einspurig befahrbar sind“, so Jaworek. Für den Ortsbürgermeister ist der von der Bürgerinitiative befürchtete Eventgarten „nicht wirklich greifbar“.

„Wir wollen mit offenen Karten spielen“, betont Ludt. Wenn die endgültige Planung feststehe, sei man bereit, sich mit den Bürgern an einen Tisch zu setzen. „Wir wollen uns zusammen mit Kallstadt entwickeln und nicht dagegen.“ Weitere Investitionen müssten zudem mit den Eigentümern abgestimmt werden. Sie finde es „schade und traurig, dass niemand das Gespräch mit uns sucht.“

Astrid Tärnhuvud sieht das anders. „Wir bedauern, dass Frau Ludt noch nicht mit uns das Gespräch gesucht hat“, sagt sie. Bei der VG-Verwaltung in Freinsheim habe man um Einsicht in die Pläne der Bauanträge gebeten. Hier warte man noch auf eine Antwort. „Wir möchten in die Planungen und Entscheidungen eingebunden werden“, bekräftigt ihr Mann.

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