WEISENHEIM AM SAND.
Historischer Fußball: Der Aufstieg des SV Weisenheim
In der Saison 1969/70 war der von Spielertrainer Otto Sohn geführte SV Weisenheim in der A-Klasse das Maß aller Dinge. „Wir waren Mitfavorit, hatten einen großen Zusammenhalt und einige fußballbesessene Spieler in unseren Reihen“, sagt der damalige Kapitän Günter Golfier. Der heute 78-Jährige war zu der Zeit ein lauf- und konditionsstarker Mittelfeldspieler, den eine große Spielintelligenz und großartiges taktische Verhalten auszeichnete. Golfier war ebenso wie einige andere aus diesem Team später ein herausragender Übungsleiter. „Ich habe damals schon wie ein Trainer gedacht“, erklärt der langjährige Coach des SVW, der die Mannschaft 2017 in die Bezirksliga führte.
Ein anderer Leistungsträger war der heute 73 Jahre alte Reinhold Borner, einer der ersten Offensivverteidiger mit großem Tordrang. „Schon als A-Jugendlicher wurde ich in der Ersten Mannschaft eingesetzt“, blickt Borner zurück. Er hatte als Linksaußen begonnen. Diese Position war auch ausschlaggebend für den Spitznamen, den er in dieser Zeit bekam: „Gento“. Der Flügelstürmer ist eine der Legenden von Real Madrid und hat als einziger Spieler den Europapokal der Landesmeister, die heutige Champions League, sechsmal gewonnen. In den 1950er- und 1960er-Jahren zählte der inzwischen 87 Jahre alte Francisco Gento zu den besten Stürmern der Welt. „Gento genannt zu werden, ist eine Ehre. Von den Älteren werde ich manchmal heute noch so bezeichnet“, sagt Borner.
Verteidiger erzielt ungewöhnlich viele Tore
„Wir haben uns prima ergänzt und die Positionen oft getauscht“, sprechen der in Frankreich geborene Golfier und Borner über ein Erfolgsrezept dieser Zeit. Der lauffreudige Spielführer, der ein guter Vorbereiter, aber kein Vollstrecker war, ließ sich zurückfallen und der junge ungestüme „Gento“ schaltet sich ins Angriffsspiel mit ein und erzielte für einen Verteidiger außergewöhnlich viele Tore. Ein weiteres Plus der Mannschaft war die große Verbundenheit zum Dorf. „Fast alle sind in Weisenheim aufgewachsen und haben hier gewohnt“, verdeutlicht Borner.
Der SV Weisenheim dominierte die Saison 1969/70 nach Belieben. Schon nach 26 von 30 Spieltagen hatte die Mannschaft Titel und Aufstieg perfekt gemacht. „Nach dem 2:0-Sieg gegen Friesenheim waren wir nicht mehr einzuholen. Wir hatten keinen Glanztag erwischt, aber das war in dem Moment nicht wichtig“, erinnert sich Golfier. Weil er ständig in Bewegung war und ein riesiges Laufpensum abspulte, wurde er Nurmi genannt. Ein Bezeichnung in Anlehnung an den finnischen Leichtathleten und Wunderläufer Paavo Nurmi.
Die Meisterschaft wurde ausgiebig gefeiert. „Die Regenationszeit war kurz“, spielt Golfier auf die böse 2:6-Schlappe bei Absteiger TuS Bockenheim nur zwei Tage später an. Gegen Bockenheim wurde auch schon das Hinspiel verloren. Das 2:6 war eine von nur drei Niederlagen in dieser Runde. Eine Pleite, die den Vorsitzenden Helmut Künkele aber mächtig wurmte.
„In unserem nächsten Spiel gegen den abstiegsgefährdeten TSV Eppstein hat mich mein Gegenspieler gebeten, dass wir mit angezogener Handbremse spielen sollen, weil sie die Punkte nötiger brauchten als wir“, kramt Borner in seinem Gedächtnis. Weil aber Künkele nach dem 2:6 in Bockenheim stocksauer war und dem Team ordentlich die Leviten lies, ließ Weisenheim nichts anbrennen und siegte 3:1.
Freundschaftsspiel gegen Karlsruher SC
In dieser denkwürdigen Saison, die der SV Weisenheim mit acht Punkten Vorsprung auf Vizemeister VfR Frankenthal 1b abschloss, gab es aber noch weitere Höhepunkte. Etwa das Freundschaftsspiel gegen den Karlsruher SC, Spitzenreiter der damals zweitklassigen Regionalliga Süd, der zur Einweihung der neuen Flutlichtanlage gekommen war. „1:7 haben wir verloren. Das war eine Profitruppe, was man auch daran gesehen hat, dass die nach dem Spiel nur Salat gegessen haben“, sagt Borner respektvoll. Ebenfalls 1969 waren 3000 Zuschauer zu einem Freundschaftsspiel des 1. FC Kaiserslautern, zu dem der SVW gute Beziehungen unterhielt, gegen den SV Alsenborn gekommen.
Nach dem Aufstieg fasste der SVW in der II. Amateurliga sofort Fuß. Der renommierte Frankenthaler Oberligaspieler Walter Emler, der beim damaligen Nord-Regionalligisten Bremerhaven 93 unter Vertrag stand, war als neuer Trainer gekommen. Es wehte ein frischer Wind und die Akteure hingen förmlich an seinen Lippen, wenn er sprach. Emler hatte Otto Sohns – Spitzname Budding – abgelöst.
Nach dem Training traf sich das Team in der Gaststätte. Dort wurde Karten gespielt, gegessen, getrunken und erzählt. Emler und der Spielausschuss saßen an einem separaten Tisch. „Wenn Emler ans Glas klopfte, herrschte sofort Ruhe“, weiß Borner noch. Die Karten wurden auf den Tisch gelegt, die Gespräche verstummten. Mannschaft, Trainer und Sportliche Leitung gingen zur Spielersitzung in den Keller. „Die Anhänger, die ebenfalls im Clubhaus waren, wollten mit, aber das wurde untersagt. Einzelkritik und Aufstellung für das Spiel am Wochenende blieben in den vier Wänden“, sagt Borner und lacht. Wer wissen wollte, wie das Team aufläuft, konnte sich zum Wochenende an einem Kästchen am Obertor informieren, in dem ein Zettel mit den Namen hing.
Vier Jahre blieben die Blau-Roten in der Bezirksliga, wobei sie sich an einiges gewöhnen mussten. „Als TuS Altrip zu uns kam, haben dessen Spieler gefragt, wo bei uns der Massageraum ist“, wundert sich Borner noch heute. In den ersten drei Spielzeiten sorgten die Weisenheimer für Furore und belegten in den Abschlusstabellen die Plätze sieben, neun und fünf. „In der dritten Saison lief es am besten, da waren wir lange oben dabei“, betont Golfier. Am 5. November 1972 wurde der VfR Grünstadt im Spitzenspiel vor 600 Zuschauern auf dem Sportplatz an der Dr.-Welte-Straße 2:1 bezwungen. „Gento“ brachte den SVW in Führung und nach dem Ausgleich gelang Hans Hechler der Siegtreffer. Und nach dem 3:1-Erfolg über Bavaria Wörth – wieder mit Borner-Tor – kletterte Weisenheim zum Jahreswechsel auf Rang zwei.
Weltmeister von ’54 übernimmt Traineramt
Diese erste Glanzzeit des SVW endete mit der Saison 1973/74. Die über Jahre kaum veränderte Mannschaft hatte vor Rundenbeginn den Abgang des starken Flügelflitzers Hans Mack zu verkraften, der eine Schlüsselfigur war. Obwohl mit Werner Liebrich ein Weltmeister von 1954 das Traineramt übernahm, stieg Weisenheim als Vorletzter ab. „Liebrich hat gut erzählen können, war eine Respektsperson und hat sich bei uns wohlgefühlt. Deshalb ist er nach dem Abstieg auch noch geblieben“, erläutert Borner. Trotz des Abstiegs sind sich Golfier und „Gento“ einig: „Es war eine wunderschöne Zeit.“