Bad Dürkheim Endlich ein Fass aufgemacht ...

Tag fünf in Bad Dürkheim, und ich habe es getan. Ich habe mir das Riesenfass von innen angeschaut. Immer wieder bin ich daran vorbeigefahren und immer wieder habe ich gedacht: Nee, das ist was für trinkfreudige Kegelclubs, die nach Loreley und Rüdesheimer Drosselgasse nun weinselig in die Pfalz einfallen. Und steht da nicht gerade ein großer Reisebus aus Kleve davor? Aber dann erinnerte ich mich an meinen Heimatkundeunterricht in der Grundschule. Ludwigshafen: BASF, Speyer: Dom, Kaiserslautern: Betzenberg, Bad Dürkheim: Riesenfass. So wurden mir vor langer Zeit die Besonderheiten der Pfälzer Städte beigebracht. Überall war ich schon – nur noch nicht im „Fass“. Man muss es nicht mögen, das Fass, aber es ist originell. Und es ist ein handwerkliches Meisterstück, dessen Erbauer offenbar dickköpfig genug war, es trotz großer Schwierigkeiten zu vollenden. Was mir gefällt: Das Riesenfass ist ehrlich, es ist keine Fassade. Es gibt nicht vor, ein Riesenfass zu sein, es ist eines. Eine Eigenschaft, die das architektonisch undefinierbare Nachbargebäude nicht besitzt. Dieses atmet nicht den Hauch von Erhabenheit, die es mit dem hochtrabenden Namen „Weindom“ vorgeben will. Schade. Das Riesenfass ist aus der Zeit gefallen, es wirkt wie ein mit Frakturzeichen und vielen Weinranken verziertes Weinetikett. Aber seit all die Schneiders und Hensels grafisch neue Maßstäbe gesetzt haben und die Flaschen jetzt daherkommen wie Designprodukte, ist das Riesenfass eine Reminiszenz an die Zeit, als es noch keine Vollernter und Aluminiumtanks gab. Und gerade deshalb finde ich es gut. Beim Blick über den Wurstmarktplatz entdecke ich dann sogar eine Parallele zu Berlin. Es ist die Dauerbaustelle der Gondelbahnstation. Kollege Spengler hat mir gestern die wechselvolle Geschichte dieses Projektes erklärt, in deren Verlauf immer wieder die Gerichte bemüht wurden. Ich denke an den unvollendeten Hauptstadtflughafen BER. Seit der spektakulären Nichteröffnung des Airports sind bis gestern 1125 Tage vergangen. Der Unterschied ist nur: Der Flughafen ist weit draußen, die Gondelstation aber mittendrin. Kein schöner Anblick. Der Autor —Der Autor arbeitet als Hauptstadt-Korrespondent der RHEINPFALZ in Berlin. Er verbringt zwei Wochen in Bad Dürkheim, um weit entfernt vom Berliner Politikbetrieb mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, für die er schreibt.