Wachenheim
Job gefunden: Was eine Ukrainerin in die Pflege zieht
Svitlana Horila strahlt, wenn sie von ihrer Arbeit spricht: Seit Herbst 2023 absolviert die Ukrainerin im Wachenheimer Bürgerspital eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegehelferin. „Ich liebe Menschen, ich mag es, für sie zu sorgen, mit ihnen zu sprechen, sie zu unterhalten“, sagt die 38-Jährige, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen ist und seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Parallel zur Ausbildung lernt Horila, die in Neustadt wohnt, Deutsch an der Mannheimer Akademie für soziale Berufe.
Für Bernd Brosig, Einrichtungsleiter im Bürgerspital, ist die freundliche, zugewandte Horila nicht die erste, die als Flüchtling in die Region kam und im Haus mit 114 Plätzen eine Ausbildung in der Pflege begann. „Wir hatten schon Ukrainerinnen, aber auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afrika. Es hat immer gut funktioniert, unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind bei Auszubildenden, die wenig Deutsch können, sehr geduldig“, berichtet Brosig. Und fügt an: „Es geht in unserem Beruf ganz viel um Empathie und Haltung, das bringen Geflüchtete, die sich bewusst für die Ausbildung entscheiden, häufig mit. In den Herkunftsländern genießen alte Menschen oft ein hohes Ansehen.“
Keine alltägliche Erfolgsgeschichte
Besonders an der Geschichte von Horila ist das Ineinandergreifen eines Netzwerks. „Man sieht beispielhaft, wie viele Personen am Integrationsprozess beteiligt sind und wie die berufliche Eingliederung gelingen kann“, sagt Christian Kramer, Bereichsleiter Markt & Integration des Jobcenters Deutsche Weinstraße in Neustadt, das auch für den Landkreis Bad Dürkheim zuständig ist.
Der Beginn der Erfolgsgeschichte, die kein Einzelfall ist, aber auch nicht Alltag für die Mitarbeiter der Jobcenter, datiert auf das Jahr 2022: Horila kommt gemeinsam mit ihrer inzwischen 18-jährigen Tochter in Deutschland an, ihr Weg führte sie aufgrund privater Kontakte zu einer Ukrainerin nach Wachenheim. Hier findet sie Unterkunft bei einer Familie, besucht Sprachkurse. Ihre Kenntnisse in Polnisch und Englisch sowie des lateinischen Alphabets helfen der studierten Ökonomin aus der Region Mykolajiw im Süden der Ukraine. Sie schließt den Integrationskurs mit dem Sprachniveau B1 ab, findet eine Wohnung in Neustadt und will sobald wie möglich arbeiten. Doch ukrainische Zertifikate anerkennen zu lassen ist nicht leicht, wie Brosig bestätigt. Hinzu kommt die Sprachbarriere. „Mit meinen Deutschkenntnissen kann ich nicht in meinem gelernten Beruf arbeiten. Ich wollte aber direkt loslegen. Zuhause rumsitzen ist langweilig. Und mir macht Pflege Spaß. Ich mache das alles mit viel Liebe“, sagt Horila, und Brosig nickt.
Mit anderen Geflüchteten in einer Klasse
Wieder helfen ihr Kontakte. Über eine Teilnehmerin des Sprachkurses erfährt sie, dass im Bürgerspital Pflegehelfer gesucht werden. Mit der zweijährigen Ausbildung zur Altenpflegehelferin in Kooperation mit der Mannheimer Akademie für soziale Berufe hat Horila die Möglichkeit, das nächste Sprachniveau B2 zu erreichen und eine Ausbildung abzuschließen. „Die definitiv gebraucht wird“, versichert Brosig. Denn auch wenn es möglich ist, an die Pflegehelfer-Ausbildung eine Ausbildung zur Altenpflegerin anzuschließen und Brosig jeden und jede dabei unterstützt: Mit den geplanten Änderungen von Gesundheitsminister Lauterbach im Pflegebereich steige der Bedarf an Pflegehelfern, ist er überzeugt.
Nun ist Horila abwechselnd im Bürgerspital tätig und drückt in Mannheim die Schulbank. In der theoretischen Ausbildung, die man sich wie „Schule mit Hausaufgaben“ vorstellen muss, stehen Deutsch, Pflege und Hygiene auf dem Stundenplan. Ihre Klasse besuchen 22 Schülerinnen und Schüler aus Mannheim, Neustadt und Ludwigshafen, die aus der Ukraine, aber auch aus anderen Ländern wie Syrien und Afghanistan stammen.
Ihre Zukunft sieht sie in Deutschland
Horila und ihr Weg sind herausragend für Kramer und Karolin Tigiser, Integrationsfachkraft im Jobcenter Deutsche Weinstraße. „Den klassischen Fall gibt es nicht, wir beraten individuell“, sagt Tigiser. So sei es möglich, nach Bedarf Hilfestellungen zu ermöglichen, etwa Coachings, die Übernahme von Anerkennungskosten für Zeugnisse oder eine unterstützende Finanzierung des Führerscheins. Auch Horila braucht einen Führerschein und ein Auto: Zum Frühdienst am Wochenende schafft sie es mit der Bahn selten pünktlich.
Beim Jobcenter Deutsche Weinstraße sind aktuell für den Landkreis Bad Dürkheim 482 erwerbsfähige Personen aus der Ukraine gemeldet, seit Mai 2022 kamen nur wenige hinzu. Stark angestiegen war die Kurve zu Beginn des Krieges vor zwei Jahren. Sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren im November 2023 etwa 170 Personen aus der Ukraine. Die meisten sind als Helfer tätig, wenige als Fachkräfte und nur ein geringer Bruchteil als Spezialisten. Viele haben Arbeit auf dem Bau und im Gastgewerbe gefunden, andere wie Horila im medizinischen und nicht-medizinischen Gesundheitsbereich. Um Geflüchtete schneller in Arbeit zu bekommen, startete die Bundesagentur für Arbeit (BA) Anfang 2024 das Konzept Job-Turbo: Es umfasst den Deutscherwerb, eine Qualifizierung in der Beschäftigung und wenn möglich die Weiterentwicklung zur Fachkraft. In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Menschen aus der Ukraine, etwa 120.000 gingen im Februar 2024 laut Bundesregierung einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach, das sind inklusive der rund 40.000 geringfügig Beschäftigten etwa 21 Prozent der erwerbsfähigen Ukrainer.
Aktuelle Debatten, Ukrainern, die nicht arbeiten, Leistungen zu kürzen, tangieren Horila nicht: Sie will ohnehin arbeiten. „Zurück in die Ukraine kann ich nicht, dort ist Krieg.“ In der Pfalz fühlt sie sich wohl. „Ich sehe die Zukunft von mir und meiner Tochter in Deutschland“, sagt die Ukrainerin überzeugt. Hilfe, die ihr selbst widerfahren ist, will sie gerne weitergeben.