Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Die letzte Metzgerei der Kurstadt: Warum Familie Tempel keine Zukunftssorgen hat

Bei der Arbeit im Ausbeinraum: Die Fleischer Marc (links) und Gerhard Tempel zerlegen Roastbeef und Rinderkeulen.
Bei der Arbeit im Ausbeinraum: Die Fleischer Marc (links) und Gerhard Tempel zerlegen Roastbeef und Rinderkeulen.

Rings um Bad Dürkheim schließen die Metzgereien. Oft, weil es keinen Nachfolger gibt. Nicht so bei Familie Tempel: Vater und Sohn teilen sich die Geschäftsführung. Im Gespräch erklären sie, warum sie keine Zukunftssorgen haben.

Die Metzgerei Tempel gibt es seit 62 Jahren. Wie haben sich die Kundenwünschen in dieser Zeit verändert?
Gerhard Tempel: Früher haben die Leute anders Fleisch gegessen: Da gab es sonntags den klassischen Braten, heute werden eher Steaks und anderes Grillfleisch verlangt. Außerdem essen die Kunden weniger Innereien, Rinderherzen werden gar nicht mehr nachgefragt – außer als Anschauungsmaterial für Schulklassen.

Marc Tempel: Inspiriert von Social Media und Kochshows wollen die Kunden spezielle Steakcuts, etwa Flanksteaks. Manche Männer in meinem Alter grillen leidenschaftlich gern und haben sich einen Barbecue-Smoker angeschafft. Die fragen dann ganz bewusst nach bestimmtem Fleisch, das auch etwas teurer sein darf. Generell ist das Qualitätsbewusstsein gestiegen.

Apropos Qualität: Woher kommen Schweine, Rinder und Geflügel?
Gerhard Tempel: Wir werden zweimal in der Woche mit schlachtwarmen Schweinen beliefert, jeweils so 15 bis 20 Tiere. Sie kommen aus dem hessischen Groß-Umstadt, von einem kleinen Züchter mit etwa 2000 Tieren. Die verarbeiten wir tagesaktuell zu Bratwurst, Leberwurst und Aufschnitt, Zwiebelfleisch bieten wir zum Wurstmarkt an oder liefern es für Feste. Aus Rindervierteln, von denen wir einmal pro Woche drei bis vier bekommen, werden etwa Steaks geschnitten wie das Entrecote oder Rib-Eye, jeweils mit oder ohne Fettabdeckung. Hähnchen und Pute beziehen wir überwiegend aus Baden-Württemberg. Das Wichtigste ist die Qualität, die muss stimmen.

Marc Tempel: Interessant ist, dass die Kunden beim Schweinefleisch großen Wert auf Regionalität legen. Bei Rindern ist das anders, hier werden auch spezielle Rassen nachgefragt, beispielsweise US Beef, Kobe-Rind aus Japan oder argentinische Rumpsteaks.

2021 hat die Metzgerei Ester in der Nachbarschaft geschlossen, auch die Metzgerei Süss aus Weisenheim am Sand und deren Filialen gibt es seit ein paar Jahren nicht mehr, die Metzgerei Pelgen aus Neustadt schließt jetzt Ende Juni. Was bedeutet das für Ihr Geschäft?
Gerhard Tempel: Wir führen ein gut gehendes Ladengeschäft und haben durch die Schließungen Kunden dazubekommen. In Summe verkaufen wir mehr. Inzwischen sind wir die einzige traditionelle Metzgerei in Bad Dürkheim. Natürlich gibt es auch Supermärkte mit Frischetheken, aber individuelle Wünsche können nur wir erfüllen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Zum Teil kommen Kunden aus Frankenthal, Mannheim und Neustadt am Wochenende zu uns und verbinden den Einkauf mit einem Ausflug in die Kurstadt.

Herr Tempel, Sie sind Lehrlingswart in der Fleischerinnung Süd- und Vorderpfalz und haben vor ein paar Wochen Gesellenprüfungen abgenommen. Wie viele Prüflinge waren es?
Gerhard Tempel: Es waren sieben Lehrlinge aus dem Raum Grünstadt, Landau, Ludwigshafen und Speyer. Als ich gelernt habe, waren es alleine im Bezirk Ludwigshafen um die 40 bis 50 Lehrlinge. Es gibt immer weniger, die den Beruf ergreifen wollen.

Im Ladengeschäft mit einem Teil des Verkaufsteams (von links): Silke Pflüger, Marc Tempel, Irene Berisha, Zita Lakos und Gerhard
Im Ladengeschäft mit einem Teil des Verkaufsteams (von links): Silke Pflüger, Marc Tempel, Irene Berisha, Zita Lakos und Gerhard Tempel.

Warum?
Gerhard Tempel: Es ist Arbeit, wir fangen um 6 Uhr an und arbeiten an sechs Tagen in der Woche bis 14 Uhr. Der Beruf ist sehr komplex und wird oft unterschätzt: Die Lehrlinge müssen sich mit vielen Themen befassen, etwa mit Hygiene, mit den Fleischteilen, der Zerlegung, der Wurstherstellung, den computergesteuerten Maschinen, deren Wert durchweg fünfstellig ist. Dazu kommt die körperliche schwere Arbeit des Handwerks. Abends ist man müde, das wollen sich nicht mehr viele antun.

Marc Tempel: Vor zehn Jahren waren es bei mir im ersten Lehrjahr zehn Lehrlinge, davon haben vier die Prüfung abgelegt, der Rest hat abgebrochen.

Herr Tempel, warum haben Sie sich für den Beruf des Metzgers entschieden und setzen die Familientradition fort?
Marc Tempel: Ich bin in der Metzgerei aufgewachsen, mein Laufstall stand zwischen Wurstküche und Ladengeschäft. Ich war immer mit dabei, wie meine Geschwister, die haben aber andere Wege eingeschlagen. Mir macht der Beruf Spaß, ich mag die Wurstproduktion, die Arbeit im Team. Wir fangen früh an, dafür haben wir nachmittags frei. Und das Erfolgserlebnis sind zufriedene Kunden.

Wie viele Angestellte haben Sie?
Gerhard Tempel: Wir haben 15 Angestellte, davon ein Metzgermeister, ein Geselle und das Verkaufspersonal, von denen viele Frauen schon sehr lange bei uns sind. Außerdem schaut mein Vater mit 87 Jahren beinahe täglich vorbei, er kann nicht ohne die Metzgerei leben.

Und wie klappt die Zusammenarbeit von Vater und Sohn?
Marc Tempel: Sehr gut, mein Vater lässt mich Neues ausprobieren und wenn es nicht klappt, nehmen wir es wieder aus dem Programm.

Gerhard Tempel: So wie die vegetarische Wurst, die ich versuchsweise mal angeboten habe. Die wurde kaum nachgefragt. Ich denke, Vegetarier kaufen woanders ein. Aber einen Versuch war es wert. Man muss offen bleiben. Ich probiere auch immer mal wieder Wurst bei anderen Metzgereien, um deren Würze zu testen.

Zum Abschluss: Machen Sie sich Sorgen um ihren Berufsstand und wie sieht die Metzgerei der Zukunft aus?
Gerhard Tempel: Den Beruf wird es weiter geben, der Markt ist da. Schwierig wird es für Familienbetriebe, wenn kein Nachfolger da ist.

Marc Tempel: Es ist schade, dass es immer weniger Kollegen gibt, mit denen man sich austauschen kann. Sicherlich wird der Selbstbedienungsbereich mehr Bedeutung bekommen, schon jetzt verkaufen wir viel Ware, die frisch vakuumverpackt wird. Möglicherweise wird die Sortenvielfalt geringer, aber die individuelle Beratung bleibt wichtig.

Die Metzgerei Tempel – seit 1962 in Bad Dürkheim

Die Spezialitäten-Metzgerei Tempel wurde 1962 von Wolfgang Tempel, Sohn des Viehhändlers und Metzgers Karl Tempel, in Bad Dürkheim gegründet. Standort war der Römerplatz. 1977 erwarben Wolfgang und Wilma Tempel das heutige Geschäftshaus in der Leiningerstraße 11. Gerhard Tempel absolvierte 1987 die Meisterprüfung und übernahm 1994 das Geschäft gemeinsam mit Frau Denise. In dritter Generation ist bereits Sohn Marc Tempel, dessen Freundin Vegetarierin ist, in der Metzgerei tätig. Er legte seine Meisterprüfung 2018 ab. Schwerpunkte im Angebot der Metzgerei sind Pfälzer Klassiker wie Saumagen, Leber-, Blut und Bratwurst, Grillbesonderheiten sowie die individuelle Erfüllung von Kundenwünschen.

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