Über den Kirchturm hinaus Himmelfahrt ist die Zusage der Gegenwart Gottes
Von Andreas Matheis
In den letzten Tagen sah ich im Fernsehen einen Bericht über das Heilige Land. Insbesondere die Himmelfahrtskapelle auf dem Ölberg in Jerusalem wurde dabei vorgestellt. Die Kapelle befindet sich auf der höchsten Stelle des Ölbergs, östlich der Altstadt gelegen. Sie wurde auf dem Platz errichtet, an dem der Überlieferung zu Folge Jesus Christus in den Himmel aufgefahren ist.
Bereits die frühen Christen gedachten der Himmelfahrt Christi in einer Höhle auf dem Ölberg. Erst später dann in einer bewegten Geschichte entstand die heutige Kapelle. Am kommenden Donnerstag feiern wir das Hochfest Christi Himmelfahrt. Himmelfahrt in der Coronazeit?
Auftrag: Auch nach rechts und links schauen
Eine Legende erzählt, dass Kaiser Konstantin der Große vor der Entscheidungsschlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 eine Vision hatte, die ihn veranlasste sich innerlich zum Christentum zu bekennen. Ihm soll das Zeichen des Kreuzes erschienen sein und dazu habe er die Worte vernommen: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Christen aller Jahrhunderte haben das vom Zeichen der Schande zum Siegeszeichen verwandelten Kreuz in allen erdenklichen Variationen gestaltet und gedeutet. Eine dieser Deutungen bezieht sich auf die Verbindung des „vertikalen“ und des „horizontalen“ Aspekts, also der Beziehung zwischen Gott und Mensch und der Beziehung von Mensch zu Mensch.
In diesem Sinn ist auch Christi Himmelfahrt ein Zeichen, in dem sich die beiden Richtungen kreuzen. Im gleichen Augenblick, in dem die Apostel staunend zum Himmel blickten, erhalten sie vom erhöhten Herrn den Auftrag auch nach rechts und links zu schauen, um sein Zeichen in der ganzen Welt sichtbar zu machen.
„Bleibt der Erde treu“
„Ich beschwöre euch meine Brüder, bleibt der Erde treu.“ Dieses Wort stammt von Friedrich Nietzsche. Vielleicht möchte mancher von uns auch angesichts der Vorstellung von Himmelfahrt diesem Ruf folgen: „Bleibt der Erde treu!“ Denn heißt Himmelfahrt nicht Abschied von der Erde? Hat Christus sich unserer Erde entzogen? Müssten nicht gerade wir Christen angesichts der Probleme unserer Zeit rufen: „Komm wieder herbei Jesus! Geh mit uns die Probleme dieser Welt an!“?
Himmelfahrt als Abschied in eine ferne Welt – ein Missverständnis und eine Vorstellung, die immer noch weit verbreitet sein kann. Der Himmel ist kein Ort irgendwo hinter der Sternen. Christus nimmt nicht Abschied von der Erde bis zur Wiederkehr. Er ist auf neue Weise gegenwärtig: Herr und Gott für alle Menschen aller Länder aller Zeiten, aller Völker und Generationen. Himmelfahrt feiern heißt nicht zum Himmel hinaufzuschauen. Es ist auch kein Fest des Abschieds, sondern Zusage der Gegenwart Gottes und Auftrag für uns. So mahnt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
- Andreas Matheis ist Diakon in der katholischen Pfarrei Hl. Theresia vom Kinde Jesus, Bad Dürkheim