Freinsheim
Fotografin Melanie Hubach kauft Stellwerk
Das rot-braune Backsteingebäude liegt, idyllisch zwischen Weinbergen in Freinsheims Süden eingebettet, an der Bahnstrecke Freinsheim-Frankenthal. „Friedhofstraße 50“ lautet die Adresse. Die Hausnummer hat die neue Besitzerin Melanie Hubach extra anfertigen und mit einer Beleuchtung versehen lassen, damit sie auch im Dunkeln gut zu sehen ist.
Es war aber das Licht, das die Fotografin bei einer Besichtigung des rund 60 Quadratmeter großen Häuschens mit seinem zwei Etagen sofort begeistert hatte. Vom oberen Stockwerk mit seinen Fenstern rundum eröffnen sich herrliche Ausblicke auf Freinsheims Altstadt und die Weinberge. Auch den Balkon des Vorbesitzers sieht man von hier aus. Der ehemalige Freinsheimer Verbandsbürgermeister Gottfried Nisslmüller hatte 2006 im Internet entdeckt, dass die Deutsche Bahn ihre Immobilie verkaufen wollte.
Früher zuständig für sieben Bahnübergänge
Sieben Bahnübergange wurden vom Freinsheimer Stellwerk aus bedient. Als alles zentral von Neustadt aus gesteuert wurde, hatte das Häuschen für die Bahn keinen Nutzen mehr. „Wenn man in der Nachbarschaft wohnt, da will man nicht, dass das Haus jemandem x-Beliebigen in die Hände fällt, der es vielleicht nicht richtig wertschätzt“, erklärt der 84-Jährige heute sein großes Interesse an dem Haus. Es gab damals zwar noch andere Mitbewerber, aber wegen der sehr hohen Erschließungskosten, die auf den zukünftigen Besitzer zukommen würden, zogen diese ihre Gebote zurück. Teuerste Investition war denn auch der Einbau eines Hebewerks mit Anschluss an das Kanalnetz.
Nisslmüller gestaltete das Häuschen komplett um, baute Küche und Bad ein und machte daraus eine Übernachtungsmöglichkeit für Feriengäste und seine eigene große Familie. Als er erfuhr, dass auf dem 450 Quadratmeter großen Gelände ein Pflanzrecht für Reben besteht, entschloss sich Nisslmüller außerdem, die Brombeerhecken im Garten zu entfernen und sieben Reihen Riesling-Reben zu pflanzen, die er aus Dackenheim von Bürgermeister Edwin Schrank bekam. Die kleinste Freinsheimer Weinlage mit 160 Rebstöcken wurde „Am Stellwerk“ getauft. Zu besonderen Anlässen wird der Bahndamm-Riesling ausgeschenkt, der vom benachbarten Weingut Rings ausgebaut wird. Der Verkauf des Gebäudes an die Erpolzheimerin Melanie Hubach war so eine Gelegenheit.
Begeistert von den Plänen
Wobei es eigentlich erst um eine Vermietung mit Umnutzung ging. Denn die Fotografenmeisterin, die sich vor sieben Jahren selbstständig machte, war auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein eigenes Fotostudio mit Büroräumen. Ein Ladengeschäft sollte es aber nicht sein. „Mir hat das Stellwerk schon immer gefallen“, erzählt die 39-Jährige. Nachdem sich andere Möglichkeiten zerschlagen hatten, nahm sie zum Jahresende 2019 Kontakt mit Nisslmüller auf. Aus der Vermietung wurde dann doch ein Verkauf, denn Nisslmüller war von Hubachs Umgestaltungsplänen ziemlich begeistert. Er kommt gerne regelmäßig zur Baustelle rüber, um die neusten Fortschritte zu begutachten.
Im Sommer 2020 begann der Umbau, der sich immer aufwendiger gestaltete. Da sie wegen Corona aber sowieso nicht mehr reisen konnte – Ausstellungen ihrer Fotos von der Antarktis, aus Israel oder New York waren in der Region oft zu sehen – widmete sich Hubach in ihrer Freizeit ganz ihrer neuen Immobilie. 250.000 Euro werde sie inklusive Kaufpreis wohl am Ende in das Haus investiert haben, schätzt Hubach. „Es ist zwar klein, aber sehr speziell“, umschreibt die stolze Besitzerin ihr Haus. Von der Geschichte des Stellwerks hätte sie gerne mehr erfahren. „Es muss um 1930 herum entstanden sein. Aber es gibt nirgendwo einen Hinweis oder alte Bilder“, bedauert sie.
„Stellwerk nicht entfremden“
Denkmalschutzauflagen muss Hubach nicht beachten. Aber: Von der Stange bekomme man letztlich für diese Größe und ihren Wünschen entsprechend nicht viel. Dabei gehe es ihr darum, den alten Charme des Gebäudes zu erhalten. „Ich will das Stellwerk nicht entfremden, aber moderner machen“, umschreibt sie ihren Plan. Dieser industrielle Charakter soll sich auch bei der Auswahl des Eichenparketts oder in der Wiederverwendung der alten Lichtschalter und Lampen widerspiegeln. Mit neuer Elektrik, gedämmtem Dach und frisch verputzten Wänden wurde in den vergangenen Monaten – mit einigen Rückschlägen zwischendurch – schon viel von Hubachs Wünschen umgesetzt. Die Fenster bekamen Jalousien mit Insektenschutz. Fast fertig ist das mit Fußbodenheizung ausgestattete Fotostudio im unteren Stockwerk, von wo aus man eine kleine Terrasse betritt. Die Haupteingangstür und die Tür zur Terrasse müssen noch durch neue einbruchsichere Konstruktionen ersetzt werden. Das Haus wird bereits mit einer Alarmanlage mit Videoüberwachung geschützt. „Sie ist unglaublich umtriebig“, sagt Nisslmüller über seine neue Nachbarin, von der ihn nur ein Weinberg und die Bahnlinie trennt.
Umziehen will die ehemalige Weinprinzessin von Erpolzheim mit ihrem Fotostudio im Spätsommer – auch wenn der schnelle Glasfaseranschluss, den sie nach einigen Hürden über Inexio bestellt hat, wohl bis dahin noch nicht fertig ist. „Ich überlege mir gerade eine Zwischenlösung mit Hilfe von 5G“, verrät sie. Denn täglich müsse sie riesige Mengen an Daten an ein Rechenzentrum in Grünstadt übertragen, wo ihre Fotos gespeichert werden.