Neustadt / Bad Dürkheim
Erst ausgespäht, dann bestohlen: Was man tun soll, wenn der Geldbeutel weg ist
Der Rempler ist unangenehm, doch immerhin scheint der Verursacher sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen. Mehrfach entschuldigt er sich, fast unterwürfig bittet er um Vergebung für das angebliche Versehen. Doch der Rempler geschah in Wirklichkeit mit voller Absicht, und die wortreiche Entschuldigung dient der Ablenkung, damit der Komplize ungestört und unentdeckt das Portemonnaie aus der Tasche des Opfers stehlen kann.
Es ist eine Masche, die Denis Winter nur zu gut kennt. Er ist bei der Neustadter Kriminalpolizei im Dezernat Vermögen und Eigentum tätig und damit auch für Taschendiebstähle zuständig. In vielen Fällen geschieht der Diebstahl aber heimlich, still und leise, bevorzugt in Geschäften. Die Diebinnen, in der Mehrzahl sind es Frauen, spähen dort ihre potenziellen Opfer aus, bleiben ihnen auf den Fersen, um eine günstige Gelegenheit zum Diebstahl zu nutzen. Doch viele Geschäfte rüsteten im Kampf gegen die Kriminellen auf, wie Winter berichtet. Das hängt auch damit zusammen, dass sie dem Ladendiebstahl begegnen wollten.
Eine wichtige Neuerung sind Kameras auf Augenhöhe, die die Identifikation des Täters oder der Täterin erleichtern. Er habe erst vor Kurzem eine Diebin eindeutig identifiziert, erläutert der Kriminalhauptkommissar. Gefasst ist sie damit zwar noch nicht, aber ihr Entdeckungsrisiko steigt. Denn die Täterinnen gehören oft zu Banden, die im ganzen Bundesgebiet tätig sind.
Für die Jahre 2023 und 2024 verzeichnete die Polizei in Neustadt 120 Taschendiebstähle, wobei sich Läden in der Hauptstraße wieder einmal als Schwerpunkt herausstellten. Die Polizeiinspektion Bad Dürkheim meldet in beiden Jahren insgesamt 67 solcher Delikte, die allermeisten davon in der Stadt Bad Dürkheim. Den Gesamtschaden beziffern die Beamten auf rund 20.000 Euro.
Außer in Supermärkten und Geschäften ist in Bad Dürkheim auf dem Wurstmarkt besondere Vorsicht geboten. Im vergangenen Jahr ereigneten sich auf dem Festgelände neun Taschendiebstähle auf dem Festgelände, 2023 waren es 17 – zehn davon ereigneten sich in einem Festzelt.
Wer bemerkt, dass das Portemonnaie gestohlen wurde, soll sofort die Polizei benachrichtigen, bittet Winter. Außerdem sollte man gegebenenfalls die Bankkarte sogleich unter der Notrufnummer 116 116 sperren lassen, weil die Karte von den Tätern meist direkt genutzt wird. Das gilt vor allem, wenn man – was man natürlich nicht tun sollte – die Pin dabeiliegen hat. Manche Leute hätten die Pin in „verschlüsselter“ Form dabei, etwa als vermeintliche Telefonnummer. Aber auch das könne von den Dieben durchschaut werden, sagt der Kripobeamte Winter.
Wie man sich schützt
Um das Problem Taschendiebstahl stärker in den Fokus zu nehmen, gebe es bei Polizeiinspektion und Kriminalinspektion Neustadt eigene Ansprechpartner. Verdeckte Maßnahmen, zu denen Winter freilich nichts sagen will, seien verstärkt worden.
„Man sollte seine Wertgegenstände so sichern, dass sie nicht einfach mitzunehmen sind“, nennt Winter als generelle Leitlinie. Oft würden die Opfer ausgespäht. So ein 26-Jähriger im vergangenen Jahr auf dem Wurstmarkt: Er war mit seiner hochwertigen Spiegelreflexkamera auf dem Festgelände unterwegs, um zu fotografieren. Als er eine Pause auf einem Poller einlegte, wurde ihm die Spiegelreflexkamera aus dem mitgeführten Turnbeutel entwendet. Den Turnbeutel hatte er nach Polizeiangaben im gesamten Zeitraum rechts neben sich auf dem Boden liegen. Täterhinweise lagen keine vor. Der Schaden durch den Verlust beläuft sich auf etwa 3000 Euro.
Die Polizei rät auch dazu, Taschen immer mit der Verschlussseite am Körper zu tragen, um Kriminellen keinen leichten Zugriff zu ermöglichen. Geldbeutel in der hinteren Hosentasche oder der offenen Seitentasche einer Jacke können ebenfalls eine leichte Beute darstellen.
Um den Täterinnen, die zu Banden gehören, auf die Schliche zu kommen, arbeiten die Polizeibehörden im ganzen Land zusammen. Das zeitigt durchaus Erfolge. Als Winter kürzlich einen Diebstahl an das Landeskriminalamt meldete, „konnten die mir die Diebin nennen“.
Die Serie
In unserer Serie „Vorsicht Kriminelle“ blicken wir auf die Maschen von Betrügern, Einbrechern und Taschendieben und erklären, wie sich die Menschen schützen können.