Über den Kirchturm hinaus Kirchtürme als Fingerzeig in den Himmel
Der Anblick von Kirchtürmen vermittelt den meisten von uns ein eigentümliches Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Wenn ich von einer längeren Reise zurückkehre und sehe schon von der Autobahn aus „meinen“ Kirchheimer Kirchturm, dann fühle ich mich angekommen und behütet. Ein Aufstieg auf seine Plattform ist jedes Mal ein Erlebnis. Auf dem Weg nach oben durchsteigt man gewissermaßen mehrere Phasen der Bau- und Nutzungsgeschichte dieses Turmes.
Ein paar alte Glockenseile künden von den Jahrhunderten, als die Konfirmandinnen und Konfirmanden Sonntag für Sonntag das gottesdienstliche Läuten übernommen haben. War natürlich Arbeit, aber wohl auch immer eine Gaudi, wenn man sich von der schwingenden, schweren Glocke nach oben ziehen lassen konnte. Jetzt hängen die Seile sauber aufgewickelt am Haken, so, als ob sie demnächst wieder zum Einsatz kämen. Schon seit Jahrzehnten funktioniert das Geläut elektrisch.
Wenn man oben im Turm die kunstvoll gezimmerte Haube aus Eichenholz erklettert hat, noch über der Glockenstube, dann gerät man ins Staunen. Man muss schon schwindelfrei sein, um hierhin zu gelangen. Wie alt waren wohl die dicken Stämme, aus denen man vor bald 300 Jahren die Balken geschnitten hat?
Kugel, Hahn und Kreuz
Oben auf der Plattform angekommen, eröffnet sich ein atemberaubender Blick und immer noch weiß man sich unter der Bekrönung des Turmes, die gebildet wird von einer goldenen Kugel, die unsere Erde repräsentiert, dem Hahn und dem Kreuz. Die Menschen, die diese Zier geschaffen und erhalten haben, werden Münzen aus ihrer Zeit in die Kugel gelegt haben, vielleicht sogar eine alte Zeitung, und sicher einen Brief an uns, die Nachgeborenen. Mit Hinweisen darauf, wer sie waren, was ihnen lieb und wert gewesen ist, was sie uns raten. Auf der Weltkugel stolziert der Hahn, der den neuen Morgen kündet, zeigt woher der Wind weht, aber auch an den Wankelmut von uns Menschen erinnert. Schließlich hat Petrus seinen Herrn dreimal verraten, bevor der Hahn zweimal krähte. Über allem das Kreuz. Zeichen dafür, wie weit Gottes Liebe zu seinen Menschen geht.
300 Jahre ist das alles nun bald alt. Die Menschen, die sich dafür eingesetzt haben, dass dieser stolze Kirchturm gebaut wird, haben angeknüpft an Traditionen, die weit tiefer hinabreichen in den Brunnen der Geschichte. Und sie haben nicht gezögert, diese Traditionen mit den Mitteln und in den Formen ihrer Zeit zu erneuern.
Dem hellen Himmel entgegen
Diese Leute haben etwas zustande gebracht, das mich auch heute noch staunen lässt. Stehe ich vor einer gewaltigen mittelalterlichen Kathedrale, verstärkt sich dieses Gefühl noch einmal. Dass die Menschen damals überhaupt in der Lage waren, sich ein solches Gebäude vorzustellen und zu planen. Diejenigen, die den Bau begonnen haben, wussten genau, dass sie seine Vollendung niemals erleben würden. Und trotzdem haben sie angefangen! Getragen und angetrieben von einem Glauben, der durch die Zeiten weitergegeben wurde bis zu uns heute. In dieser Reihe stehen wir.
So wird mir dieser ganze Kirchturm zu einem fest gegründeten Fingerzeig in den Himmel. Die Menschen, die ihn in längst vergangenen Zeiten hierhin gestellt haben, wollten mir weitergeben, dass es mit unserer Wirklichkeit hier auf der Welt nicht sein bewenden hat, sondern dass da noch etwas kommt, das größer ist als ich. Dass ich trotz allem, was mich hier auf der Erde beschwert und gefangen nimmt, dem hellen Himmel entgegen gehe.
Sascha Michael Weber ist Evangelischer Pfarrer für Kirchheim und Kleinkarlbach