Bad Dürkheim
Fund nach 40 Jahren: Der Geldbeutel unterm Kirchendach
Für Birgit Klein war es eine verfrühte Weihnachtsüberraschung. „Ich war einfach nur mega perplex“, beschreibt Klein ihre Gefühlslage während eines Telefonats mit dem Bad Dürkheimer Dekan Stefan Kuntz. Kuntz hatte sie gerade gefragt, wann sie zuletzt unter dem Dach der Schlosskirche war. Die Antwort: noch nie. Trotzdem hatten Arbeiter bei der derzeit laufenden Instandsetzung des Dachstuhls etwas gefunden, das ihr gehörte: ihren Geldbeutel, den sie vor mehr als 40 Jahren verloren und schmerzlich vermisst hatte. Das Portemonnaie steckte in einem Haufen aus Schutt, der offenbar Anfang der 1980er-Jahre dort angehäuft worden war.
Klein, die mittlerweile in Bonn arbeitet, aber regelmäßig ihre Eltern in Fußgönheim besucht, konnte sich mehr als 40 Jahre nach jenem Tag im April 1981 zunächst gar nicht mehr an ihren Verlust erinnern. Erst der leere Blutspende-Ausweis der frühren Jugend-Rotkreuzlerin ließ es klingeln. Außer diesem fanden sich Personalausweis, Monatskarte für die Rhein-Haardtbahn und vor allem jede Menge alter Bilder im Portemonnaie. Geld war allerdings nicht mehr drin. „Das ist auch kein Wunder, ich hatte damals nämlich keins. Meine Tagesration waren 2,50 Mark“, erinnert sich Klein, die inzwischen ein Medienteam bei der Telekom leitet. Doch wie kam die Geldbörse unters Kirchendach? Dekan Kuntz und Birgit Klein haben nach einem guten Stück Detektivarbeit einen Verdacht. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Sanierung der Schlosskirche Anfang der 1980er-Jahre. Kuntz holte eigens das Bautagebuch des ehemaligen Architekten hervor, das mit einem Eintrag vom 10. April 1981 endet. Zu dieser Zeit machte Klein gerade eine Ausbildung zur Fachverkäuferin bei der Bäckerei Chelius in der Leiningerstraße. „Eigentlich wollte ich Bäckerin oder Konditormeisterin werden, doch eine Frau in Männerberufen, das war damals schwierig. Das scheiterte schon daran, dass eine eigene Dusche für mich in dem Betrieb nötig gewesen wäre“, erinnert sich Klein. Doch es kam ohnehin anders.
Frisch verliebt in der Telefonzelle
„Wir haben zusammengetragen, was wir wissen“, erzählt Kuntz. An diesem Tag im April verbrachte Klein ihre Mittagspause wie so oft bei einer Kollegin, die in der Nähe der Schlosskirche wohnte. Die Inhaber hätten wert darauf gelegt, dass die Lehrlinge ihre Pause außerhalb der Bäckerei verbringen, berichtet die 58-Jährige. Also ging sie mit zur Kollegin. Allerdings machte Klein einen Abstecher zur Telefonzelle ganz in der Nähe. Die damals 16-Jährige war gerade frisch verliebt und telefonierte immer in der Mittagspause mit ihrem damaligen Freund. „Da habe ich den Geldbeutel in der Telefonzelle vergessen“, sagt Klein. Sie sei sofort zurückgelaufen, als sie den Verlust bemerkt habe. „Aber der Geldbeutel war weg.“ Jemand, der Zutritt zur Baustelle hatte, habe ihn wohl an sich genommen, das wenige Geld eingesteckt und den Geldbeutel im Schutthaufen versteckt, vermutet Kuntz. Dort überdauerte die Geldbörse den Fall der Mauer, zwei WM-Titel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und die Kanzlerschaften von Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Was jetzt eine nette Anekdote ist, war für Klein damals eine mittlere Katastrophe. „Allein die Monatskarte für Bus und Bahn hat 39 Mark gekostet. Als Auszubildende hatte ich so um die 250 Mark im Monat, davon habe ich noch einen Teil bei meinen Eltern abgegeben. Man kann sich ausrechnen, dass jegliches Freizeitvergnügen für diesen und den nächsten Monat gestrichen war, weil ich einfach kein Geld hatte“, erzählt Klein.
Wenig später musste die ehemalige Leistungsturnerin zum wiederholten Mal an der Hüfte operiert werden, weshalb sie die Ausbildung abbrach und eine kaufmännische Lehre bei einer kleinen Spedition machte. Schließlich wechselte sie zur Telekom nach Mannheim und später in die Konzernzentrale nach Bonn. Ihren damaligen Freund hat Klein, die Mutter einer Tochter ist, auch nicht mehr. Der Inhalt der Geldbörse aus ihrer Jugendzeit soll aber einen Ehrenplatz unter Plexiglas erhalten. „Wahnsinn, wie gut alles erhalten war. Man könnte fast meinen, die Sachen seien, luft-, licht- und wasserdicht verschlossen gewesen“, staunt Dekan Kuntz, der den Geldbeutel übrigens mit einem simplen Anruf bei Kleins Eltern seiner Besitzerin zurück brachte. Aber das ist eine andere Geschichte…