Bad Dürkheim
Fußball: Von Doppelsechs bis falsche Neun
Pelé, Maradona, Zidane, Zico – das waren Weltstars, bei denen jeder Fußballer weiß, dass sie die Nummer 10 trugen. Genauso wie jeder Fan weiß, dass Franz Beckenbauer die 5 oder Uwe Seeler die 9 auf dem Rücken hatte. Aber auch wer heute Fußball-Übertragungen im Fernsehen oder Radio verfolgt, bekommt immer wieder Formulierungen wie Sechser, Achter oder Zehner zu hören. Mancher Trainer spricht von der echten oder falschen Neun – Bezeichnungen, die sich ein Laie nicht erklären kann. Diese Zahlenspiele haben mit den ursprünglichen Rückennummern der Akteure zu tun.
Früher gleichbedeutend: Nummer und Position
In Zeiten, in denen noch von 1 bis 11 durchnummeriert wurde, war eine Nummer gleichbedeutend mit der Position. Der rechte Verteidiger trug die 2, sein Pendant auf der linken Seite die 3. Die 5 war für den Abwehrchef reserviert. Man denke nur an Franz Beckenbauer bei Bayern München, Matthias Herget von Bayer Uerdingen oder Miroslav Kadlec beim 1. FC Kaiserslautern. Die 4 war die klassische Rückennummer der Vorstopper wie Nationalspieler Karlheinz Förster, Jürgen Kohler oder Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck.
Im Mittelfeld tummelten sich die Spieler mit den Rückennummern 6, 8 und 10. Wolfgang Rolff, Guido Buchwald oder Sami Khedira trugen oft die 6, wenn sie in der Nationalelf spielten und verkörperten den defensiven Mittelfeldspieler, der lauf- und zweikampfstark sein sollte. Er kümmerte sich oft um den Spielmacher des Gegners. Diese Spezies wiederum trug meist die 10 auf dem Rücken: Wolfgang Overath beim 1. FC Köln, Günter Netzer bei Borussia Mönchengladbach und Hansi Müller vom VfB Stuttgart. Die 8 hatte meist ein Mittelfeldspieler, der defensive und offensive Aufgaben zu erfüllen hatte. Diese Aufteilung spiegelt sich noch heute in den Bezeichnungen Sechser, Achter und Zehner wieder. Sie geben Hinweise auf die Position des Akteurs.
Im Angriff war es relativ einfach. Die 7 war dem Rechtsaußen vorbehalten, die 11 dem Linksaußen. Die 9 war die Nummer des Mittelstürmers und Torjägers. Uwe Seeler, Klaus Fischer oder Horst Hrubesch stehen exemplarisch für viele andere zentrale Stürmer. Alle drei eint, dass sie echte Neuner waren. Irgendwann tauchte die falsche 9 auf, ein flexibler, nicht auf die zentrale Position festgelegter Stürmer, der der gegnerischen Abwehr die Orientierung schwer machen und ihr Rätsel aufgeben soll.
Keine großen Erklärungen nötig
Nicht jeder kann sich damit anfreunden, und inzwischen geht der Trend wieder zum klaren Mittelstürmer. In der Bundesliga sind zum Beispiel Robert Lewandowski, Erling Haaland, André Silva, Wout Weghorst, Lucas Alario oder Nils Petersen echte Neuner. Groß, kopfball- und abschlussstark soll dieser Typ sein, dessen Arbeitsplatz in erster Linie der gegnerische Strafraum ist.
Wenn Trainer früher sagten, „du spielst gegen die 7“, war dem Angesprochenen klar, dass er als linker Verteidiger den gegnerischen Rechtsaußen zu beschatten hatte. Und wenn der Zeugwart demjenigen eine Woche später das Trikot mit der 4 in die Hand drückte, wusste der Abwehrspieler, er verteidigt dieses Mal zentral. Große Worte waren da nicht nötig, die Rückennummer sprach für sich.
Die Bedeutung der Trikotnummern hat aber kulturelle Unterschiede. In anderen Ländern sind oder waren andere Nummerierungen gängig. In der brasilianischen Nationalmannschaft trägt der linke Außenverteidiger die 6. Roberto Carlos und Marcelo hatten zwar bei Real Madrid andere Nummern, aber in der Selecao liefen die beiden Linksverteidiger mit der 6 auf. Anders ist es in vielen osteuropäischen Teams. Da trug der Linksverteidiger traditionell die 4. In England, dem Mutterland des Fußballs, wurden den Innenverteidigern die Nummern 5 und 6 zugeteilt. Der deutsche Sechser trug in England in der Regel die 4 auf dem Rücken. Und bei den Franzosen ist die 16 immer für einen Torhüter vorgesehen.
Emir Brguljak will die 8 dauerhaft behalten
Heute hat sich vieles geändert. Selbst in den unteren Klassen sind hohe zweistellige Rückennummern an der Tagesordnung. Rückschlüsse auf die Position lassen die nur noch selten zu. Manche Spieler tragen eine ausgefallene Nummer über Jahre. In der Bundesliga etwa Thomas Müller die 25 bei den Bayern, Marcel Schmelzer die 29 in Dortmund oder Bastian Oczipka die 24 bei Schalke 04.
Eine über Jahre feste, aber keine Rückschlüsse auf die Position gebende Zahl haben auch Kicker aus dem Amateurlager auf dem Trikot. Etwa Emir Brguljak, der beim Bezirksligisten FV Freinsheim die 8 trägt, aber in der Innenverteidigung spielt. „Die 8 ist meine Lieblingszahl. Als ich im Januar 2011 zum SV 1911 Bad Dürkheim gewechselt bin, wurde ich gefragt, welche Nummer ich haben will. Die 8 hatte damals Jascha Prinz. Doch als der im Sommer gewechselt ist, habe ich die 8 übernommen“, erklärt der 31-Jährige. Steven Gerrard (Liverpool) und Frank Lampert (Chelsea), für die der Filialleiter eines Supermarkts einst schwärmte, trugen ebenfalls die 8. Bei seinem Wechsel nach Freinsheim hatte Brguljak mehr Glück, die 8 war frei. „Bis zum Ende meiner Laufbahn werde ich diese Nummer nicht mehr abgeben“, betont der Freinsheimer.
„Es ist auch ein bisschen Aberglaube dabei“
Etwas anders ist es bei Nicolas Burret, der im Sommer von Bezirksligist Rot-Weiss Seebach nach Worms wechselt. „In der Jugend hatte ich zunächst die 7. Aber irgendwann fand ich die 17 gut. Die Nummer hat mir gefallen“, sagt der Abwehrspieler. Als er nach Seebach kam, hatte Matthias Pfaffmann die 17 auf dem Rücken und Burret musste sich mit der 14 anfreunden. Doch in der nächsten Saison hatte Pfaffmann die Rot-Weissen verlassen und der 22-jährige Innenverteidiger konnte seine Lieblingsziffer übernehmen. „Und wenn man eine gute Runde gespielt hat, wechselt man die Nummer nicht. Es ist auch ein bisschen Aberglaube dabei“, räumt der angehende Kaufmann für Versicherungen und Finanzen ein.
Manchmal haben die Gründe, die zur Rückennummer führen, nichts mit einem Vorbild oder Lieblingsspieler zu tun. „Ich trage die Nummer 9, weil meine beiden Kinder im September Geburtstag haben“, verrät Christian Wahl vom B-Ligisten FC Leistadt. Persönliche Gründe, wie das Wiegenfest der fünfjährigen Zwillinge, gaben auch in früheren Jahren den Ausschlag für seine Rückennummer. „In Ellerstadt oder beim ersten Mal in Leistadt habe ich die 13 getragen, weil ich an einem 13. Geburtstag habe“, erzählt der 38 Jahre alte Schornsteinfegermeister. Die aktuelle 9 passt – zumindest hin und wieder – zu seiner Rolle. Der Mittelstürmer bekleidet aber auch defensivere Positionen. „Die 9 behalte ich, bis ich aufhöre zu spielen“, versichert Wahl.
Seine Lieblingszahl auf dem Rücken tragen zu wollen, ist mitunter gar nicht so einfach. „In der Jugend in Horchheim hatte ich die 10, bei Wormatia Worms später die 18, die mir zugeteilt wurde, weil ich an einem 18. Geburtstag habe“, berichtete Nico Volz, Mittelfeldspieler beim Bezirksligisten SV Weisenheim. Dort wurde ihm sein Wunsch erfüllt, mit der 23 auflaufen zu können. „Das ist meine Zahl. Sie hat auch mein Lieblingsspieler David Beckham bei Real Madrid getragen“, erläutert der 26-jährige Volz. Der Anlagenmechaniker, der sich in der Abendschule zum Techniker fortbildet, geht sogar noch einen Schritt weiter mit seiner Begeisterung: „Die 23 habe ich mir auf die Innenseite des linken Oberarms tätowieren lassen.“