Bad Dürkheim / Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kindheitserinnerungen an Weihnachtslichter und Wissenslücken

Margarete (ganz hinten) in der Pestalozzischule. An die dritte und vierte Klasse denkt sie besonders zurück.
Margarete (ganz hinten) in der Pestalozzischule. An die dritte und vierte Klasse denkt sie besonders zurück.

Es gibt Erinnerungen, die uns für immer begleiten. 90 Jahre blickt Margarete Dörner zurück, wenn sie an Erlebnisse in der Schulzeit denkt, die mit Weihnachten zu tun haben.

Seit drei Jahren lebt die gebürtige Dürkheimerin Margarete Dörner im Wachenheimer Bürgerspital. Viele aufgeschriebene Erinnerungen hat sie dorthin mitgenommen. Manches blieb für sie besonders eindrucksvoll und wird gerade vor den Weihnachtstagen wieder lebendig.

Was ihre Schulzeit in der Pestalozzischule angeht, so denkt die 98-Jährige am liebsten an ihre Zeit in der dritten und vierten Klasse zurück. Natürlich war das Lernen und Erwerben von Kenntnissen auch für das achtjährige „Margretl“ ein zentraler Teil des Schulalltags. Aber ihre wertvollsten Erinnerungen verbinden sich mit Unterrichtsstunden, bei denen nicht das Fachwissen an erster Stelle stand.

Damals hatte sie als Klassenlehrer den 1863 geborenen Pädagogen Wilhelm Weitzel. Vor allem zur Adventszeit fertigte er mit den Kindern handwerkliche Arbeiten an. Gemeinsam bastelten sie Aufsteller, die stimmungsvoll beleuchtet wurden und zu denen er Geschichten erzählte.

Hinter jedem Karton eine Kerze

„Wenn Weihnachten näher kam, ließ er uns aus Karton Märchenfiguren oder winterliche Motive ausschneiden“, berichtet Margarete Dörner. „Die entstandenen Öffnungen beklebten wir mit rotem Transparentpapier. Unsere fertigen Werke haben wir dann im Klassenzimmer auf die breiten Fensterbänke gestellt. Wir hatten ja damals auch nachmittags Unterricht und wenn es draußen dämmerte, zündeten wir hinter jedem unserer Kartons eine Kerze an.“

Wie sehr die Wirkung im Schulraum beeindruckt haben muss, das ist Margarete Dörner noch im hohen Alter anzumerken. Und von Wilhelm Weitzel schwärmt sie noch heute: „Er hatte so eine milde Art, wir Mädchen haben ihn wirklich verehrt.“ Auch scheinbar belanglose Details blieben der Seniorin im Gedächtnis, etwa dass sie schlichte Kerzenhalter aus Holz verwendeten und dass eine Kerze damals zwei Pfennige kostete.

„Wenn alles aufgebaut war, erzählte uns der Lehrer die schönsten Märchen und Geschichten. Er konnte das so lebendig und anschaulich, dass wir ihm hingerissen zuhörten. Seine Frau Cläre war Autorin mehrerer Kinderbücher. Das war wohl der Grund dafür, dass ihm der Stoff nie ausgegangen ist.“

Eine damalige Mitschülerin namens Wilma sagte gern einen Kinderreim auf, wenn die Schülerinnen in der wärmeren Jahreszeit wenig Lust hatten, die Schulbank zu drücken: „Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Herr Lehrer, wir wollen spazieren geh’n ...“.

Spaziergänge statt Unterricht

Ein Sprüchlein, das in den meisten Klassenzimmern vergeblich vorgebracht wurde. Es ging streng zu in den Schulen, und Gehorsam war groß geschrieben. Körperliche Strafen, wie sie bei vielen Lehrern üblich waren, gab es bei Wilhelm Weitzel nicht. Auch wies er die Bitten der Kinder nur selten ab.

„Wenn wir im Chor unseren Spruch aufsagten, dass wir spazieren wollen, ließ er sich meistens darauf ein“, sagt Margarete Dörner. „Dann gingen wir alle zum Hinterberg und den Geisenweg hinauf zur Kastaniendelle. Unterwegs erklärte Herr Weitzel uns mit viel Geduld die Tiere und Pflanzen.“

In der fünften Klasse war es vorbei mit den geliebten Ausflügen und Bastelarbeiten. Die Klasse bekam mit Herrn Grün einen neuen Lehrer. Zwar wechselte „Margretl“ die Schule und besuchte nun das Lyzeum, aber von ihrer Schulfreundin Wilma bekam sie vieles über ihre „alte“ Klasse erzählt. Etwa, dass Lehrer Grün sich öfter die Haare raufte. Grund dafür waren die Wissenslücken der Schülerinnen. „Wir hatten eben vorher zu viele schöne Geschichten gehört ...“, sagt Margarete Dörner heute schmunzelnd.

Schwester und Lehrer starben bei Luftangriff

Zwei Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. Im letzten Kriegsjahr war „Margretl“ 18 Jahre alt. Als Bad Dürkheim am 18. März 1945 bei einem verheerenden Bombenangriff schwer getroffen wurde, kamen in der Stadt über 300 Menschen ums Leben. Auch Margaretes 21-jährige Schwester fand den Tod. Elfriede starb direkt neben ihr in der elterlichen Küche durch ein herabstürzendes Trümmerteil. Wilhelm Weitzel und seine Frau Cläre, die in der Kurgartenstraße wohnten, verloren bei dem Luftangriff ebenfalls ihr Leben.

Zu Weihnachten bastelten die Kinder in der Schule Aufsteller, die dann beleuchtet wurden.
Zu Weihnachten bastelten die Kinder in der Schule Aufsteller, die dann beleuchtet wurden.
Mehr zum Thema
x