Bad Dürkheim
Interview: Kinder für kommende Krisen stärken
Frau Schwerdt, Sie sind Teil des Vorstands im Verein „Pädagogische Perspektiven“ und Ansprechpartnerin für die Regionen Bad Dürkheim und Frankenthal. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt „Auf!Leben nach Corona!“?
Es ist so, dass wir in unserer Arbeit mit den Familien erleben, dass durch die Corona-Pandemie die Familien großen Belastungen ausgesetzt waren, dass die Kinder in vielen Bereichen Aufholbedarf haben – sei es schulisch, sei es sozial, emotional. Das erleben wir in allen Feldern. Unser Ziel ist es, die Kinder wieder intensiver zu betreuen und sie in ihrer Persönlichkeit zu stärken.
Welchen Einfluss hatte und hat die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit?
Also zum einen war für uns die Arbeit erschwert. Wir hatten am Anfang Schwierigkeiten, Kontakte aufrechtzuerhalten zu unseren Klienten. In der Inklusionshilfe natürlich auch, weil die Schulen geschlossen waren, die Kitas waren zu und gerade die Kinder, die Hilfe und Unterstützung brauchen, mit denen wir an Entwicklung arbeiten, haben wir während den Lockdowns über Monate nicht sehen können. Später wurde es ein bisschen besser, als sich Möglichkeiten zur Betreuung ergeben haben. Aber dadurch, dass wir immer wieder unterbrochen wurden in unserer Arbeit, sind Entwicklungsziele nicht so erreicht worden, wie wir es uns gewünscht hätten.
Wie macht sich das bemerkbar?
Gerade die Kinder mit Beeinträchtigung, die wir viel betreuen, hätten gerade in der Zeit ganz viel Unterstützung gebraucht und haben jetzt einen großen Aufholbedarf. Was die sozialpädagogische Familienhilfe angeht, da haben wir gemerkt, dass dadurch, dass die Kinder viel zuhause waren, die Eltern ganz viel unter einen Hut bringen mussten. Die Arbeit, das Homeschooling von den Kindern, den Haushalt. Das war eine hohe Belastungssituation, die auch innerfamiliär zu vielen Herausforderungen und zum Teil auch zu Krisen geführt hat. Dadurch haben sich die Schwerpunkte unserer Arbeit in der Beratungstätigkeit noch einmal verändert, um wieder zu einer ruhigeren, harmonischeren Familiensituation zurückzukommen.
Was bedeutet die Pandemie für die Entwicklung von Kindern?
Ich glaube, dass von Anfang an alle sehr bemüht waren, Lösungen zu finden. Aber dadurch, dass es so große Unsicherheiten gab, welche Kontaktbedingungen denn okay sind, da haben die Kinder schon eine Benachteiligung, die zu der Zeit Schulkind, Kindergartenkind waren. Die haben große Nachteile gehabt und ich würde sagen, das zieht sich durch fast alle Bereiche. Schulisch ist es einfach etwas anderes, wenn man zuhause unterrichtet wird anstatt in der Schule mit Mitschülern.
Und abseits des Schulischen?
Im sozialen Bereich konnten zum Beispiel über Wochen und Monate die Sportvereine nicht besucht werden. Das ist ganz oft ein stabilisierender Faktor. Ich habe viele Kinder bei unserer Arbeit erlebt, die erst ihre Klasse kennengelernt haben, nachdem sie schon eine ganze Weile miteinander unterrichtet wurden. Da ist es dann schwierig, Freundschaften zu knüpfen. Für Kinder sind Freundschaften unheimlich wichtig für die Entwicklung, fürs Selbstbewusstsein, fürs Selbstbild. Sicherlich ist nicht jedes Kind gleichermaßen davon betroffen. Es gibt viele Familien, die das besser kompensieren konnten, es gab auch Schulen, die besser mit der Situation umgehen konnten als andere, bei Kindergärten ist es ähnlich. Nicht jedes Kind hat deshalb eine Entwicklungsstörung. Jetzt sind besonders die pädagogischen Fachkräfte gefragt – wie schon während der Pandemie. Die müssen jetzt ganz genau hinschauen.
Sie bieten Fortbildungen für Erzieher an. Was sollen die Teilnehmer lernen?
Es geht uns darum, dass die pädagogischen Fachkräfte zu allererst wertgeschätzt werden in ihrer Arbeit. Die sind alle unheimlich bemüht, den Folgen der Corona-Pandemie entgegenzuwirken, aber sie sollen eben auch Fachwissen bezüglich den Risiken von Entwicklungsverzögerungen erhalten. Sie sollen wissen, wo sie hingucken müssen, wenn es darum geht, ob ein Kind Aufholbedarf hat nach Corona und welche Möglichkeiten man eigentlich hat, jetzt das Kind darin zu unterstützen, die Entwicklungsziele besser erreichen zu können. Wir haben verschiedene Angebote bei den Fortbildungen. Es geht uns darum, die Resilienzen der Kinder zu fördern, also zu schauen, was haben die Kinder für Ressourcen, was haben die schon für Stärken, um daran anzuknüpfen. Es geht aber auch um die Erzieher selbst, die einer hohen Belastung ausgesetzt sind, auch wegen Personalmangels. Da wollen wir auf Stressprävention setzen und die Achtsamkeit schulen. Dabei setzen wir auch an den Arbeitsbedingungen der Teilnehmer an, um zu schauen, was man verbessern kann.
Können Kinder vor psychischen Problemen geschützt werden, falls weitere Lockdowns drohen?
Ich denke, dass es wichtig ist, dass alle Beteiligten sich Mühe geben, die Kinder in ihrem Selbstbild und ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, also in ihren Ressourcen. Wir können die Rahmenbedingungen nicht beeinflussen, aber wir können die Kinder so stark und fit machen, dass sie mit der Situation besser zurecht kommen. Da sind die Eltern gefragt, da sind die pädagogischen Fachkräfte gefragt, da ist das ganze soziale Umfeld gefragt, jeden einzelnen stark und fit zu machen, dass er an sich selbst glauben kann und weiß, wo seine eigenen Stärken liegen. Dann können sie so eine zweite Situation vielleicht auch gut aushalten.
Krieg in der Ukraine, Gasmangel, Klimawandel ... Wie sollte man mit Kindern über Krisen sprechen?
Das Ziel der pädagogischen Arbeit ist es, die Kinder so stark zu machen, dass sie von sich das Gefühl haben, dass sie damit umgehen können, wenn eine Krise auf sie zu kommt. Innerhalb von diesem Rahmen finde ich schon, dass man Kinder nicht immer vor Krisen schützen kann. Es ist wichtig, sie auf altersangemessene Art zu informieren. Das soll die Kinder nicht zusätzlich belasten, aber sie werden ja trotzdem mit diesen Dingen konfrontiert. Das heißt, es ist besser, dass wir die Kinder auf angemessene Weise informieren und ihnen gleichzeitig das Gefühl geben, dass sie Lösungen und Wege finden können. Das kann man auch spielerisch tun, zum Beispiel mit Rollenspielen. Verschweigen sollte man solche Themen jedenfalls nicht. Wir können die Kinder nicht vor allem schützen, aber wir können sie stark machen.
Zur Person
Stephanie Schwerdt hat den Verein „Pädagogische Perspektiven“ gemeinsam mit Melanie Schenk 2007 gegründet. Die beiden bilden seitdem den Vorstand. Schwerdt ist Diplom-Pädagogin und Systemische Therapeutin. 2011 kam sie nach Bad Dürkheim. Mit ihrem Mann Stephan hat sie zwei Kinder.