Weisenheim am Sand
Marleen Morio: Weinprinzessin trägt die Krone mit Stolz
Mit diesem Geburtstagsgeschenk hatte die Weisenheimerin Marleen Morio nicht gerechnet: Am 16. Februar klingelte das Telefon ihrer Mutter, am Apparat Thomas Scherner, der Vorsitzende der Bauern- und Winzerschaft mit einer ganz besonderen Frage: Ob sie gerne die nächste Weinprinzessin in Weisenheim am Sand werden wolle?
Ihr erster Gedanke: „Wie kommen die auf mich?“ Die 20-jährige Morio ist in Weisenheim am Sand aufgewachsen, schon ewig im SV aktiv, in der Showtanzgruppe des Sportvereins, auf jedem Fest ehrenamtlich dabei und ein echtes „Landei“, wie Mutter Claudia Morio im Gespräch einwirft. Aber Weinprinzessin? Schließlich entstammt die Bachelor-of-Logistics-Studentin, die bei Frigotrans in Fußgönheim die Praxis kennenlernt, keiner Winzerfamilie. Wein kennt Morio nur als genussvolle Konsumentin. „Unter der Woche, alleine zu Hause, käme ich nie auf die Idee, mir eine Flasche Wein zu öffnen. Das lässt mein vollgepackter Alltag auch gar nicht zu“, berichtet sie. Lediglich am Wochenende auf Weinfesten trinke sie gerne mal eine Rieslingschorle, zu Familienfeiern und bei Spieleabenden mit Freunden darf es ein Glas Gewürztraminer oder Blanc de Noir sein. „Bierprinzessin, wie es sie in Haßloch gibt, hätte ich jedenfalls nicht werden können. Bier trinke ich nämlich nicht“, berichtet sie offenherzig. Und auch für Morio-Muskat hat sie trotz ihres Namens wenig übrig: „Der ist mir viel zu süß.“
Fürs Ehrenamt opfern die Frauen viel Freizeit
Nach Rücksprache mit ihrer Mutter und vor allem der aktuellen Weisenheimer Weinprinzessin Tina I., die seit 2020 im Amt ist und gleichzeitig seit März diesen Jahres als Weinprinzessin die Urlaubsregion repräsentiert, reifte die Gewissheit: „Ja, ich will Weinprinzessin werden.“ Auch weil Tina I. Morio moralische Unterstützung in allen Fragen zu Krönung, Amt, Rede und anstehenden Terminen zusagte. Wovon im Jahr rund 50 auf die neue Weinprinzessin warten, die am 24. August im Weingut Langenwalter die Krone von Tina I. übernehmen wird.
Gerade auf diese Termine freut sich Morio, der bewusst ist, dass sie das Amt in einer schwierigen Zeit für Weinhoheiten antritt. „Es geht mir nicht um das silberne Diadem an sich, aber ich denke, dass wir als Weinprinzessinnen und -königinnen viel über die Weine der Region, den Weinbau und die Kultur unserer Gegend vermitteln können. Das funktioniert aber nur, wenn man uns erkennt“, positioniert sich Morio klar für die Tradition und erteilt den geplanten Änderungen der Pfalzwein damit eine Absage. „Ich bin stolz auf die Krone, die ja auch eine Geschichte erzählt. Seit Jahrzehnten tragen alle Weisenheimer Weinprinzessinnen dieselbe Krone. Die Tradition möchte ich beibehalten und habe auch darum gebeten, sie von Tina überreicht zu bekommen.“
Premiere bei der Quetschewanderung
Dabei dürfe das Amt gerne weiter modernisiert werden. „Für mich ist auch ein Weinprinz, -herzog oder -könig denkbar. Warum nicht? Ob er dann Krone oder Zepter trägt, sollte ihm überlassen bleiben. Aber ein Erkennungszeichen finde ich wichtig. Nur die Krone macht uns nicht zu Püppchen. Hinter dem Ehrenamt, für das wir nicht bezahlt werden und viel Freizeit opfern, steckt viel mehr, als das Diadem auf dem Kopf vermuten lässt. Ich finde, eine Pfälzische Weinbotschafterin ist keine gute Lösung.“
Als Marleen I. will Morio auf allen Weisenheimer Festen Präsenz zeigen. „Ich war schon immer überall dabei, auf die Quetschewanderung habe ich es aber noch nie geschafft, da war ich immer irgendwo am Helfen“, berichtet Morio. Das Quetschefest Ende August wird gleichzeitig die erste Veranstaltung für die frisch gekürte Weinprinzessin. „Ich freue mich jetzt schon, mit Krone mitzulaufen.“ Wichtig ist ihr aber auch, dass sie außerhalb der offiziellen Termine inkognito unterwegs sein darf: „Wenn ich mir am Sonntag mit meiner Oma noch ein Steakbrötchen beim SV hole, bin ich natürlich ohne Krone unterwegs.“
Bis zur Krönung will Morio viel lernen
Außerhalb Weisenheims freut Morio sich bereits auf viele Einladungen von befreundeten Weinprinzessinnen und -königinnen. Der Wurstmarkt Anfang September werde sicherlich gleich zu Beginn ihrer zweijährigen Amtszeit einer der Höhepunkte sein.
Bis zur Krönung „über den Dächern von Weisenheim“ will sie sich noch eingehender mit der Materie beschäftigen. Die örtlichen Winzer haben ihr schon Unterstützung angeboten. So kann sie in Keller spitzeln und Wissen erfragen, außerdem will sie sich noch genauer in die Historie ihrer Heimatgemeinde und des Weinbaus einarbeiten und eine griffige Rede vorbereiten. Alles Weitere werde sich ergeben: „Ich denke, man lernt manches auch erst im Amt. Ich freue mich auf jeden Fall sehr darauf.“