Freinsheim
Der Storchenpapa erzählt seine Geschichte
Die große menschliche Storchenfamilie Gauglitz bewegt so ziemlich alles, was im Nest geschieht und sie via Webcam live mitverfolgen kann. Kann der humpelnden Storchenmutter geholfen werden? Warum lässt sich der Vater beispielsweise zwei Nächte lang nicht blicken? Wieso ist das eine Storchenbaby kleiner als das andere? Diese und andere Fragen treiben Familie Gauglitz um. Und all die Fragen über Nestauffälligkeiten erreichen irgendwann das Familienoberhaupt: Heiko Gauglitz, auch als Storchenpapa von Freinsheim bekannt. Da der 54-Jährige kein Handy besitzt, betreut seine Frau Heike die sozialen Medien. Fragen, die sie beide nicht beantworten können, geben sie an Christian Reis vom Storchenzentrum in Bornheim weiter.
Gauglitz’ Begeisterung für Störche lässt sich bis zu dem Storch Peter zurückverfolgen, für den Freinsheim Mitte der 1930er-Jahre bekannt war. „Meine Mutter und mein Vater haben davon viel erzählt“, erinnert sich Gauglitz und zückt aus dem Fotoalbum ein altes Foto, das einmal eine Ansichtskarte von Freinsheim war. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt einen Storch, der durch Freinsheim stolziert. „Der war flugunfähig und ist immer die Breite Straße entlang gelaufen zur damaligen Metzgerei Brodbeck. Dort wurde er gefüttert. Der Peter war eine richtige Attraktion“, erzählt Gauglitz. Seitdem träumt er davon, selbst miterleben zu dürfen, dass Freinsheim wieder von einem Storch als Wohnort ausgewählt wird – oder besser: von einem gesunden flugfähigen Storchenpaar, das hier in ein Nest zieht, um eine Familie zu gründen.
Ein neues Nest
Ein wichtiges Etappenziel war im März 2000 erreicht, als ein fertiges Storchennest auf dem Dach der protestantischen Kirche montiert wurde. Damals war die Stadt auf Gauglitz’ Initiative hin bereits Mitglied im Verein „Pfalzstorch“. Dadurch bekam er wertvolle Tipps fürs Störche-Anlocken und für den Nestbau. Prägte doch ein Storchennest auf der Kirche bis in die 50er-Jahre das Stadtbild. An dieser Tradition wollte man festhalten. Schließlich konnte Gauglitz viele Mitstreiter davon überzeugen.
Denn der Freinsheimer, der bei der BASF als Versand- und Logistikmeister arbeitet, hat durch seine zahlreichen Vereinsmitgliedschaften viele Kontakte. So ist er seit 39 Jahren bei der Feuerwehr und seit 25 Jahren für die FWG in der Kommunalpolitik aktiv. Alle Helfer beim Nestbau sind auf dem Farbfoto in Gauglitz’ Album abgelichtet. Zu sehen ist auch Ingrid Dörner, die 22 Jahre später mithelfen sollte, die beiden Freinsheimer Jungstörche zu beringen. Zweimal wurde das Nest bereits erneuert, die Holzkonstruktion mit den Eisenverstrebungen ist aber noch die alte von 2000.
Plastik-Adebare als Lockvögel
Im Jahr 2014 kam Gauglitz auf die Idee, in der Nähe der Kirche eine Voliere mit einem kränkelnden Storch aufzustellen, der aufgepäppelt werden muss. „Im Storchenzentrum kommt so etwas häufig vor“, hatte Gauglitz erfahren. Letztlich entschied man sich dann doch gegen ein lebendiges Lockmittel und für Plastikstörche aus dem Baumarkt: Peter (nach dem flugunfähigen Peter von früher) und Paula. Das Medieninteresse war enorm, es flogen auch ein paar Störche vorbei, um sich die Plastikkameraden einmal anzusehen. Doch eine Familiengründung wollte einfach nicht klappen.
„Ich habe schon fast nicht mehr daran geglaubt“, sagt Gauglitz. Und so versuchte er das aufkeimende Storchenfieber erst einmal etwas zu dämpfen, als im Frühjahr 2022 ein Storchenpaar sich etwas länger als sonst auf dem Nest niederließ. Womöglich hatte sich zwischen den beiden ja nur ein kurzes Strohfeuer entwickelt? Doch bald war klar: Das wird etwas Ernstes. Genauso schnell kam die Idee auf, die ganze Turtelei live zu übertragen. Erst recht, als das Weibchen anfing, Eier auszubrüten.
Kinder als Namenspaten
Der Name des Storchenpaars stand schon vorher fest: Heike und Heiko hatten sich hier gefunden, war doch klar. Die Natur wollte es so, dass von den vier geschlüpften Jungen nicht alle überlebten. Schließlich schafften es immerhin zwei, ein Männchen und Weibchen, die kritische Phase zu überstehen. Timo und Lilly heißen sie. Timo nach Gauglitz’ Sohn Timo, Lilly heißt die Tochter von Gauglitz’ Feuerwehrkamerad und Fraktionskollege Thomas Rückerl.
Inzwischen hat sich auch die Frage geklärt, warum einer der beiden Jungstörche größer ist. „Das ist das Männchen. Die Weibchen sind immer kleiner“, weiß Heike Gauglitz. Und zum Glück ist auch die Verletzung der Storchenmama wieder verheilt. „Sie humpelt nicht mehr“, ist Gauglitz beruhigt. Und dass sich der Papa auch mal zwei Nächte lang vom Stress im Nest erholen muss und von den Kindern fern bleibt, sei auch nichts Ungewöhnliches.
Nur noch bis Ende Juli werden die Live-Bilder von den Störchen übertragen, da beide dann wohl ihr Nest verlassen haben. Daran will Gauglitz noch gar nicht denken. „Das geht alles so schnell.“ Sein größter Traum wäre es, vorher noch eine Feder von den Eltern oder von einem der beiden Jungstörche abzustauben – als Erinnerung. Wer weiß? Vielleicht lässt ja einer der vierköpfigen Familie ein bisschen was vom Federkleid im Nest liegen. Noch schöner wäre es aber, wenn die Eltern im nächsten Jahr wieder nach Freinsheim kommen, um hier weiteren Nachwuchs groß zu ziehen. „Mit der Vorfreude darauf kommen wir gut durch den Winter“, sagt Gauglitz mit einem Lächeln.