Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wie ist die Stimmung bei den Eltern von Kita-Kindern?

Der Kreiselternausschuss sorgt sich um die mögliche Abwanderung von Fachkräften.
Der Kreiselternausschuss sorgt sich um die mögliche Abwanderung von Fachkräften.

Wie ist die Situation der Kindertagesstätten im Kreis Bad Dürkheim? Zu dieser Frage hat der Kreiselternausschuss (KEA) Ende 2023 eine Online-Umfrage gestartet. Mit Kathrin Thomas-Buchen spricht KEA-Vorsitzender Gordon Amuser über Fachkräfte-Frust, die Sorge vor der Abwärtsspirale und was ihn überrascht hat.

Herr Amuser, was war ausschlaggebend für die Kita-Umfrage?
Nach den Rückmeldungen aus ganz Rheinland-Pfalz hat uns interessiert, wie die Situation im Landkreis ist. Ein schwerwiegender Punkt ist sicherlich der Fachkräftemangel, der das Kita-System fest im Griff hat. Wir wollten eine Diskussion anstoßen – darüber, welche Optionen es gibt und ob diese ausgeschöpft werden.

An der Umfrage haben sich 652 Menschen beteiligt: Eltern, Fachkräfte, auch Kita-Leitungen. Hatten Sie mit so vielen Teilnehmern gerechnet?
Wir sind positiv überrascht. Bei den letzten Umfragen hatten wir immer an die 400 Teilnehmer. Dass es nun so viele sind, gibt uns die Gewissheit, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse? Repräsentativ war die Umfrage ja nicht. Jeder konnte mitmachen.
Dass sie nicht repräsentativ ist, war uns bewusst. Das war auch nicht der Anspruch. Aber wir haben die Teilnehmer ausgewertet und einen guten Querschnitt hinbekommen. Dennoch muss man natürlich genau hinschauen.

Das lohnt es sich etwa beim Thema Maßnahmenplan. In diesem ist stufenweise geregelt, was passiert, wenn Personal ausfällt. Das reicht beispielsweise vom Wegfall von Ausflügen über verkürzte Öffnungszeiten bis hin zur Schließung der Kita. Laut Umfrage kennt unter den Eltern gut jeder Zweite diesen Plan nicht – bei den Fachkräften ist es noch fast jeder Vierte.
Dass dies bei Fachkräften nicht bekannt ist, hat uns sehr verwundert. Viele Infos zu den Folgen von Personalknappheit fließen morgens an der Tür der Kita. Da müssen die Fachkräfte informieren können. Bei den Eltern fanden wir es ein eher ernüchterndes Bild. Viele kennen wohl den Begriff Maßnahmenplan, aber nicht dessen Inhalt. Da muss man alle Verantwortlichen heranziehen: Träger, Einrichtungen – auch die Elternausschüsse. Man kann nur Transparenz schaffen, wenn offen kommuniziert wird. Übrigens: In der aktuellen Situation ist auch wichtig, den Plan zu evaluieren. Was macht die Verantwortungsgemeinschaft, damit er nicht greifen muss?

Für Bad Dürkheim und die Verbandsgemeinden Wachenheim und Freinsheim gehen die Ergebnisse teils weit auseinander. In Freinsheim geben 88 Prozent der Befragten an, dass ständig oder regelmäßig pädagogische Angebote ausfallen, in Dürkheim sind es 38 Prozent. Auch bei Betreuungszeiten-Verkürzung und Notbetreuung gibt es teils klare Unterschiede. Woran liegt das?
Das ist anhand der Zahlen schwer zu erklären. In Bad Dürkheim gibt es beispielsweise elf Springerstellen, was gut ist. Ob es in Freinsheim und Wachenheim auch so ist, können wir nicht beurteilen. Generell ist hier das Finanzierungsrisiko für viele Träger ein Thema: Eine Springerstelle bekommt man nur gegenfinanziert, wenn die Person tatsächlich eingesetzt wird. Das ist aber eine Frage des Personalmanagements. Wenn ich zu viel Personal zur Verfügung habe, steht es mir beispielsweise frei, eine Fachkraft zu einer Fortbildung zu schicken.

Was die Zufriedenheit des Personals angeht, macht Ihre Umfrage wenig Mut: Viele Fachkräfte geben an, frustriert oder unzufrieden zu sein.
Ja, die Frustration ist groß. Das deckt sich mit Umfrageergebnissen des Fachkräfteverbands. Wir haben auch gefragt, wie sehr sich das Personal gehört fühlt. Da liegt ein großer Hebel. Insbesondere Kita-Leitungen, die den Mangel verwalten müssen, sind frustriert. Das hat uns nicht überrascht. Wird der Maßnahmenplan aktiviert, belastet das auch das Personal extrem. Letztlich führt das zur Abwanderung von Fachkräften. Wir müssen aufpassen, nicht in eine Abwärtsspirale zu geraten.

Träger betonen stets, der Arbeitsmarkt sei leergefegt. Was ist zu tun?
Natürlich herrscht Fachkräftemangel. Aber es gibt auch Träger, die keine Probleme haben. Das hat viel mit den Rahmenbedingungen zu tun, nicht nur mit Bezahlung. Baumaßnahmen sind ein Thema, auch Lärmschutz: Wenn man mit zu vielen Kindern auf engem Raum untergebracht ist, belastet das. Da ist viel im Argen. Das ist ein Versagen, das zehn, 15 Jahre zurückgeht. Es wird viel über die Finanzierung gesprochen. Da muss man sagen: Kommunen haben Vertreter, die sich in Land und Bund für sie einsetzen können. Und: Auch die Verwaltung muss sich an Gesetze halten.

Hat Sie auch etwas überrascht?
Ja, dass die Zufriedenheit bei den Familien noch so groß war. Ein Grund ist wohl, dass die Fachkräfte mehr möglich machen, als eigentlich zu leisten ist. Ich denke, sie gehen über das Limit hinaus, um die Eltern die Situation nicht spüren zu lassen. Aber wenn man über Gebühr leistet und merkt, da ändert sich nichts, frustriert das.

Was passiert nun mit der Umfrage?
Einige Verwaltungen, auch das Kreisjugendamt, wollen sich mit uns austauschen. Wir müssen uns ehrlich machen, wo nachgebessert werden muss. Es hilft nicht zu sagen: Bei uns ist es nicht so schlecht wie anderswo. Wir müssen über Aushilfs-, Hauswirtschaftskräfte sowie Vertretungspools sprechen. Auch um Familien zu entlasten. Wir bekommen Rückmeldungen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mittlerweile gefährdet ist.

Die Hauptbetroffenen – die Kinder – sollten wir nicht vergessen: Was für Folgen hat die aktuelle Lage für sie?
Die Folgen kriegt man überall mit, etwa durch die Pisa-Studie. Frühkindliche Bildung wird nicht mit der Priorität angegangen, die nötig wäre. Die ersten sechs Jahre sind prägend für den weiteren Bildungsweg. Von Chancengleichheit brauchen wir aktuell nicht sprechen. Wenn Dinge jetzt aufgeschoben werden, ist das für eine Kita-Generation schon zu spät. Es gibt den Spruch: „Kindheit lässt sich nicht wiederholen“. Das stimmt und holt uns gesellschaftlich jetzt schon ein.

Zur Person

Gordon Amuser (49) ist Vater von zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren. Seit 2021 ist der Bad Dürkheimer Vorsitzender des Kreiselternausschusses.

Im Netz

https://kea-duew.de/stimmungslage/

Gordon Amuser
Gordon Amuser
x