Bad Dürkheim „Gutes Kabarett fordert heraus“

Tobias Mann
Tobias Mann
Herr Mann, Ihr neues Programm heißt schlicht „Chaos“. Warum?

Ich sammele ja ständig Material. Und als ich einiges beisammen hatte, dachte ich, „das ist ja das reine Chaos“. Und das deckte sich mit meinem allgemeinen Eindruck, was in der Welt gerade passiert und wie sich viele Menschen fühlen: überfordert. Aber die Welt war doch schon immer kompliziert. Aber heute kriegen wir das viel unmittelbarer mit. Wir werden ständig mit Nachrichten vollgeballert. Da denkste an nix Böses und – zack! – brennt Notre-Dame. Ist das nicht bloß ein gefühltes Chaos? Genau das versuche ich herauszufinden. Ob alles wirklich chaotischer wird oder ob es nicht schon immer so war, dass schlimme Dinge passieren. Klar ist das ein persönliches Empfinden. Und ich frage, ob man es sich nicht irgendwie leichter machen kann. Man neigt doch dazu, sich selbst die Dinge komplizierter zu machen. Es ist ja auch für mich immer eine Therapiestunde auf der Bühne. Vielleicht kann ich dem Publikum etwas Lebenshilfe geben. Geht es Ihnen denn nach einem Abend auf der Bühne besser? Auf jeden Fall. Es hängt immer ein bisschen vom Publikum ab. Aber ich bin ja keiner, der an seinem Text klebt, sondern ich gehe auf die Leute zu und schaue, was daraus wird. Und nach einem Abend bei Ihnen wissen die Zuschauer, wo es lang geht? Ich geben den Leuten sicher keinen Merksatz mit, den sie sich an die Wand hängen können. Wenn ich ein paar Denkanstöße gebe, ist das okay. Man kann ja auch anderer Meinung sein als ich. Andere Meinungen zu akzeptieren, scheint heute viel schwerer zu sein. Im Internet geht es nicht um einen Diskurs, um das Abwägen von Argumenten und Finden eines Kompromisses, einer Schlussfolgerung, sondern nur noch ums Rechthaben. Es geht darum, wie blöd der andere und wie schlau man selbst ist. Also keine Welterklärung? Nein, ich weiß ja auch nicht so genau, was richtig ist. Ich lasse die Leute an meiner Überforderung teilhaben und zeige ihnen, wie ich mir die Welt mit meinem bisschen Küchenphilosophie erkläre. Natürlich muss das mit Humor geschehen. Den müssen wir uns unbedingt erhalten. Aber leben Sie als Kabarettist nicht davon, dass die Welt chaotisch ist? Da gibt es zwei Seelen in meiner Brust: Da ist der Mensch Tobias, der die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und denkt, das darf doch nicht wahr sein. Und der Kabarettist denkt: tolles Material! Den Konflikt gibt es. Es gibt auch Themen, über die ich lieber nicht mehr sprechen würde, die aber immer wieder kommen. Welche Themen sind das? Fremdenhass. Gegen den rede ich schon an, seit ich auf der Bühne stehe. Gerade heute sollte man doch begriffen haben, dass die Welt vor Problemen steht, die man nur gemeinsam lösen kann. Und da kommt in den USA und in Europa der alte Nationalismus wieder hoch. Ich dachte eigentlich, dass wir schon viel weiter wären. Das frustriert. Also thematisiere ich es wieder. Aber ich habe mir darüber schon den Mund fusselig geredet. Und ich rede auch über diesen Frust. Der Kabarettist predigt zu Gläubigen, er bekehrt keine Heiden. Ihr Publikum ist doch eh auf Ihrer Seite, oder? Ich glaube, das ändert sich gerade. Auch unter Kabarettbesuchern gibt es inzwischen Ansichten, die es dort früher nicht gegeben hätte. Weil eine Menge Gedankengut vom Rand der Gesellschaft in die Mitte drängt und salonfähig wird. Und gutes Kabarett bestätigt nicht nur, es fordert auch mal heraus. Da bekommen auch wir Kabarettisten schon mal Gegenwind. Haben Sie da Beispiele? Ich bin durch und durch Humanist und sage, dass wir keine Menschen ertrinken lassen dürfen oder in Lagern unter schlimmsten Bedingungen festhalten, nur damit sie nicht nach Europa kommen. Aber es gibt heute in der Mitte der Gesellschaft Menschen, die das nicht so sehen. Und schon hat jemand eine Kabarettkarte, der mich für einen links-grün versifften Gutmenschen hält. Für einen früheren Fasnachter sind Sie ganz schön politisch geworden. Wie kam das? Ich habe nie Figuren gespielt und war immer ich selbst. So habe ich als Zehnjähriger auf der Bühne angefangen, und so ist es geblieben. Ich spreche über das, was mich persönlich betrifft. Und ich habe mich immer für Politik interessiert. So war die Entwicklung zwangsläufig. | Interview: Gereon Hoffmann

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