Bad Dürkheim Jeder Ton mit Überlegung geformt

Am Sonntagabend spielte Antonio Malinconico das letzte Konzert des 18. Gitarrenfestivals in Weisenheim am Berg. Und auch dem verwöhnten Stammpublikum in der Alten Synagoge wird dieses Konzert als etwas Besonderes in Erinnerung bleiben. Der schweizer-italienische Künstler musizierte atemberaubend schön.
Die sehr intime Atmosphäre ist für Malinconicos Gitarrenspiel ideal. Er spielte lateinamerikanische Musik und zeigte dabei, dass neben der Lebensfreude und den Tanzrhythmen hier auch Zartheit und Melancholie zu finden sind. Malinconicos besonderes Gespür für Dynamik und Klangfarben kam hier besonders gut zur Geltung. Ein Schwerpunkt im Programm waren Werke von Jorge Cardoso. Der argentinische Komponist, Jahrgang 1949, ist selbst ein exzellenter Gitarrist, der in seinen Werken klassisch-europäische und südamerikanisch-folkloristische Einflüsse verbindet. Mit einem Lied, das Cardoso aus der Musik der argentinischen Anden entwickelt hat, begann das Konzert. Und schon nach wenigen Takten war das Publikum gefesselt. Diese Faszination sollte auch durch den ganzen musikalischen Vortrag bleiben – stellenweise wagten die Zuhörer kaum zu atmen. Malinconico hat alles, was er spielt, auf besondere Weise durchdrungen und ausgelotet. Jeder Ton ist mit Überlegung geformt, und weil der Gitarrist eine Fülle von verschiedenen Anschlagsarten einsetzt, gibt es ein außergewöhnliches Spektrum von Klängen zu hören. Bei einem Tango von Astor Piazzolla schlägt Malinconico die Basstöne mit dem Nagel des Daumens leicht schräg an, so dass der Ton eine leicht raspelnde Ansprache bekommt. Volle Akkorde klingen mit Fingernägeln durchgeschlagen perkussiv und hell, nur mit dem Daumen in der Mitte der Saiten dagegen ganz weich. Eine sehr melancholische Stimmung hat das Stück „Alfonsina y el Mar“, das Ariel Ramirez vertont hat. Es ist der schweizstämmigen Dichterin und Feministin Alfonsina Storni gewidmet, die 1938 nach schweren Depressionen und einer Krebserkrankung sich im Meer das Leben nahm. Malinconicos Interpretation war tief berührend. Aber er beherrscht auch die fröhlichen Klänge und Rhythmen. Flott und fingerflink kann er hinlangen, wenn Karneval und Sambastimmung erklingen sollen. Charmant und mit leichtem schweizerischen Akzent erklärte der Gitarrist die Stücke, und das Publikum war von seinem Charme und seiner Spielkunst gleichermaßen hingerissen. Die Zuhörer waren so begeistert, dass er für die erste Zugabe gleich auf der Bühne blieb. Der knackige Tango, der dann folgte, heizte aber die Stimmung nur noch mehr an. Noch eine Zugabe „Dann bitte nicht mehr klatschen“, bat der Künstler. Tja, da hätte er nicht so ein Kabinettstückchen wie „Die Spieluhr“ bringen dürfen. Die rechte Hand zupft dabei ausschließlich Flageoletts auf den hohen Saiten, während gleichzeitig die linke Hand unabhängig dazu Bass und Akkorde tippt. Technisch und musikalisch ein umwerfender Effekt! Das aller-allerletzte Stück fing das Publikum wieder ein: „Adios Nunino“ war weich, zart und zum Glück beruhigend. Der künstlerische Leiter des Festivals, Martin Müller, dankte für den nach wie vor enormen Zuspruch zu den sechs Konzerten. Im nächsten Jahr will er wieder ein Programm mit Gitarristinnen zusammenstellen.