Wachenheim
Mittelalterliche Wandmalerei: Verborgener Schatz wird sichtbar
Ein Herzensanliegen des „Fördervereins Alte St. Georgskirche“ nimmt Gestalt an: Die wertvolle Wandmalerei in der nördlichen Kapelle der Georgskirche wird in diesen Sommerwochen immer mehr sichtbar. Doch warum lag das Kunstwerk im katholischen Teil der Simultankirche über Jahrhunderte unter mehreren Schichten von Kalk und Putz verborgen?
Es ist ein Geschick, das die Wandbilder mit vielen anderen mittelalterlichen Kirchenschätzen teilen. Zur Zeit der Reformation wurden unzählige Gemälde und Skulpturen zerstört, beschädigt oder übertüncht. Denn die Bewegung des Bildersturms ging vehement gegen figürliche Darstellungen von Christus und den Heiligen vor.
So wandten sich die Reformatoren Zwingli und Calvin mit aller Macht dagegen, Bildwerke in den Glauben einzubinden und verdammten sie als Götzendienst. In Wachenheim dürften die meisten Schäden und Verluste alter Werke um 1570 erfolgt sein, als die Pfarrkirche in den Besitz der Reformierten gelangte.
Freilegung in Etappen
Über dem Bogen des Durchgangs von der Seitenkapelle ins Untergeschoss des Turms von St. Georg befinden sich die Wandbilder. Nachdem hier vor zwei Jahren eine vertiefende Untersuchung durchgeführt wurde, folgte 2024 das Freilegen zweier Motive. Zuerst kamen die beeindruckenden Darstellungen der Geißelung Christi und der gekrönten Gottesmutter ans Tageslicht. „So bekamen wir einen Eindruck davon, wie das Gesamtergebnis aussehen kann“, erklärt Bernhard Webersinn, erster Vorsitzender des „Fördervereins Alte St. Georgskirche“.
Auch in diesem Sommer arbeiten die Restauratoren unter fachlicher Leitung von Diplomrestauratorin Karen Keller an der Freilegung – im Scheinwerferlicht und auf einem meterhohen Gerüst. Wer Stefan Lucas und Simina Lepsa zuschaut, dem fällt sofort auf, welches detaillierte Wissen und Fingerspitzengefühl ihre Arbeit erfordert.
Sie reicht vom Entfernen der Deckschichten mit scharfem Skalpell, mit Hämmerchen, Pinsel und Glasfaserstift bis zur gezielten Retusche. Fachlich begleitet wird die Restaurierung von Wolfgang Franz, Dom- und Diözesankonservator im Bistum Speyer und seinem Vorgänger Heinrich Hartmann, der die Gründung des Förderkreises initiierte.
Farben und Fehlstellen
Neben den verblassten Farben kommen etliche Fehlstellen zum Vorschein. Sie sollen zurückhaltend, aber doch wirksam komplettiert werden. Dabei kommt die Maltechnik des sogenannten Tratteggio (italienisch für Schraffur) zum Einsatz: Mit feinen, luftigen Strichen wird die passende Gouachefarbe eingefügt. Das lässt die Flächen geschlossener wirken.
Zugleich bleiben die ergänzten Bereiche von nahem gut zu erkennen, sodass man sie von der originalen Malerei unterscheiden kann. Solche behutsamen Rekonstruktionen achten und bewahren den Charakter des Originals. „Es ist schon etwas Besonderes, eine derart alte Wandmalerei zu restaurieren“, sagt Stefan Lucas. An seiner Arbeit liebt er auch, dass sie immer wieder neue Entdeckungen mit sich bringt.
Was den Bildzyklus aus dem 15. Jahrhundert angeht, so stellt er die Beteiligten auch jetzt noch vor manches Rätsel. Einzelne Szenen, umgeben von roten Umrahmungen, deuten auf einen Passionszyklus hin. Hierzu gehören die noch nicht sicher erkennbare Ölbergszene sowie die Geißelung Christi, ein oft interpretiertes Motiv der Kunstgeschichte.
Dank an die Stiftung
Die Malerei in der Georgskirche ist so weit rekonstruiert, dass der Betrachter ihre eher schlichte, ruhige Art der Darstellung wahrnimmt. Während zwei Schergen auf Jesus einschlagen, steht er mit gekreuzten Armen an die Säule gebunden, die Augen geschlossen, den Kopf vornüber gesenkt. Hier wird das Motiv des Erduldens stärker als das Leiden betont.
Dagegen lassen die Darstellungen der Gottesmutter auf einen Marienzyklus schließen. „Vielleicht bringen wir mit dem aktuell laufenden zweiten Teil der Restaurierung noch mehr Licht ins Dunkel“, sagt Bernhard Webersinn. Seinen besonderen Dank richtet er an die ortsansässige Jutta Roth Stiftung, die von der VR-Bank verwaltet wird: Ihre Spende habe die zweite Phase der Restaurierung möglich gemacht.
Auch in diesem Jahr werden die Arbeiten der Restauratoren noch nicht abgeschlossen sein. Doch schon jetzt erweist sich die Wandmalerei auf sechs Quadratmetern Fläche als herausragender Kunstschatz, der im wahrsten Wortsinn wieder entdeckt worden ist.